Literatur: „Wenn die Wirklichkeit versagt“

Véronique Lasars phantastische Novelle „Weg“ handelt von unserer geltungssüchtigen Provinzgesellschaft, in der den Leisen, wie sie sagt, kein Platz mehr eingeräumt wird. Ein Gespräch.

Schreiben als lebenssteigernde 
Maßnahme: 
Véronique Lasar (Foto: Privat)

woxx: „Weg” handelt von der kafkaesken Verwandlung des Kuriers Gaspard Lhose in eine geisterhafte Gestalt, die ihn nach und nach von seinen Mitmenschen trennt und schließlich unsichtbar werden lässt. Man folgt seinem irritierten Gang durch die Hauptstadt und stellt fest: Die Entfremdung ist gegenseitig. Fühlt man sich als schreibender Mensch notgedrungen unsichtbar?


Véronique Lasar: Ich glaube, ob jemand sich unsichtbar fühlt, hat wenig damit zu tun, ob er schreibt, malt, Brot bäckt oder gar nichts tut, sondern eher damit, wie und ob er sich in der Gesellschaft wiederfindet. Der Protagonist in meinem Buch verschwindet ja insofern auch nicht wirklich – vielmehr ist es seine Umgebung, die ihn nicht mehr wahrnimmt und gewissermaßen nicht „für wahr“ nimmt. Doch mir selbst stellt sich vor allem die Frage, wieso einer wie er, ein Leiser – und das können Sie vielleicht tatsächlich auf manchen stillen Schreiberling beziehen –, also einer, der nicht in dem allgemeinen gleichgeschalteten Gewusel mitmacht, deshalb notgedrungen durch die Maschen seiner Mitwelt fällt. Ist er der Durchsichtige, der Taube – oder kann es sein, dass die Welt um ihn herum betäubt ist? Von sich selbst?

„Etwas grässlich Hinterwäldlerisches.“

Bis zur Übernahme hat Lhose bei Arcelor als Buchführer ein „stilles Hinterzimmer-Dasein in einem säulenflankierten Palais” geführt. Dann kam die Entlassung und selbst wenn er die Kurve bekam, macht er jetzt öfters blau und sucht „einen Ort in der Zeit”. Wenn ihn nicht eben die eigenen Gedanken oder die, wie sie schreiben, „course à la gloire“ seiner Zeitgenossen daran hindern. Gibt es hierzulande eine antikulturelle Dynamik, die Menschen mit anderen Prioritäten das Leben schwer macht? 


Gibt es die nicht in vielen heutigen Kleinstädten, oder soll man sagen: in vielen kleinen Gernegroßstädten? Schon möglich, dass die allgemeine Nicht-Beachtung jener Sonderlinge, die sich nicht der Tendenz verschreiben, sich über Protz und Selbstinszenierung zu definieren dazu führt, dass der eine oder andere untergeht. Es ist doch eigenartig: dieser Hang zum Größenwahn, dieses betont Weltläufige und die selbstherrliche Aufgeschlossenheit allenthalben. Das hat paradoxerweise ja auch etwas grässlich Hinterwäldlerisches, oder nicht? Etwas, das jene merkwürdigen Zeitgenossen wie Lhose, jene, die anders funktionieren, die sich für seltsame Dinge wie alte Kindergeschichten, angestaubte Redewendungen, hässliche Glaspaläste oder gar Gedichte interessieren, gnadenlos übersieht, oder schlimmer: sie aussortiert. Außerdem: Lebendige Kultur, im weitesten Sinne, braucht die nicht vor allem Offenheit, etwas Vages, Schweifendes, um zu gedeihen? Und steht das nicht in krassem Widerspruch zu der fast beängstigenden Zielorientiertheit, die jeder, der heute „dazuzählt“, vor sich herträgt? Um in dem schönen Spiel der Wichtigen und Richtigen mitzuspielen, muss man offenbar ganz genau wissen, wo es lang geht – selbst als sehr junger Wichtiger und Richtiger in spe – oder zumindest so tun, als ob. Grübler und Zweifler sind nicht angesagt, sogar leicht verdächtig, weil nicht funktional, nicht effizient. Für mein Verständnis murkst diese Attitüde aber jede künstlerische Entfaltung bereits im Ansatz ab.

