Nochmal von vorne

Anja Di Bartolemo beobachtet und beschreibt in ihrem letzten Buch den Farbwechsel der Chamäleons. Ob sie mit dem gleichnamigen Kurzgeschichten-Band überzeugt? Jein.

Op der Lay

An irgendwas fehlt es den Geschichten, die Anja Di Bartolomeo in „Chamäleons“ erzählt. Was genau, das wird erst auf den letzten 14 Seiten des Buches deutlich. Der Rest gleicht mehr der Aneinanderreihung klischeehafter Charaktere, in deren Leben es früher oder später zum „plot twist“ kommt. Sie sind Chamäleons, die sich an ihre Umgebung anpassen bis ihnen die Farbe ausgeht.

Es gibt den ausrangierten Bürohengst, den Krisenmanager kurz vorm Burn-out, den erfolgsgeilen Anwalt, die Journalistin auf der Suche nach der besten Coverstory – alles Menschen, die auf dem Karussell der Arbeitswelt festsitzen, das sich ohne Rücksicht auf Verluste dreht und dreht und dreht bis eine*r runterfällt. Das ist dann, wenn der Bürohengst, der auf ein anderes Stockwerk zwangsversetzt wurde, mit seinem Zitronenbaum Squash spielt. Oder wenn der vielbeschäftigte Krisenmanager im Frankfurter Flughafen neben Herrn Tod, der Flanellhose und Hawai-Hemd trägt, sitzt. Der Anwalt fliegt vom Karussell, wenn er in der Bahn eine Oma im Öko-Kleid und mit Blümchen-Hut trifft und sie ihn zum Meeting aller Meetings begleitet. Tragisch amüsante Szenen, deren Komik begeistert. Nur wirkt die mit der Zeit überstrapaziert, erzwungen. Besonders dann, wenn die Erzählstränge auch ohne Witz auskämen.

So zum Beispiel die Geschichte von Marie, einer jungen Frau, die die Warteschlange bei der Post boykottiert, indem sie Nummer um Nummer zieht, aber nie am Schalter vorstellig wird. Genauso Leos Schicksal, der versucht aus dem Familienbetrieb der Eltern, einer erfolgreichen Geisterbahn, auszubrechen. Anders als die Arbeitstiere, die verwirrt durch den Dschungel aus Leistungsdruck, Anerkennung und Menschlichkeit tigern, sind Leo und Marie vielschichtiger.

Ein später Perspektivwechsel stiftet dazu an, zurückzublättern.

Die Autorin hält grundsätzlich an zwei Kernthemen fest: dem Arbeitsleben und dem vertrackten Zusammenspiel zwischen Außen- und Innenwelt. Die Jury des „Concours littéraire national 2017“ (Angelika Bräutigam, Jérôme Jaminet, Ludivine Jehin, Anne-Marie Millim, unter der Präsidentschaft von Valerija Berdi), die den Band damals zum Sieger der Kategorie „Erwachsene Autoren“ kürte, urteilte das Buch besteche mitunter durch seine thematische Diversität. Das kann man so nicht stehen lassen. Zwar wechseln die genannten Kernthemen ihr erzählerisches Gewand, doch bleiben sie die Grundessenz der acht Geschichten. Die Erzählungen erscheinen, bis auf wenige Ausnahmen, als Variation des zuvor gelesenen.

Doch dann kommt Jimmy – und Jimmy erzählt seine gleichnamige Geschichte nicht selbst, wie die anderen Protagonist*innen, sondern überlässt einer Ich-Erzählerin das Wort. Das wirft die vorangehende Lesart durcheinander. Warum? Eigentlich betitelt die Autorin die Geschichten jeweils mit dem Namen der Hauptcharaktere. Das erweckt bei einer ersten Lektüre den Eindruck, dass die Ich-Erzähler*innen mit diesen Titelnamen übereinstimmen. Die letzte Kurzgeschichte bricht mit diesem Muster. Es gibt keine Hinweise, dass sich hinter den anderen Ich-Erzähler*innen nicht die Figuren verstecken, deren Eigennamen im Titel stehen. Trotzdem beschleicht einen nach Jimmy das Gefühl, es seien doch andere, die ihre Geschichte erzählen. Vielleicht auch nur das Fremde, das andere in ihnen selbst, das sich nach außen hin zu rechtfertigen versucht und im Alltagswahn untergeht.

Jimmy ist trotz seiner Fragilität das, was den anderen Figuren und Erzählungen fehlt: Das Ich, das den anderen den Mittelfinger zeigt und die Zunge rausstreckt. Es sind die anderen, denen durch die Auseinandersetzung mit seinem Verschwinden und seinen inneren Konflikte ein Teil ihrer eigenen Persönlichkeit begegnet. Ein Teil, den sie verdängen oder zu vergessen drohen. Jimmys Geschichte eröffnet damit einen interessanten, weiten Interpretationsspielraum. Der Perspektivwechsel am Ende stiftet dazu an, zurückzublättern, um die anderen Erzählungen nochmal zu lesen. Aus der Perspektive der Außenstehenden, die die Charaktere ausgehend von ihrer eigenen Lebensweise bewerten, beurteilen und glauben, ihre Geschichten erzählen zu können. Bis dahin ist die Darstellung der Konflikte innerhalb einer leistungsorientierten, schnelllebigen und gefühlskalten Gesellschaft durchaus originell und humorvoll gelöst, doch vermisst man allgemein den Anspruch, mehr zwischen den Zeilen zu entdecken, als die offensichtlichen Themen.


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