Trans Menschen in den Medien: Holpriger Weg

Die Netflix-Doku „Disclosure“ zeichnet entlang thematischer Schwerpunkte die Geschichte der medialen Repräsentation von trans Menschen. Dabei stellt sie anregende Verknüpfungen her zwischen historischen Entwicklungen, medialer Darstellung und gelebter Realität.

Fotos: Netflix

Am Sonntag sind es 51 Jahre her, dass der Stonewall-Aufstand begann. Eine Razzia in der New Yorker Christopher Street hatte damals das Fass zum Überlaufen gebracht: In der Nacht zum 28. Juni schlugen die Besucher*innen des Stonewall-Inn zurück; sechs Tage lang dauerte der Aufstand. Bis heute wird die Rolle heruntergespielt, die trans Personen bei den damaligen Unruhen spielten. Einer der Gründe dafür dürfte die Unsichtbarkeit von trans Personen in medialen Darstellungen dieses historischen Ereignisses sein.

Und genau um diesen Themenkomplex geht es in der Netflix-Doku „Disclosure“ von Regisseur Sam Feder. Anhand von Filmauszügen, die mehr als 100 Jahre abdecken, und zahlreichen Interviews mit trans Personen wird die Geschichte der medialen Repräsentation von Transgeschlechtlichkeit gezeichnet: Wann und wo waren sie zu sehen und vor allem wie? Dass die Rolle, die trans Personen in der LGBTIQ-Bewegung spielten kleingeredet wird, ist nur einer von vielen Aspekten davon. Trans Personen wurden auch überproportional häufig als lachhaft, vereinsamt, entmenschlicht oder ermordet dargestellt.

In „Disclosure“ kommen die Betroffenen selbst zu Wort: Schau-
spieler*innen, Autor*innen, Produ-
zent*innen und Aktivist*innen erzählen von dem bestärkenden Gefühl, Menschen wie sich selbst auf dem Bildschirm zu sehen. Der erste mediale Kontakt mit Transgeschlechtlichkeit löste bei den Interviewten häufig gemischte Gefühle aus. Für manche war das etwa Julie Andrews in „Victor/Victoria“ (1982), Barbara Streisand in „Yentl“ (1983) oder Joyce Hyser in „Just One of the Guys“ (1985). Die Darstellungen hatten zwar mehr mit Verkleiden als mit tatsächlicher Transgeschlechtlichkeit zu tun, aber für viele war es immer noch besser als die völlige Unsichtbarkeit nicht-genderkonformen Verhaltens. Wie in „Disclosure“ deutlich wird, enthält die Geschichte medialer trans Repräsentation wenige positive Beispiele. Entgeistert berichten manche Interviewte, dass sie in ihrer Jugend Filme liebten, die zwar äußerst transfeindlich waren, in Abwesenheit positiverer Alternativen jedoch als ermächtigend empfunden wurden.

„When you are a member of a marginalized community, most of the film and television is not made with you in mind“, erklärt Laverne Cox, Co-Produzentin des Films. „Disclosure“ will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Akzeptanz und das Mitbedenken marginalisierter Menschen durch ihre positive Darstellung in den Medien gefördert werden kann. Thematisiert werden die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Transfeindlichkeit und medialer Repräsentation: Gesellschaftliche Vorurteile beeinflussen die Darstellung von trans Personen, diese wiederum schüren Vorurteile und beeinflussen gleichzeitig weitere Darstellungen.

Die Konsequenzen davon müssen trans Personen immer wieder am eigenen Leib erfahren. Denn wenn sie durchweg als Punchline eingesetzt werden oder Figuren angeekelt, verängstigt oder aggressiv reagieren, wenn sie von der Transgeschlechtlichkeit ihrer Flamme erfahren, werden damit diskriminierende Reaktionen normalisiert. Cox berichtet, wie sie bis vor einigen Jahren schallendes Gelächter auslöste, wenn sie in die Metro stieg. Für sie ist der Grund dafür eindeutig: Durch die Medien wurden cis Personen darauf trainiert, auf diese Weise auf eine trans Frau zu reagieren. „Disclosure“ will vermitteln: Viele Menschen, egal ob cis oder nicht, kennen trans Personen lediglich aus den Medien. Wie sie dargestellt werden, spielt also eine wesentliche Rolle für ihre gesellschaftliche Anerkennung.

