Rassismus an Luxemburger Schulen: „Ech wëll eng ëffentlech Entschëllegung“

Bei einer Schulaufführung hat ein weißer Schüler sein Gesicht schwarz angemalt. Eine schwarze Schülerin beschwert sich bei der Direktion darüber und es passiert – nichts. Der Vorfall am Athénée de Luxembourg macht beispielhaft deutlich, wieso struktureller Rassismus hierzulande unangefochten bleibt.

Im 19. und 20. Jahrhundert diente das Blackfacing dazu, schwarze Menschen zu entmenschlichen. Seine heutige Benutzung ist dagegen vor allem ein Zeichen für mangelndes Geschichtsbewusstsein. (Copyright: Strobridge & Co. Lith/Wikipedia Commons)

„Firwat soll ech als Schülerin dohinner goen an engem erwuessene Mann erkläere, firwat Blackfacing rassistesch ass?“ Maimuna Djalò ist wütend. Der Direktor ihrer Schule findet nichts problematisch daran, sich als Weißer das Gesicht schwarz anzumalen, um einen Schwarzen darzustellen.

Der Vorfall, um den es bei dieser Diskussion geht, reicht einige Monate zurück: Als Djalò am 11. Februar 2020 anlässlich von Kolléisch in Concert einer Aufführung des Musicals „Fame“ beiwohnte, wurde sie auf das Black
facing eines der Schauspieler aufmerksam. Da für die Rolle des schwarzen Tyrone kein Mann mit entsprechender Hautfarbe gefunden werden konnte, war sie mit einem Weißen besetzt worden. Djalò stört sich nicht nur daran, dass dieser für die Rolle sein Gesicht schwarz angemalt hatte: Auch das Wort „Neger“ habe er während des Musicals benutzt.

Die Aussage der Schülerin entstammt einer Reportage der Journalistin Monica Camposeo, ausgestrahlt am Donnerstagabend auf RTL Télé. Zu Wort kommt neben Djalò auch der Direktor des Athenäums, Claude Heiser. Die Schülerin schildert den Hergang: Am Folgetag der Aufführung habe sie die Vize-Direktorin, Joanne Goebbels, auf den Vorfall angesprochen. Diese habe anschließend mit dem Direktor gesprochen, der den Vorwurf des Blackfacing jedoch nicht gelten ließ.

Auf RTL erklärt Heiser, warum: „Et ass guer keen negativt Bild vermëttelt ginn, et ass keen an d’Lächerlecht gezu ginn, keng Karikatur – an dat ass fir mech Blackfacing.“ Aus diesem Grund könne er die Kritik nicht nachvollziehen. Das Benutzen des N-Worts rechtfertigt er damit, dass die Figur Tyrone damit ihre persönlichen Rassismuserfahrungen beschreibe. „An ech mengen, et ass jo awer enorm wichteg, datt ee sou Begrëffer op enger Bühn, an engem Theaterstéck soen ech, am Kontext kuckt.“

Gegenüber der woxx äußert Maimuna Djalò sie habe den Eindruck, die Schulleitung des Athénée sei in dieser Angelegenheit wohl uneins gewesen. „Frau Goebbels hatte die Vorstellung nicht gesehen und war entsetzt als ich ihr vom Blackfacing erzählte. Sie hat sich sofort bei mir entschuldigt und mir versichert, dass sie den Direktor darauf anspricht”, schildert Djalò. Letzten Endes hat sich Heiser mit seiner Einschätzung offenbar durchsetzen können; im RTL Beitrag kommt nur er zu Wort. Soll hier darüber hinweggetäuscht werden, dass der Vorfall auch innerhalb des Kolléischs polarisiert? Die Direktion will zu diesem Thema keinen zusätzlichen Kommentar abgeben, heißt es auf Nachfrage der woxx. Immerhin habe man sich bereits letzte Woche den Fragen der Presse gestellt.

