Schwuler Rebell in der Polnischen Volksrepublik

Tomasz Jedrowskis Debütroman „Swimming in the dark“ versetzt die Leser*innen in die Polnische Volksrepublik der 1980er-Jahre. Ein Roman über Politik und Gefühle, der auf die Liebesgeschichte hätte verzichten können.

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„I’m in the corner, watching you kiss her“, singt Callum Scott in seiner Cover-Version von Dancing On my Own. „Im not the guy you are taking home.“ Wer das Lied kennt kommt nicht drum herum es bei der Lektüre von Tomasz Jedrowski’s Debütroman „Swimming in the dark“ vor sich hin zu summen: Es resümiert in etwa die Liebesgeschichte zwischen den Hauptfiguren Ludwik und Janusz.

Der Roman spielt Ende der 1980er-Jahre in Polen. Der Zerfall der damaligen Polnischen Volksrepublik kündigt sich an. Der realsozialistische Staat besteht, unter Führung der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, seit 1944. Die Volksrepublik ist stark von der Sowjetunion abhängig. Es gibt Unruhen, wirtschaftspolitische Krisen und Proteste der Arbeiter*innen. Inmitten dieser Tumulte treffen Ludwik und Janusz im Sommer aufeinander als beide ihrem Pflichtdienst in einem staatlichen, landwirtschaftlichen Arbeiter*innen-Camp nachgehen.

Ludwik, der Ich-Erzähler, erinnert sich in einem Text an Janusz an erste Blicke, Begegnungen am See und an den Road-Trip während dem zwischen ihnen alles begann. Wenn Ludwik sich an Janusz wendet, denkt er auch an seine Jugendliebe Beniek oder an einen Unbekannten aus einem Park zurück, mit dem er sein erstes Mal hatte. Während Ludwik ein Regierungskritiker ist, sich gegen Korruption und Konventionen wehrt, arbeitet Janusz kurz nach der Zeit im Camp für das staatliche „Office of Press Control“. Ludwik nennt es „Office of Censorship“. Mit seiner Kritik an Janusz Konformität hält er generell nicht hinterm Berge. Die beiden geraten immer wieder aufgrund politischer Ansichten aneinander.

Die Beziehung ist demnach recht simpel aufgebaut: Einerseits gibt es den rebellischen Ludwik, andererseits den staatstreuen Janusz. Beide haben unterschiedliche Erfahrungen mit dem Regime. Ludwik muss mit ansehen wie seine gebrechliche Vermieterin von Woche zu Woche länger für Essen anstehen und auf nährstoffreiche Lebensmittel verzichten muss, weil die Lebensmittelpreise erneut steigen. Er hört, wie sie Blut hustet, und verzweifelt daran, dass keine Apotheke der Stadt Medikamente für sie aufbringen kann. Janusz hingegen pflegt Kontakte zu den höchsten Regierungsetagen und versucht sich ins System einzugliedern. Davon verspricht er sich die Freiheit, die Ludwik sich von einer Auswanderung nach Amerika erhofft. Zwar hilft Janusz Ludwik (meist ungefragt) durch seine Kontakte aus verschiedenen Notlagen und stellt ihn wichtigen Menschen vor, doch steht er nicht öffentlich zu ihrer Beziehung.

Homosexuelle Praktiken wurden 1932 in Polen legalisiert, doch galt Homosexualität bis 1991 als Krankheit. In Jedrowski’s Roman ist die Rede von Überwachung und Listen von homosexuellen Männern, – von Lesben ist in dem Roman keine Rede – die die Regierung führte. Janusz will vermeiden auf dieser Liste zu landen. Warum, zeigt sich spätestens wenn Ludwik einen Antrag zur Ausreise in die USA stellt: Der zuständige Beamte offenbart ihm über seine sexuelle Orientierung Bescheid zu wissen und droht ihm mit der Ablehnung seines Antrags, wenn er nicht mit den Namen all seiner Sexpartner herausrückt.

Korruption, gesellschaftliche Zwänge, Homofeindlichkeit – sie sind in der Erzählung allgegenwärtig. Jedrowski’s Debüt will mehr sein als eine schwule Liebesgeschichte. Die ist an sich nur ein Aufhänger, um ein politisch zerrissenes Land und seine gespaltene Gesellschaft zu porträtieren. Die Buchseiten liefern Hintergrundinformationen zur politischen Lage. Leser*innen ohne Vorwissen müssen sich jedoch einiges selbst erschließen. Das stört an der einen oder anderen Stelle den Lesefluss, hindert die Leser*innen aber nicht daran zu erkennen, wie eng Politik und Privatleben hier miteinander verzahnt sind.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass Jedrowski sein Buch 2020 veröffentlichte: Zeiten, in denen Polens konservative Regierung immer stärker mit Gesetzgebungen und öffentlichen Statements gegen LGBTIQA+ Menschen schießt. In einem Interview mit dem deutschen rbb sagte Jedrowski allerdings zur Situation in Polen: „Ich bin mir (…) nicht sicher, ob sich die Situation von queeren Menschen (…) verschlechtert hat. Früher hat sich (…) niemand getraut Hand in Hand durch die Stadt zu laufen, deshalb wurde auch kaum jemand verprügelt. Viele queere Menschen trauen sich aber mittlerweile mehr oder kämpfen um wirkliche Gleichberechtigung, sind also sichtbarer, und stoßen dabei auf Widerstand. [E]s wäre zwar schöner, wenn all das ohne Kampf möglich wäre, aber in jedem Land wird auf irgendeine Weise um Anerkennung gekämpft.“ Würde man diese Aussage einem seiner Charaktere zuschreiben wollen, wäre es sicherlich Janusz. Im August 2019 galten um die 30 Regionen in Polen als LGBT freie Zonen. Dass öffentlich und politisch Stimmung gegen LGBT-Menschen gemacht wird, hat in dem Fall wenig mit dem Verhalten der queeren Gemeinschaft zu tun.

Jedrowski, der in Deutschland aufgewachsen und Kind polnischer Migrant*innen ist, lebt derzeit in Frankreich. Während der siebenjährigen Arbeit an seinem Roman wohnte er in Warschau. Im Interview mit dem rbb räumt er ein, dass er dort selbst nicht offen über seinen Partner sprach, ihn in der Regel als „einen Freund“ bezeichnete. Die Reaktionen auf sein Buch seien in Polen gemischt ausgefallen: Die Einen seien interessiert gewesen, die Anderen hätten es ignoriert.

„Swimming in the dark“ zu ignorieren ist nicht empfehlenswert, denn es ermöglicht einen interessanten Einblick in die Geschichte Polens – und das aus der Sicht eines schwulen Charakters. Es wie andere Kritiker*innen als „new classic“ zu beschreiben ist jedoch übertrieben. Auch wenn Jedrowski unheimlich poetisch über Ludwiks Gefühle schreibt – wirklich warm wird man mit den beiden Protagonisten nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ihre Geschichte abgedroschen ist: Die Erzählung eines homosexuellen Charakters, der sich in eine bisexuelle Person verliebt, die nicht zu ihrer Beziehung steht, wurde nämlich bereits unzählige Male genau so erzählt.

Swimming in the dark. Tomasz Jedrowski. Bloomsbury: 2020.


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