Sharon Maymon / Tal Granit: Ende ohne Schrecken

„Mita Tova“ nimmt sich – ohne sich im Ton zu vergreifen – des Themas Euthanasie mit sehr viel Humor an, was diesen doch wenig beachteten Film zu einer raren Perle macht.

1322kino

Schwerer Stoff, witzig umgesetzt – „Mita Tova“ glänzt mit schwarzem Humor.

Als sein bester Freund Max ihn bittet, sein Leiden zu beenden, steht Ezekiel vor einem Dilemma: Zwar drängt ihn auch Max’ Frau Yana, ihrem Mann beim Sterben zu helfen, aber seine Freunde und Bekannten – und ganz besonders die eigene Ehefrau Levana – stehen dem Unterfangen sehr kritisch gegenüber. Schließlich ringt sich der alte Tüftler, unterstützt von ein paar Freunden aus seinem Jerusalemer Altersheim, doch dazu durch, eine Maschine zu bauen, die es Max ermöglichen soll, sich selbst das Leben zu nehmen. Nachdem der beste Freund tatsächlich von seinen Leiden erlöst ist, werden Ezekiel und seine Freunde die Geister, die sie riefen, jedoch nicht mehr los. Immer mehr verzweifelte alte Menschen bedrängen sie, die Maschine benutzen zu dürfen, und scheuen nicht einmal vor Erpressung zurück. Als sich dann auch noch Levanas Demenz in großen Schüben verschlimmert, muss Ezekiel folgenschwere Entscheidungen treffen.

Die Geschichte, die „Mita Tova“ erzählt, könnte trauriger nicht sein. Und doch gelingt es den beiden Regisseuren Tal Granit und Sharon Maymon – die bereits vorher zusammen Filme gedreht haben, zum Beispiel „A Matter of Size“, den Zuschauern ein Dauerlächeln aufs Gesicht zu zaubern. Ein Lächeln, kein Lachen, das einem im Hals stecken bleibt, denn die beiden setzen nicht auf exzessiven Humor. Es sind eher kleine Pointen, die durch den Film führen und ihn beständig auflockern. Etwa, wenn Ezekiel gleich zu Anfang der Geschichte eine Mitbewohnerin des Altersheims mit verstellter Stimme anruft und behauptet, Gott zu sein – nur damit die Frau sich wieder in ihre Krebstherapie traut. Schließlich ist, der himmlischen Buchführung nach, für sie noch kein Platz frei im Paradies. Oder wenn die Rentnerbande nachts beim Kiffen und Whiskytrinken im Gewächshaus ertappt wird und die Direktorin sie ausschimpft, als seien sie Schulkinder.

Durch Levanas Erkrankung findet der Ernst des Lebens und Sterbens seinen Weg zurück in die Handlung. Am Anfang noch Nebensache, wird sie bald zur Priorität in Ezekiels Leben, und auch er muss sich der Frage stellen, ab wann das Leiden über den Lebenswillen siegt.

Es ist sicher nicht das erste Mal, dass das heikle Thema Euthanasie im Kino verarbeitet wird. Und sogar die humorvolle Behandlung ist keinesfalls eine Premiere: Dem kanadischen Regisseur Denys Arcand ist 2003 mit „Les invasions barbares“ ein ähnlich geniales Melodram gelungen. Doch wo bei Arcand elitäre und dekadente Uni-Professoren über Leben und (Frei)tod sinnieren, konfrontieren Granit und Maymon ganz „normale“ Menschen mit diesen Fragen. In diesem Sinne spiegelt sich in „Mita Tova“ auch ein bisschen „Amour“, das Meisterwerk von Michael Haneke, bei dem es ebenfalls um ein Paar geht, das sich mit Altersdemenz auseinandersetzen muss. Der israelische Film kommt aber ganz ohne Hanekes Pathos aus.

Eigentlich aber hat Granit und Maymons Film solche Vergleiche gar nicht nötig. „Mita Tova“ spricht für sich selbst und sei es nur, indem er eine klare Position gegenüber Sterbehilfe im Alter bezieht. Und er hätte viel mehr Beachtung verdient – wegen des Themas sicherlich, aber auch wegen dessen filmischer Umsetzung.

Im Utopia.

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