Einmal davon abgesehen, dass RTL nicht „die Presse“ ist, bleiben sehr viele Unklarheiten: Wie definiert die Direktion des Athenäums Rassismus? Wieso wurden keine Anstalten gemacht, um mit den Schüler*innen die gesellschaftliche und historische Bedeutung von Blackfacing, des N-Worts oder schlicht des Musicals „Fame” aufzuarbeiten? Wäre nicht gerade eine solche Kontextualisierung die Aufgabe eines Bildungssystems, das junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten soll? Sollte dieser Vorfall die gängige Praxis illustrieren, scheitern unsere Schulen in puncto Debatten- und Kritikkultur jedenfalls kläglich.

Blackfacing? Ansichtssache.

Vor rund 300 Jahren fand das Blackfacing erstmals Einzug in die US-amerikanische Theaterwelt. Es wurde eingesetzt, um schwarze Menschen zu karikieren und herabzuwürdigen. Wie Antònia Ganeto von Finkapé – Réseau Afrodescendant Luxembourg der woxx gegenüber erläutert, ist die schwarze Farbe im Gesicht seither ein Symbol für die Unterdrückung schwarzer Menschen. Was bei heutigem Gebrauch damit intendiert wird, ist unerheblich – allein schon die Bildsprache, der sich hier bedient wird, ist rassistisch. Wie Ganeto in Erinnerung ruft, stellt auch der schwarz angemalte „Houséker“ aus diesem Grund ein rassistisches Stereotyp dar. „Och wa gemengt gëtt, et wier net mam Personnage de Geck gemaach ginn, ass dat fir People of Color verletzend. Ganz besonnesch huet et negativ Répercussioune, wat d’Selbstwäertgefill bei Kanner a Jugendlecher ubelaangt.“

Wird eine Praxis, die jahrhundertelang zur Entmenschlichung schwarzer Menschen eingesetzt wurde plötzlich wertschätzend, nur weil Weiße das so entscheiden? Eigentlich nicht. Hierzulande sieht das allerdings nicht nur Heiser etwas anders. Die Antwort des Bildungsministeriums auf eine entsprechende Nachfrage der woxx fällt knapp aus: Die Schüler*innenpopulation des Athenäums sei international, das Publikum bei Kolléisch in Concert multikulturell und das Schwarzmalen des Gesichts sei ein inszenatorisches Mittel „an hat net d’Intentioun, e stereotypescht oder rassistescht Denkmuster erëmzespiggelen“.

Ähnlich auch das Integrationsministerium: Jede Form von Diskriminierung sei inakzeptabel, dazu zählten auch Fälle, in denen Blackfacing die Intention habe, schwarze Menschen zu diskriminieren. Über das Kolléisch in Concert-Musical wisse man nicht genug, um darüber urteilen zu können. Zurzeit sei keine Antirassismuskampagne geplant, erfährt man darüber hinaus, man stehe aber im Kontakt mit Organisationen wie Let’s Rise Up und Finkapé Luxembourg, um sich einen Überblick über den Handlungsbedarf zu verschaffen, so Pressesprecherin Stéphanie Goerens. „Wir wollen keine Kampagne einfach so ins Blaue hinein starten.” Auf die Frage, ob in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium eine Anti-Diskriminierungsstrategie ausgearbeitet worden sei, antwortet Goerens erneut mit Verweis auf laufende Gespräche mit Interessengruppen: „Wenn von diesen angegeben wird, dass im Bildungssystem Handlungsbedarf besteht, werden wir bereitwillig entsprechende Initiativen in die Wege leiten.”

Den Eindruck, dass man hier erst vor kurzem aktiv geworden ist, bestätigt Goerens: „Der Kontext einer größeren Rassismusdebatte ist neu und die entsprechenden Arbeiten werden jetzt aufgenommen.” Auf Nachfrage ergänzt die Regierungsberaterin Dominique Faber, die Thematik sei in letzter Zeit stärker in den Fokus geraten, Organisationen wie Let’s Rise Up und Finkapé existierten noch nicht lange. „Vor fünf Jahren war die Thematik einfach noch nicht so aktuell.”

