Theaterfestival: Queer zugänglicher machen

In Esch findet dieses Wochenende das „Queer Little Lies“ statt, das erste queere Festival Luxemburgs. Die woxx hat sich mit dessen Organisatorin Sandy Artuso unterhalten.

Szene aus der Performance „Wild Child“. (Foto: Kegan Marlin)

woxx: Warum hat das Kollektiv Independent Little Lies (ILL) ein queeres Theaterfestival in Luxemburg auf die Beine gestellt?


Sandy Artuso: Seit ich wieder in Luxemburg bin, habe ich mich gleich wieder bei Independent Little Lies engagiert, vor allem mit Assistenzen und Arbeiten im Hintergrund. Ich wollte aber auch ein eigenes Projekt stemmen und das natürlich mit einer Thematik verbinden, die mir persönlich sehr nahe liegt und mit der ich mich beruflich beschäftige. Zuerst wollten wir ein queeres Stück auf die Bühne bringen, im Zuge der Recherchen habe ich dann aber gemerkt, dass ich mich nicht so danach fühlte, etwas zu inszenieren. Mit Jill Christophe kam ich dann auf die Idee, dass es auch ganz spannend wäre, ein Festival zu organisieren. ILL hat nämlich eine Festivaltradition und wir finden es immer sehr bereichernd, mehrere Leute einzuladen. Ich kenne solche Festivals aus anderen Städten und fand die Idee, so etwas nach Luxemburg zu bringen, sehr gut. Es war uns von Anfang an klar, dass wir als Theaterkollektiv natürlich vor allem Bühnenkunst zeigen, auch ein Rahmenprogramm bieten wollten. Dadurch, dass die Gruppe Queer Loox schon länger in Luxemburg aktiv ist, war es naheliegend, mit ihnen einen Film-
abend zu organisieren; Workshops passen ebenfalls immer sehr gut in ein Festivalprogramm und eine Ausstellung bietet sich ebenfalls an. Wir hatten den Eindruck, dass das Thema „Queer“ in Luxemburg in den letzten Monaten und Jahren mehr Anklang findet, wie wir an einzelnen, punktuellen Events feststellen konnten. Vor zwei Jahren haben wir beschlossen, dass wir es wagen wollen, seit einem Jahr sind wir mit der Organisation beschäftigt. Anfangs wollten wir drei volle Tage organisieren, haben dann aber gemerkt, dass wir uns damit für eine erste Ausgabe vielleicht übernehmen würden. Jetzt sind wir mit zweieinhalb Tagen und der Aufteilung sehr zufrieden. Freitags zeigen wir Filme, samstags Performances auf der Bühne und sonntags klingt das Festival mit der Präsentation der Resultate eines Workshops und einer Diskussionsrunde aus.

Wir wollen, dass alle Besucher*innen merken, dass Auseinander-setzungen mit Stereo-typen und Normen sie auch betreffen.

Gibt es ein klares Festival-Highlight? 


Dadurch, dass wir anders als größere Festivals ein sehr kondensiertes Programm haben, kann man eigentlich alles machen. Bei den Filmen gibt es einen Kurz- und einen Langfilm, die Vorführungen sind sehr unterschiedlich, ebenso die Workshops. Ich freue mich am meisten auf den Samstag, als Theaterkollektiv haben wir ja dann doch eine Affinität zum Theater. Ich bin sehr gespannt, wie die beiden Live-Events „La nature contre-nature (tout contre)“ und „Wild Child“ auf das luxemburgische Publikum wirken werden.

Bei Queer Little Lies treten sowohl internationale als auch lokale Künstler*innen und Gruppen in Erscheinung. Wäre es nicht möglich gewesen, ein rein luxemburgisches queeres Festival zu organisieren – oder war das sowieso nie das Ziel?


Wir haben angefangen, lokal zu suchen. Unser Kriterium war dabei, dass es Personen sind, die sich konsequent mit Geschlechtern, Sexualität und so weiter in ihrer Kunst auseinandersetzen und nicht nur einmal ein Stück oder eine Ausstellung dazu gemacht haben. Wir wollten also Künstler*innen, für die das ein zentrales Thema ihres Œuvre ist, dadurch hat sich auf lokaler Ebene die Zahl der Leute natürlich reduziert und wir haben unser Netz weiter gespannt. Viele Kontakte sind aber durch unsere lokalen Partnerschaften zustande gekommen, zum Beispiel hat Cigale uns Ludovic-Mohamed Zahed empfohlen, der Brüsseler Camille Pier hat in Luxemburg bei einem Projekt mitgemacht, bei dem eine ILL-Künstlerin mitspielte. So haben wir das ominöse internationale queere Netzwerk aktiviert. Wir wollten Luxemburg auch als Punkt in diesem Netzwerk etablieren und den Austausch fördern. Außerdem hoffen wir, dass luxemburgische Künstler*innen, die vielleicht noch nicht auf einer Bühne standen, auf uns aufmerksam werden, im Hinblick auf nächste Editionen des Festivals.

Historisch gibt es viele Beispiele für queere Menschen in der Theaterwelt. Eignet sich das Schauspiel besonders gut, um diese Themen rüberzubringen? 


