Klimabilanz: Das Kleingedruckte

von | 23.03.2023

Das Reduktionsziel fĂŒr die Treibhaus‹gasemissionen wurde 2021 erfĂŒllt. WĂ€hrend sich die Regierung darĂŒber freut, sieht der Mouvement Ă©cologique genauer hin und ist kritisch.

Der Sektor Industrie hat sein Klimaziel 2021 nicht erreicht, sondern hat rund ein Drittel mehr CO2 ausgestoßen als vorgesehen. (Foto: CC BY-SA 3.0 Wikimedia/VT98Fan)

Luxemburg hat 2021 seine Klimaziele erreicht. Das ist die Botschaft, die das Umweltministerium am 15. MĂ€rz verbreitete als sie, einige Tage bevor der Weltklimarat IPCC seinen Synthesebericht veröffentlichte und darlegte, wie dramatisch ernst die Lage ist (siehe Seite 3), die endgĂŒltigen Zahlen zu Luxemburgs Klimabilanz des Jahres 2021 veröffentlichte: Die von Luxemburg ausgestoßenen Treibhaus-‹gasemissionen entsprachen 8.073.234 Tonnen CO2-Equivalenten und lagen damit sogar 1,3 Prozent unter dem „Soll-Ziel“, das sich die Regierung fĂŒr 2021 gegeben hatte. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenĂŒber dem Referenzjahr 2005 sinken.

Um die Emissionen detaillierter betrachten zu können, werden sie fĂŒnf verschiedenen Sektoren zugeteilt: Industrie, Bau und Energieproduktion, Transport, Wohnbau, Land- und Forstwirtschaft sowie Abfallwirtschaft. Nachdem das Klimagesetz am 8. Dezember 2020 vom Parlament gebilligt wurde, sollten die sektoriellen Ziele in einem großherzoglichen Reglement veröffentlicht werden. Es dauerte allerdings bis 22. Juli 2021, ehe dieses passierte.

In zwei Sektoren lagen die Emissionen unter dem Zielwert: Transport sowie Land- und Forstwirtschaft. Der Transportsektor ist mit beinahe 61 Prozent der gesamten Emissionen mit großem Vorsprung der grĂ¶ĂŸte Emittent in Luxemburg. Im Vergleich mit 2020 sind 2021 wieder 6,5 Prozent mehr Treibhausgase ausgestoßen worden. Nachdem die Lockdowns und die Folgen der Coronapandemie dafĂŒr sorgten, dass die Emissionen 2020 sanken, lagen sie 2021 nur leicht unter dem Soll. Dadurch, dass auch jenes Jahr durch viel Homeoffice und andere BeschrĂ€nkungen aufgrund der Pandemie geprĂ€gt war, ist das nicht weiter verwunderlich.

In der Land- und Forstwirtschaft sind die Emissionen um rund 5,3 Prozent unter dem Zielwert geblieben. Allerdings lagen sie vier Prozent ĂŒber denen von 2005. Bis 2030 soll der Sektor 20 Prozent seiner Emissionen gegenĂŒber dem Referenzjahr einsparen. Die Diskussionen ĂŒber die Reduzierung des Rinderbestands in Luxemburgs Landwirtschaft wird also auch in den kommenden Jahren ihre Brisanz nicht verlieren. Immerhin stoßen die Tiere viel Methan, ein besonders schĂ€dliches Treibhausgas, aus. 8,9 Prozent der gesamten Emissionen stammen aus dem Sektor.

Drei Sektoren haben zu viel emittiert

In den drei anderen Sektoren wurden die Ziele nicht erreicht. Die Abfallwirtschaft verzeichnet jedoch nur eine leichte Überschreitung um 1,6 Prozent. Der Sektor reprĂ€sentiert lediglich 2,4 Prozent der gesamten Emissionen Luxemburgs und hat sich gegenĂŒber 2020 sogar leicht verbessert. Allerdings soll der Sektor seine Emissionen bis 2030 um 40 Prozent senken. Die neue Abfallgesetzgebung, die vor allem SupermĂ€rkte stĂ€rker in die Verantwortung nimmt und dafĂŒr sorgen soll, dass weniger Plastik und Lebensmittel im RestmĂŒll landen, könnte hierbei helfen.

