Schon gestreamt? Atypical

Seit dem Erscheinen der Netflix-Serie „Atypical“ im August 2017 scheiden sich an ihr die Geister. Die einen loben ihre einfühlsame Darstellung einer Person mit Autismus, die anderen finden gerade ebenjene Figur misslungen. Ob einem „Atypical“ gefällt oder nicht, hängt letztlich davon ab, wonach man Ausschau hält.

Wenn Sam sich überfordert fühlt, weiß ihre Schwester Casey genau wie sie ihm helfen kann.

Die Präsenz einer Figur mit Behinderung in einer Mainstream-Serie ist an und für sich ungewöhnlich. Dass es sich dabei, wie im Fall der Netflix-Serie „Atypical“, sogar um den Protagonisten der Serie handelt und dieser auf eine Weise dargestellt wird, die dem Publikum Autismus näher bringt, ohne ihn aber darauf zu reduzieren, ist schlichtweg beeindruckend.

Manche sehen das anders. Auf zeit.de kommt Lina Muzur zu dem Schluss, am Ende scheitere „Atypical wohl schlichtweg daran, dass sich Autismus nicht pauschalisieren lässt, dass er einfach kein guter Stoff für eine ganz normale Netflix-Komödie ist.“ Muzur hat natürlich nicht ganz Unrecht. Autismus lässt sich nicht pauschalisieren. Doch ließe sich diese Aussage auf jedes andere Thema übertragen. Menschen in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit abzubilden, ist nicht nur noch keiner Netflix-Komödie gelungen, sondern keinem jemals erschaffenen Kunstwerk.

„Atypical“ zeigt nur eine bestimmte Ausprägung von Autismus. Noch dazu eine, die in medialen Darstellungen dieser neurologischen Entwicklungsstörung überrepräsentiert ist. Der 18-jährige Sam (Keir Gilchrist) wurde als Kind mit hochfunktionalem Autismus diagnostiziert, nimmt immer alles wörtlich, kann keinen Blickkontakt halten und neigt zu obsessivem Verhalten. Wie es so oft bei Figuren mit Austismus der Fall ist, ist Sam weiß und heterosexuell. Anders aber als beispielsweise bei der Figur Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“ (2007-) wird Sams Verhalten nicht einzig als Running Gag verwendet. Stattdessen lernen wir, die Welt ein wenig mit seinen Augen zu sehen. Wenn gezeigt wird, welche Wirkung seine Autismus-Spektrum-Störung auf seine Mitmenschen hat, liegt der Fokus auf den zahlreichen Barrieren, die Menschen mit einer Behinderung eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Zusammenleben oft erheblich erschwert.

Ein wenig hölzern wirkt die Serie in Momenten, in denen versucht wird, Autismus mit anderen Normabweichungen zu vergleichen. „Every family is atypical“ lautet die Tagline der Serie auf imdb.com. Und so ist die Serie sehr bemüht uns zu vermitteln, dass Sams Probleme im Grunde gar nicht so anders sind als die neurotypischer Teenager. Erste Liebe, erste sexuelle Erfahrungen, streitende Eltern, die Suche nach der passenden Universität und der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit – alles Dinge, die dem Publikum dabei helfen sollen, sich mit Sam zu identifizieren. Fakt ist aber, dass sich dessen Erfahrungen nur bedingt mit denen neurotypischer Teenager vergleichen lassen. Eine etwas weniger romantisierte Darstellung hätte der Serie durchaus nicht geschadet, als durchweg gescheitert kann man sie aber auf keinen Fall bezeichnen.

„Atypical“ ist eine Serie über einen Jungen mit Autismus. Wenn es an Darstellungen anderer Formen der Entwicklungsstörung fehlt, dann ist das weniger dieser Netflix-Serie geschuldet als vielmehr der mangelnden medialen Repräsentation von Menschen mit einer Behinderung insgesamt. Zurzeit kann man „Atypical“ als Erfolg bezeichnen. Der Serie gelingt, was zuvor noch keiner Mainstream-Serie gelungen ist: Menschen, die nichts oder nicht viel über Autismus wissen, die Entwicklungsstörung etwas näher zu bringen.

„Atypical“ interessiert sich aber nicht nur für Sam, sondern neben seiner Schwester (Brigette Lundy-Paine), seinem Vater (Michael Rapaport) und seiner Mutter (Jennifer Jason Leigh) zudem auch noch für seine Therapeutin (Amy Okuda). Und hier zeigt sich, dass die Schwächen, die sich bei der Darstellung Sams offenbaren, weniger auf schlechter Recherche als vielmehr auf der sporadischen Faulheit der Drehbuchautor*innen beruhen. Sam wird beispielsweise als recht frauenfeindlich dargestellt, die anderen Männer in der Serie sind jedoch auch alles andere als feministisch. Solche schädlichen Stereotype senken das Niveau der Serie ungemein.

„Atypical“ ist sicherlich kein Meisterwerk. Es ist eine teils humorvolle, teils bewegende High-School- und Familienserie, mit dem Anspruch, die Welt ein wenig besser zu machen. Wer nicht mehr erwartet, kommt voll auf seine Kosten.


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