Man findet nicht wenig Leute, die tatsächlich über Performances oder ähnliche Kunstformen Themen wie Körper, Sexualität und Gender reflektieren. Das geht natürlich einher mit der Performativität von Geschlecht, was gerade bei Valérie Redings „Wild Child“ besonders gut zu sehen ist. Künstler*innen setzen sich ganz anders als beispielsweise Theoretiker*innen mit diesen Themen auseinander, oft viel intensiver, viszeraler, körperlicher. Das finde ich sehr spannend an queerer Kunst. Dadurch wird das Queer-Thema dann auch viel zugänglicher für Menschen, die keinen theoretischen Hintergrund haben. Im Idealfall bewirkt das dann auch etwas bei denen und sie merken, dass Sexualitäten und Geschlechter vielleicht nicht so gesichert sind, wie sie bisher glaubten.

Durch Performances 
wird das Queer-Thema 
dann auch viel zugänglicher für Menschen, die keinen theoretischen Hintergrund haben.

Wenn man das Label „queer“ auf ein Theaterfestival klebt, läuft man dann nicht Gefahr, Leute abzuschrecken, die sonst vielleicht kommen würden?


Wir wollen ja explizit eine Plattform bieten für Menschen, die sonst in Luxemburg keine Bühne geboten bekommen und zu Themen arbeiten, die hierzulande nicht so präsent sind. Und damit auch jene erreichen, die solche Thematiken im Theater vermissen. Aber natürlich wollen wir auch alle anderen mitnehmen, damit sie merken, dass Auseinandersetzungen mit Stereotypen und Normen sie auch betreffen. Am Wochenende wird sich zeigen, ob das Menschen angezogen oder abgeschreckt hat. Ich denke aber, dass unser vielfältiges Programm und die damit verbundenen Namen das Publikum durchaus anziehen werden. Und dem wird dann hoffentlich auch klar, dass unsere Themen universell sind.

Queere Themen sind in Luxemburg nicht sehr präsent, oft gibt es Missverständnisse oder Unklarheiten. Gibt es die Hoffnung, dass Kunst da als Mittlerin auftreten kann?


Ich hoffe schon! Wir hoffen, ein anderes Publikum zu erreichen, als die Leute, die auftauchen, wenn wir etwa eine akademische Konferenz organisieren würden. Mit Kunst ist es möglich, viel mehr Menschen zu erreichen, die ansonsten nicht mal etwas darüber hören würden. Auch dadurch, dass wir im Escher Theater sind und auch eine Ausstellung dort haben, haben wir auch eine höhere Sichtbarkeit. Manche Menschen, die sich immer die Ausstellungen in der dortigen Galerie ansehen, werden dann mit Themen und Ideen konfrontiert, über die sie noch nicht nachgedacht haben. Für viele ist queer einfach ein „Umbrella-Term“ für LGBTIQ, für den ganzen Regenbogen sozusagen. Wir gehen aber mehr in die politische, philosophische, dekonstruktivistische Richtung. Uns geht es nicht nur um Identität, sondern auch um Körper, Begehren, und so weiter.

Foto: Laura Pfeiffer

Alles ist politisch, ganz sicher auch die Kunst!

In der Festivalbroschüre steht gleich am Anfang, „Kunst ist nie politisch“ sei eine Lüge. Was heißt das im Kontext von Queer Little Lies?


Es gibt ja einige Menschen, die sagen, Kunst sei apolitisch, Künstler*innen seien neutral. Aber Künstler*innen wählen sich Themen, Positionen und Inszenierungen aus und bringen diese bewusst in die Öffentlichkeit. Und das ist für mich immer ein politischer Akt. Es ist ja auch eine Grundthese queerer Theorien, dass das Private politisch ist – alles ist politisch, ganz sicher auch die Kunst! Für mich ist das die Überschrift über dem Festival und das will ich auch am Sonntag mit den Künstler*innen beim Rundtischgespräch diskutieren.

Queer Little Lies findet in Esch statt – ist es in der künftigen Kulturhauptstadt einfacher, Räume für Nicht-Mainstream-Kunst zu finden?


Wir hatten von Anfang an eine deutliche Präferenz für Esch, weil wir ein Escher Kollektiv sind. Auch wenn die Leute mosern, wenn Theaterstücke nicht in der Hauptstadt stattfinden: Es gibt so viele Orte außerhalb von Luxemburg-Stadt, an denen coole Kunst stattfindet und Esch ist eben einer davon. Wir sind deswegen auch sehr glücklich, dass es mit dem Escher Theater geklappt hat und wir ein queeres Festival mitten im Ortskern organisieren können. Wenn am Wochenende alles gut läuft, wollen wir 2020 eine nächste Edition wagen – und natürlich auch eine 2022, wenn Esch Kulturhauptstadt ist.


Zur Person

Sandy Artuso ist Literaturwissenschaftlerin und Doktorandin an der Universität Luxemburg. Sie schreibt ihre Dissertation über Autobiografien von trans Menschen. Sie ist Mitherausgeberin und Chefredakteurin des queeren Magazins „Die Preziöse“. Als Mitglied des Theaterkollektivs Independent Little Lies – ILL organisiert sie gemeinsam mit Jill Christophe das Queer Little Lies-Festival in Esch.

 

 

 

 


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