Im Kino: Wheel of Fortune and Fantasy

In seinem neusten Film lässt der japanische Filmemacher Ryusuke Hamaguchi Figuren mit undurchsichtigen Motiven aufeinandertreffen. Mit durchwachsenem Ergebnis.

Was verbindet diese Frauen? 
Etwa eine gemeinsame Vergangenheit? (© Sister Distribution)

Zufälle, Imaginiertes und Merkwürdiges – in Ryusuke Hamaguchis neustem Film ist der Name Programm. Genau genommen handelt es sich bei „Wheel of Fortune and Fantasy“ um drei aufeinanderfolgende, unzusammenhängende Kurzfilme. Der erste, „Magic (Or Something Less Assuring)“, handelt von Meiko (Kotone Furukawa), die im Gespräch mit ihrer besten Freundin Tsugumi (Hyunri) verblüfft feststellt, dass es sich bei deren neuen Flamme ausgerechnet um ihren – Meikos – Ex-Freund handelt. Tsugumi lässt sie darüber im Ungewissen, noch am selben Abend sucht sie jedoch ihren Ex auf, den sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Im zweiten Kurzfilm, „Door Wide Open“, geht es um Nao (Katsuki Mori), die versucht, ihrem Liebhaber Sasaki (Shouma Kai) zuliebe den Universitätsprofessor Segawa zu verführen, um ihn anschließend zu kompromittieren. Der letzte, „Any Day Now“, handelt von zwei Frauen, die sich in Tokyo zufällig über den Weg laufen. Sie sind überzeugt, sich von früher zu kennen. Doch tun sie das wirklich?

Oberflächlich betrachtet haben die drei Kurzfilme nicht viel gemein. Nicht nur die Erzählungen existieren völlig unabhängig voneinander, auch die jeweiligen Figuren werden von verschiedenen Schauspieler*innen verkörpert. In allen drei Filmen sind jedoch drei Elemente von zentraler Wichtigkeit: die Vergangenheitsbewältigung, das Rollenspiel, und der Zufall.

Während es sich in Serien oder Langspielfilmen forciert anfühlen kann, wenn Handlungsstränge nicht so sehr durch aktive Entscheidungen der Figuren, sondern vielmehr durch blöde beziehungsweise glückliche Zufälle vorangetrieben werden, ist dem in Hamaguchis Film nicht so. Die von ihm dargestellten Zufälle sind nicht etwa auf einen Mangel an Kreativität zurückzuführen, sondern fungieren als Ausgangspunkt der Erzählungen.

Dass es den ersten beiden Kurzfilmen an Anspruch mangelt, hat demnach nichts mit diesem Stilmittel zu tun. Es ist vielmehr so, dass allein das Stilmittel ein Spannungsmoment schafft. Eine recht banale Handlung durch einen Twist aufzuwerten, fühlt sich hier eher wie eine uninspirierte, handwerkliche Übung an, als wie unterhaltsame oder gar zum Nachdenken anregende Kunst.

Nao versucht Segawa zu verführen.

So als habe es zwei missglückte Versuche gebraucht, bevor die Übung gelingt, stellt sich der letzte Kurzfilm als kleines Meisterwerk heraus. In dieser letzten halben Stunde des insgesamt 120-minütigen Streifens gelingt es Hamaguchi, eine so fesselnde wie berührende Interaktion zu inszenieren. Hier erweist sich der japanische Filmemacher als der Meister der Filmkunst, als den man ihn spätestens seit seinem in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichneten und oscarprämierten „Drive my Car“ (2021) kennt.

Müde Femme-fatale-Klischees weichen im letzten Kurzfilm einer bis zur letzten Szene unvorhersehbaren queeren Liebesgeschichte. Und trotz ihres surrealen Charakters empfindet man weitaus mehr Empathie mit den beiden Figuren als mit denjenigen in den Teilen davor.

Hier kommen Fans von „Drive my Car“ auf ihre Kosten. Zumindest inhaltlich, denn mit seinen statischen Aufnahmen ist „Wheel of Fortune and Fantasy“ weitaus weniger visuell anspruchsvoll: Fast alle Szenen dieses Episodenfilms zeigen zwei Personen, die sich innerhalb eines Raumes miteinander unterhalten.

Wem das alles nicht besonders überzeugend erscheint, sollte sich zumindest die letzten 30 Minuten dieses 2021 auf der Berlinale mit dem Jury-Preis ausgezeichneten Streifens nicht entgehen lassen.

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Bewertung der woxx : XX


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