Gewalt und Entmenschlichung

Im Lauf der Filmgeschichte wurde immer wieder eine enge Verbindung zwischen Transgeschlechtlichkeit und Gewalt hergestellt. In Filmen wie „Kiss of the Spider Woman“ (1985) und „The Silence of the Lambs“ (1991) handelte es sich bei den Mördern um Crossdresser. Auch Alfred Hitchcock wird als einer derjenigen Filmemacher erwähnt, die Psychopat*innen wiederholt durch Crossdressing als abstoßend und anormal zu zeichnen versuchten.

Daran wird deutlich, wie Transgeschlechtlichkeit und Crossdressing ineinander blenden, denn in puncto Transfeindlichkeit ist es unerheblich, mit welchem Geschlecht sich die abgebildete Figur identifiziert: Wenn nicht-genderkonformes Verhalten in negativer Weise dargestellt wird, schadet dies gleichermaßen nicht-binären Menschen, Crossdressern, trans Personen und jeder weiteren Person, die sich nicht gender-konform verhält.

Von „Boys Don’t Cry“ (1999) bis hin zu zahlreichen Crime-Serien wurden trans Personen zudem immer wieder als Opfer von Gewaltverbrechen dargestellt. Diese Darstellung hat ihren Grund: Trans Personen werden überdurchschnittlich häufig vergewaltigt und ermordet. In Filmen und Serien werden sie allerdings häufig auf diesen Aspekt reduziert. Das Problematische daran wird erkennbar, sobald der Kontext von trans Repräsentation bedacht wird: Dadurch, dass es so wenige Darstellungen gibt, fällt jede einzelne umso mehr ins Gewicht. Und dadurch, dass bestimmte Aspekte immer und immer wieder vorkommen, werden sie zur Realität.

Das Paradoxe: Selbst in Filmen, in denen Gewalt gegen trans Personen thematisiert wird, werden Ressentiments befördert, die ebenjene Gewalt begünstigen. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Vorstellung von trans Frauen als „Männer in Kleidern“ explizit oder implizit reproduziert wird. Die Besetzung von trans Rollen ist in dieser Hinsicht wesentlich. Immer wieder haben cis Schauspieler weltweite Anerkennung für die Verkörperung einer trans Frau erhalten: Etwa John Lithgow in „The World According to Garp“ (1982), Jared Leto in „Dallas Buyers Club“ (2013) oder Eddie Redmayne in „The Danish Girl“ (2015).

Unabhängig von der Qualität der jeweiligen Schauspielleistungen wird, wie Laverne Cox in „Disclosure“ erklärt, dadurch das Vorurteil reproduziert, dass trans Frauen nicht wirklich Frauen „sind“, sondern lediglich welche „spielen“. Cox sieht darin einen zentralen Grund für Gewalt gegen trans Frauen: Männer, die sich zu trans Frauen hingezogen fühlen, würden gewalttätig aus Angst, dass andere sie für schwul halten könnten.

Der Zwang zur Enthüllung

Medialen Repräsentationen ist abzusehen, welchen Themen rund um Transgeschlechtlichkeit eine anhaltende Faszination gilt: so etwa Hormontherapien und den Genitalien von trans Personen. Falls erstere überhaupt Erwähnung finden, dann meist auf negative Weise: Zum Beispiel in Form von trans Personen, die aufgrund ihrer Hormontherapie erkranken oder trans Männern, die sich wegen des zusätzlichen Testosterons in aggressive Monster verwandelt haben.