Nun kommt das „Nicht-gesehen-Werden“ ja noch auf andere Weise in Ihrem Buch zur Sprache: im Verrat der Luxemburger Juden und Jüdinnen an die deutschen Besatzer und der darauffolgenden jahrzehntelangen Leugnung dieses Verbrechens. Aber auch wenn Lhose von seiner Mutter träumt und man erfährt, dass sie ihn nie wirklich „sah“. Weil er es leichter hatte als sie, die in der Nachkriegszeit aufwuchs, wie Lohse vermutet. Gibt es eine Verbindung zwischen der Leugnung einer Vergangenheit und persönlicher Freiheit?


Man sagt doch, dass die Kinder der Nachkriegsgeneration das Leben und den Krieg ihrer Eltern weiter in sich tragen. Offenbar überspringt das Erbe der Vergangenheit die erste Generation und holt die Enkel wieder ein. Und vermutlich muss man den Mythos der luxemburgischen Auflehnung gegen den Nazi-Okkupanten auch in diesem Zusammenhang sehen. Natürlich hat sich die erste Generation diesen Mythos aus blanker Feigheit und Unaufrichtigkeit geschaffen. Teils aber auch, um mit der erdrückenden Schuld im Nacken überhaupt leben zu können. Die

Bildquelle: YouTube

Geschichte entlässt keinen unversehrt. Ihre Kinder wiederum, die eine ganz andere Gedankenfreiheit kennen, sehen sich dafür mit den üblichen aufgehübschten Darstellungen konfrontiert, in denen die Luxemburger durchwegs gut, allesamt Opfer und zugleich Widerstandshelden waren. Die Besatzer waren die Bösen und jeder Einheimische hielt mindestens einen Juden auf dem Dachboden versteckt. Kein einigermaßen vernünftiger Mensch kann das so stehen lassen – und das wirkt sich für unsere Generation tatsächlich auf die persönliche Freiheit und auf den Umgang mit dem Heute aus. Eine nie aufgearbeitete Verantwortung. Fast, als ob man die Opfer ein zweites Mal sterben ließe, indem man darauf verzichtet, Schuld zu übernehmen. Und demnach schleppt diese Generation, zu der auch Lhose zählt, etwas mit sich herum, das nicht ganz ihres und doch vollkommen ihres ist. Die Geschichte lässt sich nicht zähmen.

Sie selbst haben mehrere Jahre als Lehrerin gearbeitet und nebenbei Texte fürs Feuilleton verfasst. „Weg“ ist Ihr erstes Buch. Wie kam es denn dazu, dass Sie erst jetzt das Schreiben für sich entdeckten?


Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn, sagt Jorge Luis Borges. Etwas Ähnliches gilt auch für das Schreiben – mehr noch: Die Sprache ist eine Möglichkeit, wenn die Wirklichkeit versagt. Eine Rettung, eine Waffe, eine Rache. Je nach Tagesstimmung. Seit ich denken kann, ist die Literatur mir die schönste Art, mit dem Leben umzugehen. Eigentlich schreibe ich schon seit mehreren Jahren vor mich hin, nur ist es bisher nie zu einer Veröffentlichung gekommen. Zum Teil, weil ich mit mir selbst eine Art Abmachung getroffen hatte, es zumindest das erste Mal bei einem deutschen Verlag zu machen – oder gar nicht. Zum Teil aber auch aus mangelndem Ehrgeiz. Der Schreibakt an sich ist mir das Wichtigste, das Erfüllende. Die Veröffentlichung ist dagegen nur eine Art i-Tüpfelchen: zwar sehr schön, aber nicht unbedingt notwendig.

