Philharmonie: Warum in die Ferne schweifen?

Während der Saison 2019/20 werden globale Klänge in der Philharmonie Luxembourg mit der Konzertreihe „Autour du monde“ im Mittelpunkt stehen.

Oum wird die Philharmonie Ende Februar nächsten Jahres beehren. (Foto: Lamia Lahbabi)

Natürlich ist Reisen unverzichtbar, wenn man ferne Länder hautnah erkunden will. Leider verpasst man dabei allzu oft die musikalische Seite des besuchten Landes; man kennt die Künstler*innen nicht, der Veranstaltungsort ist unauffindbar, das Konzert fand bereits vor dem Urlaub oder findet kurz danach statt. Manche Länder mit beachtenswerter Musik hat man gar nicht auf seinem Reiseplan. Zum Glück kommt solche Musik manchmal dahin, wo man lebt. Das alljährliche MeYouZik-Festival in der Hauptstadt ist eine der beiden Konstanten in Luxemburg, um Weltmusik zu genießen. Die zweite Konstante ist die Konzertreihe „Autour du monde“ der Philharmonie, die globale Klänge vor Ort verfügbar macht; seit Jahren – mit ein paar Überschneidungen – ergänzt um das „atlântico“-Festival mit lusophoner Musik. Auch in der kommenden Saison lohnt es sich, Augen und Ohren offenzuhalten. Die Philharmonie hat wieder einige große Namen eingeladen, die zum Teil schon früher hier auftraten, und vielversprechende Newcomer sind auch dabei.

Mit der jungen Selma Uamusse kommt am 25. September endlich mal wieder eine Künstlerin in hiesige Gefilde, die zwar in Portugal lebt, aber aus Mosambik stammt und musikalisch dort verwurzelt ist. Sie hat vor Kurzem ihr Debutalbum veröffentlicht und gehört seitdem zu den Geheimtipps der Weltmusikszene. In ihrer Musik mischen sich Soul, Jazz und Electronics mit den typischen Klängen ihres Herkunftslandes. Eine starke, neue Stimme!

Der Angolaner Bonga Kuenda, kurz Bonga, war Spitzensportler in Portugal. 1972 veröffentlichte der Mann mit der rauen Stimme sein Meilensteinalbum „Angola 72“, das musikalisch in den Traditionen seiner Heimat wurzelt. Offen kritisiert er darauf die Kolonialpolitik des damals faschistoiden Portugals. Die Platte wurde verboten und Bonga ins Exil gezwungen. In der Folge erschienen zahlreiche weitere bedeutende Platten, die oft auf dem angolanischen Semba-Rhythmus fußen. Noch vor drei Jahren hat der heute 77-Jährige ein hochgelobtes und erfolgreiches Album herausgebracht. Da kommt am 27. September ein wahres Urgestein der Weltmusik erneut in die Philharmonie.

Nach dem Tod des Fado-Superstars Amália Rodrigues 1999, drohte der in Verruf geratene Fado der Vergessenheit anheimzufallen. Heute ist er dank zahlreicher junger, aufgeschlossener Künstler*innen lebendiger denn je. Ana Moura zählt zur Spitzengruppe derjenigen, die diese typische, portugiesische Gesangskunst nicht als Museumsstück konservieren, sondern sie über die tradierten Formen hinaus entwickeln. Damit hat sie sogar Mick Jagger begeistert, und wird am 28. September auch das Publikum in der Philharmonie zu überzeugen wissen.

Ohne Juan de Marcos hätte es den legendären Buena Vista Social Club (BVSC) wohl nicht gegeben. 1996 stehen Produzent Ry Cooder und Plattenlabelchef Nick Gold ratlos im Studio von Havanna. Ihr ursprünglicher Recordingplan wird von Visaproblemen durchkreuzt. Juan de Marcos besorgt ihnen die Kontakte zu den alten kubanischen Heroen, die den BVSC-Aufnahmen zum Glanz verhelfen. De Marcos’ eigene Band, in der viele der alten Kämpen eigentlich spielen, und seine zeitgleich aufgenomme Platte werden durch den fulminanten Erfolg des BVSC etwas in die Ecke gedrängt. Am 8. November kommt de Marcos’ Gruppe verjüngt in die Philharmonie: Juan de Marcos Afro-Cuban All Stars.

Die 21-saitige Kora ist ein Markenzeichen westafrikanischer Musik und wird üblicherweise von Männern gespielt. Sona Jobarteh aus Gambia ist die erste Frau, die dieses Instrument spielt. Sie entstammt einer alten Griot-Familie. Schon der Großvater Amadou Bansang Jobarteh war einer der ganz Großen in Gambia und der weltberühmte Toumani Diabaté ist ihr Cousin. Sie erhielt im letzten Jahr den Künstlerpreis des renommierten Würzburger Afrika-Festivals. Nach Luxemburg kommt am 9. November die Sängerin und Instrumentalistin mit ihrem Quintett.

Sie stammen aus Nazareth, sind ­Palästinenser und Meister der arabischen Oud-Laute. Die drei Brüder des Trio Joubran sind die ersten, die das arabische Soloinstrument in eine Trioform setzen, und glänzen mit erstaunlicher Virtuosität. Sie sind zudem offensive Verfechter palästinensischer Interessen und lassen in ihren Konzerten auch die Stimme des von ­Palästinensern hoch verehrten, verstorbenen Poeten Mahmud ­Darwisch erklingen. In die Philharmonie kommen sie am 18. Januar mit zwei Perkussionisten, darunter der famose Youssef Hbeisch, und ihrem neuen, innovativen Album im Gepäck.

Oum El Ghaït Benessahraoui, kurz Oum, ist seit 15 Jahren die große weibliche Stimme Marokkos. Die in Casablanca geborene Sängerin verarbeitet die reiche Tradition ihres Heimatlandes, sei es Berber-, Gnawa- oder arabische Musik, und verknüpft sie mit Jazz und Soul. Leider hat die Musik Marokkos hier bisher nicht die ihr gebührende Anerkennung erfahren. Umso besser, dass man nun am 26. Februar mit Oum eine der großen Künstlerinnen von dort vor der eigenen Haustür erleben kann.

Die Musik Armeniens liegt an der Schnittstelle der Traditionen des Kaukasus, Anatoliens und Zentralasiens. Das von Levon Eskenian geleitete zehnköpfige Gurdjieff Ensemble präsentiert die ganz spezielle armenische Musik in ihrer instrumentellen Vielfalt. Der Name der Gruppe ist eine Reminiszenz an den verstorbenen armenischen Komponisten, Schriftsteller und als Esoteriker umstrittenen Georges Gurdjieff. Zu hören sein werden am 15. März unter anderem das Nationalinstrument Duduk, das mit der Oboe verwandt ist, die Spießgeige Kamantsche, die Tar-Laute, die Oud, die Kastenzither Kanun und verschiedene traditionelle Perkussionsinstrumente.


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