Insektensterben: Zu wenig Schutz für Bestäuber

Es herrscht Konsens darüber, dass Bestäuberinsekten besser geschützt werden müssen. Trotzdem laufen viele Maßnahmen nur schleppend an.

Die Honigbiene ist das bekannteste Bestäuberinsekt, aber wilde Solitärbienen wie diese Hosenbiene leisten auch ihren Anteil. Über den Großteil der Wildbienenarten gibt es keine Daten zu ihrem Bedrohungstatus. (Foto: CC BY-SA 4.0 Aleksandrs Balodis/Wikimedia)

Wie lobt man sich selbst, wenn man eigentlich weiß, dass die eigene Arbeit nicht so gut war? Vor diesem Dilemma stand die EU-Kommission, als sie Ende letzter Woche ihren Fortschrittsbericht über EU-Maßnahmen zum Schutz der Bestäuberinsekten veröffentlichte. Man entschied sich für eine Art Kompromiss. Während im Titel der Pressemitteilung von „dringendem Handlungsbedarf“ die Rede war, wurde das im Text selbst ein wenig relativiert: Der Bericht zeige, „dass bei der Umsetzung der Maßnahmen der Initiative erhebliche Fortschritte erzielt wurden, sich die Bekämpfung der verschiedenen Ursachen des Rückgangs aber nach wie vor schwierig gestaltet.“ Die Vermutung liegt nahe, dass nicht die richtigen Maßnahmen getroffen wurden – und in vielen wichtigen Punkten immer noch der politische Wille fehlt.

Im November 2017 wurde in Deutschland eine Studie veröffentlicht, die erschütternde Ergebnisse aufzeigte: Beinahe drei Dekaden lang haben Forscher*innen Insekten gefangen und gewogen, wie viel Biomasse dabei zusammenkommt. Sie stellten einen Rückgang der Fluginsekten um 75 Prozent fest. Auch wenn das sogenannte Bienensterben bereits in den Jahren davor die Diskussionen um Pestizidverbote dominierte, so war nun allen klar: Es gibt einen dramatischen Rückgang der Insekten, was ein massives Problem für unsere Ökosysteme darstellt. Wenn sich nicht bald etwas ändert, könnten ganze Nahrungsketten zusammenbrechen, mit verheerenden Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. Aber auch die menschliche Ernährungsgrundlage ist in Gefahr, immerhin brauchen nicht wenige der Pflanzen, die wir essen, Bestäuberinsekten, um Samen ausbilden zu können.

Nicht nur Honigbienen

Wer an Bestäuberinsekten denkt, denkt meistens an die Honigbiene. Als Haustier ist sie nicht vom Aussterben bedroht, da Imker*innen ihre Völker genau kontrollieren und nachzüchten können, wenn es nötig ist. Allerdings ist sie nur eines von vielen Bestäuberinsekten: Auch Wildbienen, Schmetterlinge, Hautflügler, Zweiflügler und Käfer fliegen von Blüte zu Blüte und verteilen dabei Pollen. Wie viele von ihnen bedroht sind, ist aktuell überhaupt noch nicht gewusst. Offiziell gelten etwas mehr als neun Prozent der Wildbienenarten in der EU als vom Aussterben bedroht und fünf weitere Prozent als „beinahe bedroht“. Allerdings ist bei 55 Prozent der Wildbienenarten die Datenlage so dürftig, dass es aktuell noch nicht möglich ist, ihren Bedrohungsstatus einzuordnen. Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen ebenfalls mehr oder weniger stark bedroht sind.

Es verwundert also nicht, dass das Monitoring und die Erforschung der Insekten einen wichtigen Teil der EU-Bestäuberinitiative darstellen. Allerdings hat die Kommission sich damit Zeit gelassen: Obwohl die Initiative im Juni 2018 vorgestellt wurde, dauerte es ein Jahr, bis die Kommission ein Team von Expert*innen damit beauftragte, Kriterien für diese Überwachung zu erstellen. Im Januar 2021 wurden diese veröffentlicht. An zwei roten Listen wird aber bereits gearbeitet: Seit Dezember 2018 an jener für Schwebfliegen, seit April 2021 wird auch eine Liste bedrohter Nachtfalter erstellt.