„Die schönste Art, mit dem Leben umzugehen.“

Am Ende Ihres Buches berichtet Lhose von einer Stille, die, wie er sagt, aus ihm ausgeströmt und aufgestiegen ist und sich „über die ganze Straße“ gelegt hat …


Sie sprechen die Stelle an, wo Lhose die letzten Gewissheiten verrutschen. Je drastischer er sich den Blicken seiner Mitmenschen ausgesetzt hat, umso weniger wurde er wahrgenommen. Am Ende, als ihn diese große Stille erfüllt, scheint ihn die Wirklichkeit endgültig abzustreifen. Fern von aller Geschwätzigkeit und dem grellen Provinztheater, das er seit Tagen durchstreift hat, verrennt er sich jetzt allenfalls noch in seinen eigenen Gedanken. Die Welt stimmt für ihn nicht mehr. Er hat keinen Zugang zu dem von Konsum und Blingbling und Selbstbespiegelung betäubten Treiben ringsum. Und zum Mitmachen müsste er ein anderer sein. Auch die Zeit scheint von ihm abzugleiten, und so bleibt ihm am Ende nur Stille. Die Stille – das Gegenstück zu der reizüberfluteten, rasenden Gegenwart. Stille und ein Ort, an dem er die Leere aussperren kann. Ob das der Ort ist, nach dem es ihn schon so lange verlangt? Der Ort, wo Erinnerung und Vergessen sich begegnen? Ein Ort jenseits der Zeit … wer weiß das schon? Wenn es nur einen Ort gibt, der die Nachdenklichkeit zulässt, kann es dann sein, dass man diesen Ort nicht mehr verlassen möchte?

Kann man sagen, dass „Weg“ von einer Form der Enteignung seiner selbst erzählt, die, wenn sie auch nicht immer eine Voraussetzung für das erzählerische Schreiben ist, doch ein Auslöser dafür sein kann? 


Ich bin mir nicht so sicher, ob es sich um eine „Enteignung seiner selbst“ handelt – das tut es allenfalls in den Augen derer, die Lhose ohnehin nicht wahrnehmen, also derer, die sich selbst über Konsum und Hipness definieren. Aber ich halte ihn durchaus nicht für enteignet – er wird zwar übersehen und macht auch nicht viel Aufhebens um sich selbst, doch er existiert – vielleicht sogar mehr als viele, die blind an ihm vorbeirennen. Nicht-beachtet-Werden kommt nicht gleich mit Bedeutungslosigkeit! Ich kann mir gut vorstellen, dass in einem unscheinbaren, dafür nachdenklichen Kopf wie seinem, der doch einen recht schrägen Blick auf seine Umwelt hat, mindestens genauso Spannendes steckt wie in den lauten Mitmachern, für die Angeberei gleichkommt mit Bedeutung. Die Größenwahn verwechseln mit Größe und Talent zum Ruhm mit Talent … Und ob diese Art Selbstverlust, von der Sie sprachen, der Auslöser fürs Schreiben sein kann … schon möglich, entsteht doch Schreiben, wie jede künstlerische Ausdrucksform oft aus einem Mangel heraus, aus einem Ungenügen mit sich selbst und der Welt. Schreiben als lebenssteigernde Maßnahme, das wär’s … und um auf Ihre Frage zurückzukommen: ja, das gibt’s.

Véronique Lasar: Weg. 
Treibgut Verlag, Berlin 2019. 
108 S. 
EUR 14.

„Ihm fiel ein, wie er die erste und einzige Sternschnuppe seines Lebens gesehen hatte. Gewünscht hatte er sich nichts – vielleicht, weil ihm nichts auf die Schnelle eingefallen war, was ihm dringlich genug erschien, oder aus Scham, oder weil er damals nicht alleine war. Falls er jetzt die zweite sehen sollte, würde er sich wieder nichts wünschen. Nur zusehen, wie sie aufglühte und erlosch und allein im Verschwinden existierte.“

Was wie eine Absage an die Welt daherkommt, ist in Wirklichkeit der Versuch einer wahrhaftigen Existenz. Und zwar jenseits von dem, was die Gesellschaft für uns bereithält. Da kommt eine Entlassung fast schon gelegen – zumindest bietet sie Gaspard Lhose, dem Protagonisten von Lasars Novelle, die einmalige Gelegenheit, sich selbst nachzugehen und hoffentlich das zwischen ihm und der Gesellschaft herrschende Kräfteverhältnis zu seinen Gunsten zu wenden.


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