Stellt sich allerdings die Frage, wer die „Aktualität“ definiert und wie. Denn abgesehen davon, dass Rassismus seit Jahrhunderten existiert, wäre zu erwarten gewesen, dass die Problematik spätestens seit Erscheinen der „Being Black”-Studie Ende 2018 vom Integrationsministerium Priorität gewinnt. Damals hatten 39 Prozent der schwarzen Befragten angegeben, hierzulande in den letzten fünf Jahren rassistisch diskriminiert worden zu sein.

Wirklich überraschend ist die zögerliche Reaktion des Integrationsministeriums nicht, hatte die zuständige Ministerin Corinne Cahen (DP) doch vergangenen November bei einem Rundtischgespräch bereits wenig Bewusstsein für die Existenz und Wirkungsweise von strukturellem Rassismus gezeigt. Luxemburger Politiker*innen hinken international geführten Debatten über Rassismus oftmals weit hinterher, wie immer wieder deutlich wird: Sei es wenn Cahen stolz verkündet, „keine Farben zu sehen“ oder wenn der Escher Bürgermeister Georges Mischo (CSV) zum Nationalfeiertag ein an Ignoranz kaum zu überbietendes „All Lives Matter“ fordert.

Copyright: Orville S. Poland

Prägende Erfahrungen

Anders als das Integrationsministerium nahelegt, existiert Finkapé bereits seit eineinhalb Jahren. Seit dem 13. November 2019, an dem oben erwähntes Rundtischgespräch stattfand, wird der informelle Zusammenschluss allerdings stärker in den Medien wahrgenommen. Auf Nachfrage versichert Finkapé Sprecherin Antònia Ganeto, man stufe den Vorfall im Athenäum eindeutig als Blackfacing und damit als diskriminierend ein. Hier prallen zwei verschiedene Herangehensweisen aufeinander: Für Schuldirektor Heiser und die beiden erwähnten Ministerien ist Blackfacing Ansichtssache und eine Frage der Umsetzung. Für Djalò und Finkapé ergibt sich der Rassismus dieser Praxis allein schon aufgrund des historischen Kontexts.

Dass das N-Wort im Rahmen des Musicals benutzt wurde, findet Ganeto für sich genommen nicht problematisch. Anders als beim Black
facing spiele hier aber der Kontext, in dem es verwendet wird, eine Rolle: In einer Szene, in der das N-Wort benutzt wird, um die Unterdrückung schwarzer Menschen zu thematisieren, verändert sich die Aussage völlig, wenn es sich bei der schwarzen Figur um einen Weißen handelt. „Schwarze Menschen dürfen ‚Neger‘ sagen, Weiße nicht“, bringt Ganeto es auf den Punkt.

Bevor ein Musical in einer Schule aufgeführt werde, in dem Rassismus thematisiert wird, sollten sich die Verantwortlichen bestimmte Fragen stellen, gibt Ganeto zu bedenken. So etwa: Wie kommt es rüber, bei Weißen einerseits und bei Schwarzen andererseits, wenn ein weißer Schüler darin schwarz angemalt ist? Die Frage, die ihrer Meinung nach zudem durch den Vorfall aufgeworfen wird: Wieso gibt es im Kolléisch keinen schwarzen Schüler, der die Rolle hätte spielen können? Wieso wurde sich dafür entschieden, das Stück „Fame” aufzuführen, obwohl kein schwarzer Schüler für die Rolle des Tyrone zur Verfügung stand? „Ich will es nicht unbedingt Rassismus nennen, aber die Entscheidungen, die hier getroffen wurden, beruhen eindeutig auf Vorurteilen.“

Worüber in Ganetos Augen bisher zu wenig gesprochen wurde, sei das Wohlergehen von Naimuna Djalò. Sie habe sich diskriminiert gefühlt und sich an eine Autorität gewandt in der Hoffnung, dass ihre Bedenken ernst genommen würden. „Es hat einen prägenden und schädlichen Einfluss, wenn eine Instanz, die nach dem Rechten schauen soll, ein solches Anliegen verwirft, ohne sich um den psychischen Zustand der Betroffen zu kümmern. Die betroffene Person fängt an, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen“, erklärt Ganeto.