Neben Forschung und Bereitstellung von Daten hat die Kommission aber auch ganz praktisch am Schutz von Bestäuberinsekten gearbeitet, indem Aktionspläne für den Schutz von zwei Arten von Trockenwiesen, wichtige Habitate für Bestäuberinsekten, erstellt wurden. Auch im Bereich der Agrarpolitik klopft sich die Kommission in ihrem Bericht auf die eigene Schulter: In der Biodiversitätsstrategie sind Ziele festgeschrieben, die den Insekten helfen sollen. So sollen um die Hälfte weniger schädliche Pestizide benutzt werden, ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche soll biologisch bewirtschaftet werden und überhaupt soll es eine „signifikante Steigerung“ von agroökologischen Praktiken geben. Andere Maßnahmen betreffen invasive Spezies und die Sensibilisierung von Wirtschaft und Bürger*innen.

Sensibilisieren ist einfach

Letzteres ist nicht besonders schwer, denn Honigbienen sind große Sympathieträgerinnen. So heißt es im Bericht der Kommission: „Bestäuber sind eines der beliebtesten Naturthemen bei den Europäern, und es ist sehr einfach, darüber zu kommunizieren. Aus diesem Grund nutzt die Kommission Bestäuber als Vehikel, um EU-Maßnahmen zu den breiteren Themen Biodiversität und Umwelt im Rahmen des Europäischen Green Deal zu kommunizieren.“

In der Zusammenfassung gratuliert sich die Kommission dafür, so viele Fortschritte bei der Umsetzung ihrer Initiative gemacht zu haben, betont aber auch, dass noch „erhebliche Herausforderungen bei der Bekämpfung der Ursachen des Niedergangs“ der Bestäuberinsekten bestehen. Was die EU-Kommission verschweigt: Eigentlich weiß sie ganz genau, dass ihre Initiativen nicht weit genug gehen. „Wir haben untersucht, ob die Kommission einen einheitlichen Ansatz für den Schutz von Wildbestäubern in der EU verfolgt hat. Insgesamt stellten wir fest, dass dies nicht der Fall war. Wir haben Lücken in den wichtigsten EU-Politiken identifiziert, die sich mit den Hauptbedrohungen für Wildbestäuber befassen, und festgestellt, dass die Bestäuberinitiative nicht die Instrumente und Mechanismen bereitstellt, um sie anzugehen.“

Diese Sätze stammen nicht etwa von Umweltschützer*innen, sondern vom Europäischen Rechnungshof, der in einem Sonderbericht die Initiative der Kommission regelrecht auseinandernahm. Bemängelt wurden fehlende Aktionen für wilde Bestäuberinsekten, keinerlei Änderungen von wichtigen Politikmaßnahmen und das Fehlen von geeigneten Kontrollmechanismen. Außerdem bemängelte der Rechnungshof, dass bestimmte Schutzmaßnahmen, etwa im Rahmen des LIFE-Programmes, nicht getroffen wurden. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Pestizide seien nicht an den Schutz von Honigbienen angepasst.

Illu: Biodiversity Heritage Library

Etwas tun ist schwer

Insgesamt liest sich der Bericht wie eine vernichtende Kritik. In ihrem Fortschrittsbericht verspricht die Kommission zwar Besserung, geht jedoch nur auf wenige Punkte konkret ein. Zumindest bei einigen Maßnahmen will man nachbessern, so zum Beispiel bei der Farm-to-Fork-Strategie, die nun auch eine bessere Umweltrisikenanalyse für Pflanzenschutzmittel enthalten soll.