Auch der Sektor Wohnen hat seine Ziele verfehlt, die Emissionen waren hier 10 Prozent zu hoch. Die entsprechen rund einem FĂŒnftel des gesamten Treibhausgasausstoßes. Hier könnte es bei der nĂ€chsten Bilanz zu einer Senkung kommen. Immerhin haben 2022 viele Menschen ihre Heizung niedriger gedreht, um Energiekosten zu sparen und den Import von russischem Gas zumindest symbolisch zu senken. Wie sich diese Einsparungen im in der CO2-Bilanz niederschlagen, werden wir aber erst in einem Jahr erfahren. 64 Prozent Einsparungen gegenĂŒber 2005 hat sich die Regierung beim Wohnen vorgenommen, mehr als in jedem anderen Sektor. Das liegt wohl auch daran, dass es sich hierbei um sogenannte „Low hanging fruits“ handelt: Es ist relativ leicht, durch energetische Sanierungen, bessere DĂ€mmungen und letzten Endes auch Installation von WĂ€rmepumpen oder FernwĂ€rmenetzen die Emissionen zu senken. Der Mangel an Baumaterialien und Handwerker*innen sind HĂŒrden – abgesehen davon, dass der Staat neben Subventionen wenig Möglichkeiten hat, Hausbesitzer*innen dazu zu bewegen, ihr Eigentum zu sanieren.

Der Sektor Industrie, Bau und Energieproduktion hat sein Emissionsziel ebenfalls verfehlt und beinahe ein Drittel mehr ausgestoßen, als geplant war. Mit einem Plus von 30,8 Prozent lagen die Emissionen weit höher, als sie es sein sollten. Der Sektor ist fĂŒr 7,4 Prozent des gesamten Luxemburger Treibhausgasbudgets verantwortlich. Die Regierung hat dem Sektor eins der am wenigsten ambitionierten Ziele auferlegt: Lediglich 45 Prozent sollen bis 2030 gegenĂŒber dem Referenzjahr 2005 eingespart werden. Die Luxemburger Industriepolitik wird sich in Zukunft also nicht nur an der LuftqualitĂ€t oder der VerfĂŒgbarkeit von Wasser ausrichten mĂŒssen, sondern auch an der CO2-NeutralitĂ€t der Unternehmen, die sich hierzulande niederlassen wollen.

Nichts lÀuft nach Plan

Insgesamt sind die Emissionsziele 2021 erreicht worden – lĂ€uft also alles nach Plan? Mitnichten: GegenĂŒber dem Vorjahr 2020 sind die Emissionen im zweiten Pandemiejahr um 5,5 Prozent gestiegen. 2022 wird dies wohl auch der Fall gewesen sein, denn die vielen BeschrĂ€nkungen, die vor allem Anfang 2021 noch bestanden, wurden nach und nach aufgehoben. Die Umweltorganisation Mouvement Ă©cologique zeigte sich am 16. MĂ€rz in einer Stellungnahme besorgt und titelte: „Schluss mit der SchönfĂ€rberei“. Es sei davon auszugehen, dass ohne die Pandemieeffekte die Gesamtreduktion der Emissionen nicht erreicht worden wĂ€re.

Die Tatsache, dass die Emissionen in der Mehrheit der Sektoren gestiegen sind, findet die Umwelt-NGO „völlig unzufriedenstellend“. Luxemburg könne sich nicht weiter „den Luxus leisten“, dass die Emissionen in den Sektoren weiter steigen. Beim Meco hĂ€tte man sich gewĂŒnscht, dass anstelle einer lapidaren Pressemitteilung der Premierminister Stellung bezogen hĂ€tte. „Eigentlich wĂ€re eine Pressekonferenz mit dem Staatsminister angebracht gewesen, mit der klaren Botschaft: ‚In Luxemburg laufen die Emissionen in kruzialen Sektoren aus dem Ruder! Wir mĂŒssen fundamentale Kurskorrekturen vornehmen‘. Und dazu wĂŒrden unter anderem neben einer konsequenten nachhaltigen Steuerreform, dem direkten Stopp von umweltschĂ€dlichen Subventionen auch eine Infragestellung des Wachstumszwangs zĂ€hlen“, so der Mouvement in seiner Pressemitteilung.

Mit dem Klimagesetz von 2020 wurden auch zwei Gremien ins Leben gerufen: Einerseits das Observatorium fĂŒr Klimapolitik (Observatoire de la politique climatique − OPC) und andererseits die Klima-Aktionsplattform, die sich erst im September 2022 das erste Mal traf. Der Meco fordert, dass die Aktionsplattform „mit den Resultaten, den Ursachen und den möglichen Lösungswegen befasst wird“. Das OPC hatte in seinem ersten Jahresbericht ĂŒbrigens eine alternative Methode zur Berechnung der CO2-Emissionen prĂ€sentiert. Darin wurden sowohl Importe als auch Exporte berĂŒcksichtigt: Statt den offiziellen neun Millionen Tonnen stieß Luxemburg laut dieser Berechnungsmethode im Jahr 2019 ganze 17,71 Millionen Tonnen CO2-Equivalente aus.

Dat kéint Iech och interesséieren

ËMWELTPODCAST

Am Bistro mat der woxx #376 – Directive de la vigilance

Chaque semaine, le podcast de la woxx vous offre un regard en coulisses sur notre travail journalistique et explore les enjeux derriÚre nos articles. Cette semaine-ci, les journalistes Fabien Grasser et María Elorza Saralegui se centrent sur une directive européene concernant le devoir de vigilance. Considérablement affaiblie lors des...