#Omagate: Unnötiger Generationenstreit?

Dass sich über eine Liedumdichtung des WDR so aufgeregt wird, zeigt nicht nur, dass an den Vorwürfen etwas dran ist, sondern auch, wie schlecht viele Babyboomer mit Kritik umgehen können.

© WDR/Youtube

Analysen, nach denen es sich bei der Causa Umweltsau weniger um eine organisch entstandene Empörung als vielmehr um einen von rechtsaußen befeuerten und von den Medien unbeholfen aufgegriffenen Shitstorm handelte, scheinen eine weitere Suche nach den Konfliktursachen obsolet zu machen. Dabei kommt man nicht umhin, an andere, ähnliche Fälle erinnert zu werden. Ein rezentes Beispiel ist ein Tweet, den Fridays for Future (FFF) Germany am 23. Dezember veröffentlichte: „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei. #weihnachtenundklimakrise“.

In Reaktion auf Äußerungen dieser Art heißt es dann oft, hier würden unnötig die Generationen gegeneinander aufgehetzt, was einen konstruktiven Dialog unmöglich mache. Die meisten Reaktionen aber zeigen: Der Generationengraben ist da, er wird zu solchen Anlässen nur sichtbarer.

Wenn man einmal von den schwarzhumorigen Formulierungen absieht und sich auf die eigentliche Botschaft besinnt, erscheint die Aufregung über angenommene Respektlosigkeit und Instrumentalisierung von Kindern wenig berechtigt. Während FFF Germany daran erinnerte, dass bei Klimapolitik in erster Linie die Zukunft junger und kommender Generationen auf dem Spiel steht, handelt der Text des Omalieds vom mangelnden Umweltbewusstsein der Boomer-Generation. Denn auch wenn viele in Reaktion auf das Lied beleidigt über ihre bereits verstorbenen oder im Sterben liegenden 90-jährigen Eltern und Großeltern twitterten: Die Kinder, die da singen, sind ungefähr zehn und die erwähnte Oma demnach so um die 60. Die Kritik richtet sich also an Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren geboren wurden. Massenfertigung, Kaufrausch und Reiselust – alles höchst klimaschädliche Phänomene, die während des Wirtschaftswunders in Mode kamen. Deren Folgen sowie die insgesamt fehlgeschlagene Klimapolitik der letzten Jahrzehnte werden künftige Generationen noch lange ausbaden müssen. Kinder und Jugendliche haben also allen Grund dazu, sauer zu sein. Es wäre tatsächlich befremdlicher gewesen, „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ im Jahr 2019 neu zu verdichten, ohne auf die klimaschädlichen Verhaltensmuster ebenjener Oma einzugehen.

Nur weil Kritik verletzt, heißt das nicht, dass sie unangebracht war.

Es stimmt natürlich, dass Umweltpolitik Menschen egal welchen Alters angeht, doch schließt das nicht aus, Babyboomer gelegentlich an die besondere Verantwortung zu erinnern, die sie für die aktuelle Krise tragen. Als Reaktion auf das Lied auf gebrechliche alte Menschen zu verweisen, wirkt umso perfider, wenn man sich vor Augen hält, dass sich die Kritik an die aktuell mächtigste Generation richtet. Sie ist es nämlich, die zurzeit an den Hebeln von Wirtschaft und Politik sitzt. Und sie ist es auch, die sich mit der Umstellung auf einen umweltfreundlicheren Lebensstil am schwersten tut.

Davon abgesehen ist es höchst problematisch, Kritik an Babyboomern mit Respektlosigkeit gegenüber älteren Menschen gleichzusetzen. Es ist ein Totschlagargument, denn wer sich nur über den Tonfall seiner Kritiker*innen aufregt, wird sich wohl kaum ernsthaft mit deren Vorwürfen auseinandersetzen. Was viele nicht verstanden zu haben scheinen: Nur weil Kritik verletzt, heißt das nicht, dass sie unangebracht war. Und nur weil Jugendliche die klimaschädlichen Praktiken, die die Älteren normalisiert haben, anprangern, heißt das nicht, dass sie alle Leinen kappen und künftig nicht gemeinsam mit ihnen für Klimaschutz kämpfen wollen. Kritik und Zusammenarbeit schließen sich nicht gegenseitig aus.

In Folge von #Umweltsau steht die Frage im Raum: Haben hier Medien und Politik eine rechtsextreme Stimmungsmache gegen Umweltschutz und Öffentlich-Rechtliche bestärkt oder braucht die Boomer-Generation Nachhilfe für einen konstruktiven Umgang mit ihrem schlechten Gewissen? Die Antwort: Es ist beides. Und auf beide Problematiken muss auf je angemessene Weise reagiert werden.


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