Auch wenn der tatsächliche Bedrohungsgrad vieler Bestäuberinsekten noch nicht bekannt ist, so sind die grundsätzlichen Treiber des Insektensterbens bekannt: Immer intensivere Landwirtschaft, insbesondere Viehzucht, Verschmutzung und Einsatz von Pestiziden, zunehmende Zersiedlung und die Klimakrise. Die verstärkt speziell in Südeuropa die Gefahr von Feuern, was ebenfalls viele Wildbienenarten bedroht.

Sieht man sich diese Liste an, so kann man froh sein, dass die Waldbrandgefahr in Luxemburg immerhin recht gering ist. Ansonsten sieht es nämlich nicht gut für die heimischen Bestäuberinsekten aus: Luxemburg ist das zerschnittenste Land Europas und unsere Landwirtschaft setzt stark auf Viehzucht. Die Umstellung auf Biolandwirtschaft geht nur schleppend voran: Es sieht aktuell nicht so aus, als könne das 20-Prozent-Ziel der Regierung bis 2025 erreicht werden. Mit dem Glyphosatverbot ist zumindest in Sachen Pestizide schon ein Schritt getan, den andere europäische Länder noch vor sich haben.

Im Gespräch mit der woxx betont Jean-Paul Beck, Präsident des Lëtzebuerger Landesverband fir Beienzuucht, dass die Regulierung der EU den luxemburgischen Imker*innen hilft, gerade im Bereich der Pestizide. Er sieht aber nicht nur die Landwirtschaft unter Zugzwang: „Es könnte noch mehr getan werden beim Thema Biodiversität. Momentan zeigen alle mit dem Finger auf die Landwirte. Dabei haben sie nicht allein Schuld am Insektensterben. Es sind auch Gemeinden und Privatpersonen, die Steingärten anlegen lassen, anstatt Blumen und Wiesen zu pflanzen oder als Gemeinde grüne Parkanlagen anzulegen. Von Steinen kann sich kein Bestäuber ernähren – weder Wildbienen noch Hausbienen. Da sollte auf jeden Fall mehr passieren.“

Die Bienen müssen warten

Die luxemburgische Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) hat am 4. Dezember 2019 einen Aktionsplan für Bestäuberinsekten vorgestellt. Zumindest versprach die Einladung zur Pressekonferenz dies damals. Wie so oft stellte sich heraus: Präsentiert wurde erst einmal nur der Wille, einen solchen Plan zu erstellen. Dazu sollten Workshops mit Bürger*innen organisiert werden. Die drei Säulen, auf die der Aktionsplan aufbauen sollte, konnte Dieschbourg immerhin schon verraten: Mehr Monitoring, mehr Sensibilisierung und Maßnahmen gegen die Ursachen des Insektensterbens.

Knapp anderthalb Jahre später existiert noch kein Dokument, auf der offiziellen Website des Aktionsplans finden sich zwar viele gute Ideen, die von interessierten Personen und Organisationen eingereicht wurden, aber keinerlei Informationen zur Umsetzung. Auf Nachfrage bei der Ëmweltberodung Lëtzebuerg, die für die Ausarbeitung des Plans verantwortlich ist, heißt es: Die Covid-Krise hat alles etwas verzögert, aber der Plan soll am kommenden Mittwoch, dem 9. Juni der Presse präsentiert werden. Über den Inhalt des Aktionsplans dürfe man uns bis dahin leider nichts verraten. Wir – und die Bienen – müssen uns also noch ein wenig gedulden.

Das Gespräch mit Jean-Paul Beck führte Michelle Soulier, die gerade ein Praktikum bei der woxx absolviert.

Pollinator Park

Gemeinsam mit dem Fortschrittsbericht über den Aktionsplan zum Schutz der Bestäuberinsekten präsentierte die EU-Kommission auch ihr virtuelles Projekt Pollinator Park, in dem eine Zukunft (fast) ohne Bestäuber gezeigt wird. Damit sollen Menschen dafür sensibilisiert werden, mehr zum Schutz der Insekten beizutragen. woxx-Praktikantin Michelle Soulier hat sich in der virtuellen Welt umgesehen. Ihre Rezension finden Sie unter woxx.eu/pollinatorpark


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