Mega-Eigenwerbung mit wenig Gehalt

von | 19.07.2019

Das Mega hat eine Umfrage über Geschlechtergerechtigkeit durchgeführt und lobt sich für die hohe Beteiligung. Doch welche Schlüsse will es aus den Ergebnissen ziehen?

„D’Resultat léisst sech weisen“ – mit diesem Satz bezog sich Taina Bofferding am Donnerstag nicht etwa auf einen Gesetzesentwurf, eine Sensibilisierungskampagne oder den Nationalen Aktionsplan für Gleichstellung. Nein, das Lob galt den Resultaten einer vom Ministerium für Gleichstellung von Frauen und Männern durchgeführten Umfrage. Genau genommen der Anzahl derer, die sich daran beteiligt haben: 1.777 Personen, wie Bofferding im Laufe der Pressekonferenz mehrmals wiederholte.

Vom 17. Juni bis 7. Juli hatten Interessierte die Möglichkeit, den Fragebogen online auszufüllen. Gefragt wurde hauptsächlich nach den Problemfeldern und Maßnahmen, die der persönlichen Einschätzung nach am wichtigsten sind. Die Resultate sollen, wie Bofferding erklärte, in die Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans für Gleichstellung einfließen, der bis Ende diesen Jahres fertiggestellt werden soll.

Das Umfrageergebnis ist alles andere als überraschend: Die meisten Befragten sind der Ansicht, dass es in puncto Gleichstellung noch viel zu tun gibt, dass vor allem bezüglich geschlechtsspezifischer Gewalt, Gehältern und Armutsrisiko Handlungsbedarf besteht und dass die größte Wirkung über die legislative und schulische Ebene erreicht werden kann. Wenig überraschend ist auch, dass sich doppelt so viele Frauen wie Männer an der Umfrage beteiligten und beide Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Vorstellungen über die größten Problemfelder haben.

Persönliches Interesse ist unerheblich

Es herrschen nach wie vor große strukturelle Geschlechterungleichheiten in allen Bereichen. Das belegen zahlreiche Studien, zuletzt auch eine von der Uni Luxemburg durchgeführte. Das heißt nicht, dass erneute Umfragen, die sich an die breite Bevölkerung richten, irrelevant wären. Nur ist unklar, welche Erkenntnisse sich das Ministerium aus diesen vage formulierten Fragen erhoffte. Dass Frauen und Männer gleichgestellt sein sollten und entsprechende Maßnahmen bereits bei den Kleinsten ansetzen sollten – darüber herrscht längst gesellschaftlicher Konsens. Fragt sich also, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollen. Will das Ministerium Maßnahmen priorisieren, die besonders oft angekreuzt wurden? Solche aufgeben, die sich als unbeliebt herausstellten?

Wie die Ministerin mehrmals betonte, zeige die hohe Beteiligung, dass ein großes gesellschaftliches Interesse an Geschlechtergerechtigkeit bestehe. Doch auch wenn es begrüßenswert ist, dass innerhalb kurzer Zeit so viele Menschen den Fragebogen ausfüllten: Gleichzusetzen mit gesellschaftlichem Interesse kann man das nicht. Und selbst wenn: Ist das wirklich so wichtig? Spätestens wenn man sich vorstellt, das Umweltministerium würde eine Umfrage durchführen um herauszufinden, wie groß das gesellschaftliche Interesse an Umweltschutz ist und wo die individuellen Prioritäten liegen, bevor es nationale Klimaziele ausarbeitet, wird die Absurdität eines solchen Unterfangens deutlich. Um nachhaltig etwas zu ändern, sind große gesellschaftliche Umwälzungen nötig. Dazu müssen auch unbeliebte politische Entscheidungen getroffen werden. Um völlige Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, werden viele Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen auf zahlreiche ihrer Privilegien verzichten müssen, vor allem natürlich cis Männer.

Durch konkretere Fragen zur Lebensrealität der Befragten hätte sich aus der Umfrage durchaus Brauchbares ableiten lassen können. Darauf scheint das Ministerium jedoch nicht ausgewesen zu sein. Sowohl Fragen als auch Antwortmöglichkeiten decken ein recht begrenztes Spektrum dessen ab, was Gleichstellungspolitik leisten soll. Bei der Frage, wie in der politischen Repräsentation eine größere Geschlechterbalance erreicht werden könne, sind einzig Maßnahmen aufgelistet, die Mädchen und Frauen ins Zentrum stellen. Etwa: Frauen müssen stärker ermutigt werden, sich am politischen Leben zu beteiligen (65 Prozent), die Bürger*innenkunde und politische Bildung von Mädchen muss verstärkt werden (49 Prozent), Organisationen, die sich für eine bessere Repräsentation von Frauen einsetzen, müssen unterstützt werden (37 prozent). Wie schon bei der Votez-Egalité Kampagne von 2017 liegt der Fokus darauf, Frauen zu mehr politischer Beteiligung zu motivieren. Strukturelle Faktoren, die der unausgeglichenen Repräsentation zugrunde liegen, werden ausgeblendet.

Bezeichnenderweise wird einzig zu Themenbereichen befragt, in denen das Mega ohnehin schon tätig ist. Es wird zum Beispiel nicht danach gefragt, ob offizielle Schreiben in gendergerechter Sprache formuliert sein sollen oder Hausarbeit entlohnt werden sollte. Oder ob sowohl im Bildungs- als auch im Arbeitswesen verpflichtende Kurse zu Grenzziehungen und Konsens angeboten, und Antidiskriminierungsstellen eingerichtet werden sollen. Und wie viele Menschen wären wohl für ein Einwilligungsgesetz, wie es letztes Jahr in Schweden verabschiedet wurde? Die Strategie des Mega scheint darin zu bestehen, durch Pseudodemokratie davon abzulenken, dass es sich vor unzähligen ungemütlichen Debatten drückt.

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