RTL: Weihnachtsglocken zu Rassismus

RTL lässt einen weißen Mann über Schwarze Mitbürger*innen herziehen, bevor es dann um die Sicherheit der Weihnachtsdeko und Schutzengel für das hauptstädtische Bahnhofsviertel geht.

CC BY Maciej Górnicki NC 2.0

Anm. d. Redaktion: Dieser Text zitiert rassistische Aussagen, um die beschriebenen Geschehnisse zu schildern.

„Déi, déi sech trauen, eis eppes ze erzielen iwwer hiren Alldag, wunnen ënnenof der Stroossbuerger Strooss (…)“, beginnt der Beitrag über die verschobene Bürger*innenversammlung zur Sicherheit im Quartier Gare, der am 15. November auf RTL ausgestrahlt wurde. „[K]omplizéiert hei ze wunnen, fannen si.“ Die Journalist*innen übernehmen mit dieser Einführung die Spaltung des Bahnhofsviertels in zwei Lager, die zurzeit auch in der Rhetorik der Lokalpolitiker*innen zu beobachten ist: Auf der einen Seite gibt es die besorgten Bürger*innen, auf der anderen Seite verstecken sich Kriminelle. RTL sieht dies scheinbar bestätigt, weil „een effektiv just Leit [begéint], déi sech fir d’éischt emol verzéien, wa se d’Kamera gesinn (…). Dat wieren Dealer, kréie mir erkläert; nuets kéimen dann och d’Meedercher.“

Anti-Rassismus statt Schutzengel, bitte!

Die besorgten Anwohner*innen werden in dem Video von Luc Deitz repräsentiert: einem weißen Akademiker und Mitglied des „Comité d’initiative“, das sich für ein Referendum zur Verfassungsreform einsetzt. In einem Artikel über das „Comité d’initiative“ im Land (12. November) zweifelt Deitz den menschengemachten Klimawandel an, deklariert die Überbevölkerung zum eigentlichen Übel. „Ideologisierte Mainstream-Gesinnungsjournalisten“ würden ihn als „Klimaskeptiker“ bezeichnen.

RTL stellt Deitz schlicht als „Garer Awunner“ vor und macht die Bühne frei für seine rassistischen Aussagen. Zuerst bezeichnet er die „voll pigmentierten“ Menschen vor seiner Haustür pauschal als Drogendealer*innen, später legt er noch einen drauf: „[W]ann do dräi Schwaarzer ënnerhalb vu dräi Minutten iech soen „Ça va, mec?“ an d’spiert een d’Gewaltbereetschaft an der Loft, dann ass dat engem net méi egal.“

Auch wenn die Journalist*innen sich mit dem Argument verteidigen könnten, es handele sich hierbei um einen Lagebericht und Ansichten eines Bürgers: Deitz‘ Kommentar zur Hautfarbe seiner Mitbürger*innen trägt nichts zum Informationsgehalt bei, sondern nährt Ressentiments innerhalb der Bevölkerung und ist diskriminierend. Die Journalist*innen müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie sich nicht von den anschuldigenden Passagen distanziert haben – aus journalistischer Verantwortung heraus, aber auch, um weder sich selbst noch den Sender als Handlanger*innen primitiver Fremdenfeindlichkeit darzustellen.

Statt zu unterbinden, was für die Berichterstattung ohnehin irrelevant ist, hält RTL die Kamera drauf und gibt der Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) und dem Schöffen Serge Wilmes (CSV) das Wort. Polfer stichelt kurz gegen Minister*innen und ruft die Anwohner*innen auf, ihre Sorgen bei der Versammlung am 1. Dezember – sie war für den 25. November angesetzt – zu teilen. Wilmes plaudert über die Sicherheitsfirmen, die in den kommenden Wochen die Weihnachtsmärkte und -dekoration im Bahnhofsviertel überwachen. Rassismus, politisches Gerede und Weihnachtsglocken fließen in dem Beitrag nahtlos ineinander über.

Déi Lénk zeigt sich in einer Pressemitteilung zum Beitrag schockiert. Die Partei wirft die Frage auf, ob RTL damit gegen den Pressekodex verstößt. Dort gibt es tatsächlich einen Artikel, der besagt: „La presse s’engage à éviter et à s’opposer à toute discrimination pour des raisons de sexe, de race, de nationalité (…), d’ethnie, de culture (…)“. Das macht RTL als Medium in diesem Fall eindeutig nicht. Eine Klärung könnte allerdings nur die Klage einer dazu berechtigten Menschenrechtsorganisation beim Presserat ergeben.

Das Video endet mit dem Satz: „[D’]Gare huet bestëmmt jo ee Schutzengel.“ Wie wäre es statt eines Schutzengels mit Medien, die klare Kante gegen Rassismus zeigen?


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