Die Beschäftigung mit den Genitalien wiederum äußert sich durch Handlungsstränge, in denen beispielsweise trans Frauen an Hodenkrebs erkranken oder an einer weiblichen Leiche verblüfft ein Penis vorgefunden wird. Vor allem aber in Talkshows und im Reality-TV waren die Genitalien von trans Personen ein nur allzu beliebtes Thema. Sie wurden von den Moderator*innen aufgefordert, diese zu beschreiben, zu erklären, wie sich eine Penisbeule verbergen lässt und preiszugeben, ob sie sich einer geschlechtsangleichenden OP unterzogen hätten. Ebendieser Enthüllungszwang wird in „Disclosure“ kritisch kommentiert. Gegenüber trans Personen besteht immer noch häufig die Erwartung, andere über sich und ihren Körper aufzuklären.

Mindestens ebenso hartnäckig hält sich die Erwartung, sich als trans Person outen zu müssen. Wer das nicht tut, gilt als Betrüger*in. Auch dieses Vorurteil wird immer wieder in Filmen und Serien aufgegriffen. Von „The Crying Game“ (1992) bis „Californication“ (2007-2014) werden Szenen gezeigt, in denen cis Männer sich hintergangen fühlen, wenn sie feststellen, dass die Frau, mit der sie Sex haben wollen, einen Penis hat. „Disclosure“ erinnert daran, dass es ohne Zweifel viel mehr trans Schauspieler*innen gibt, als heute gewusst ist. Aus Angst vor negativen Konsequenzen entscheiden manche sich dafür, ihre Transgeschlechtlichkeit geheim zu halten.

Grund zu Optimismus

Die letzten Jahre geen indes Grund zur Hoffnung. Die Serie, die den Weg für progressive Darstellungen wahrscheinlich mehr ebnete als irgendeine andere, ist „Orange is the New Black“ (2013-2019). Darin spielte die damals noch unbekannte trans Schauspielerin Laverne Cox die Inhaftierte Sophia Burset. Nie zuvor war eine positive Repräsentation einer trans Person dank der Streaming-Plattform Netflix derart vielen Menschen auf einmal zugänglich.

Seither sind in Serien und Filmen immer häufiger trans und nicht-binäre Personen anzutreffen, die auch von trans und nicht-binären Schauspieler*innen verkörpert werden. Taylor Mason (Asia Kate Dillon) in „Billions“ (2016-), Buck Vu (Ian Alexander) in „The OA“ (2016-2019), Theo Putnam (Lachlan Watson) in „Chilling Adventures of Sabrina“ (2018-), Jules Vaughn (Hunter Schafer) in „Euphoria“ (2019-) und Mae (Mae Martin) in „Feel Good“ (2020-) sind nur einige von zahlreichen Beispielen. Diese Entwicklung hat unter anderem damit zu tun, dass auch hinter der Kamera immer häufiger trans und nicht-binäre Personen Einfluss nehmen. Es ist vor allem der geschlechtlichen Vielfalt der Teams hinter „Transparent“ (2014-2019), „Sense8“ (2015-2018), „Pose“ (2018-) und „The L Word: Generation Q“ (2019-) zu verdanken, dass sie Meilensteine in puncto trans Repräsentation darstellen.

„Disclosure“ befasst sich ausschließlich mit Mainstreamproduktionen und lässt vor allem Schauspieler*innen, Autor*innen und Produzent*innen zu Wort kommen, denen es gelungen ist, einen gewissen Grad an Erfolg zu erreichen. Dadurch kommen manche Diskriminationsformen nicht zur Sprache: Schauspieler*innen, die wegen ihres nicht-normativem Geschlechtsausdrucks keine Rollen bekommen, Filme, die nicht finanziert wurden, weil sie von trans Personen handeln oder solche, die zwar fortschrittliche trans Repräsentationen zeigen, aufgrund eines begrenzten Budgets aber nie in die Kinos kamen. Dass ein Dokumentarfilm nur an der Spitze des Eisbergs kratzen kann, liegt in der Natur der Sache. Einen informationsreichen, persönlichen und aufrüttelnden Einstieg in die Geschichte von trans Repräsentation liefert „Disclosure“ aber allemal.


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