In einem Szenario, in welchem Schulleiter Heiser Verständnis dafür gezeigt hätte, dass, gerade weil er den Rassismus mancher Praktiken nicht wahrnimmt, es umso wichtiger ist, sich von Schwarzen Menschen eines Besseren belehren zu lassen, hätte ein Gespräch zwischen ihm und Djalò gewinnbringend sein können. Stattdessen hat er defensiv reagiert und die eigene Beteiligung an einer breiteren Debatte verweigert.

Für Djalò ist klar, wie auf den Vorfall hätte reagiert werden müssen: „Der Direktor hätte entscheiden müssen, dass bei den weiteren Vorstellungen sowohl auf das Blackfacing als auch auf das N-Wort verzichtet wird.” Auch eine öffentliche Entschuldigung von der Schule habe sie sich gewünscht. Sogar den Inhalt einer solchen hat Djalò parat: „Das Blackfacing geht auf Rassismus und Kolonialismus zurück – damit widerspricht es den Werten, die wir an unserer Schule vertreten und vermitteln.”

Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Robin DiAngelo spricht in ihrem Buch „White Fragility: Why it’s so hard for White People to talk about Racism“ ein Paradox an: Je toleranter und antirassistischer eine Person sich definiert, desto mehr sträubt sie sich dagegen, ihre Komplizinnenschaft innerhalb eines rassistischen Systems anzuerkennen. Das hat mit der verbreiteten Ansicht zu tun, dass nur böse Menschen rassistisch sind, gute Menschen jedoch nicht. Nach dieser Auffassung ist Rassismus etwas, das stets intentional ist und auf einer offenen Abneigung gegenüber schwarzen Menschen beruht. „For most whites (…) racism is like murder: the concept exists, but someone has to commit it in order for it to happen“, so DiAngelo. Rassismus existiere allerdings unabhängig von Intentionen, Selbstbildern und Individuen: Es ist ein System, eine historisch entstandene Machtdiskrepanz zwischen Schwarzen und Weißen. „Racism is a society-wide dynamic that occurs at a group level.“
Werden Weiße damit konfrontiert, dass ihr Verhalten rassistisch ist, reagieren sie deshalb nicht selten mit Unverständnis: Sie werden defensiv, fühlen sich unfair behandelt, verweigern eine Selbsthinterfragung und gegebenenfalls sogar eine Diskussion. Hierunter versteht DiAngelo das, was sie in ihrem Buch als „white fragility“ definiert. Der Effekt davon ist keineswegs harmlos.
Das wird auch an dem Vorfall im Athénée deutlich: Schulleiter Claude Heiser als weißer Mann in einer Machtposition maßt sich an, darüber zu urteilen, was rassistisch ist und was nicht. Damit trägt er dazu bei, dass die Machtstrukturen genauso bleiben wie sie sind. „(White fragitlity) may be conceptualized as the sociology of dominance: an outcome of white people’s socialization into white supremacy and a means to protect, maintain, and reproduce white supremacy.“
Aus diesem Grund fordert DiAngelo, sich stets selbst zu fragen: Ist es möglich, dass ich manche rassistischen Dynamiken nicht wahrnehme, weil ich weiß bin? Bin ich gewillt, eine solche Möglichkeit in Betracht zu ziehen? Falls nicht: Wieso? Es macht nicht den Eindruck, als ob in dem beschriebenen Fall ein solcher Reflexionsprozess stattgefunden hätte.


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