Über Vögel und die trans Schwestern aus Córdoba

Camila Sosa Villadas Debütroman „Im Park der prächtigen Schwestern“ erzählt von trans Frauen, die sich in Córdobas Park Sarmiento prostituieren. Ein Roman zwischen Fabelwesen und harten Lebensrealitäten.

Copyright: Suhrkamp Verlag

„Als ob García Márquez über Schmerz und Euphorie einer trans Frau schreibt“, prangt ein Zitat aus der argentinischen Zeitung Clarín auf der Rückseite des Romans „Im Park der prächtigen Schwestern“ von Camila Sosa Villada. Ein unangebrachter Kommentar: Anders als Márquez ist Sosa Villada eine trans Frau, die aus Eigenerfahrung über ihr Leben auf dem argentinischen Straßenstrich schreibt. Erst nachdem ihr mit einem selbstproduzierten Theaterstück über ihr Leben als trans Frau der Durchbruch als Schauspielerin gelang, stieg sie aus dem Geschäft aus. Was sie tatsächlich mit Márquez gemeinsam hat – und darauf spielt der Vergleich wahrscheinlich an: Beide Autor*innen bedienen den Magischen Realismus.

In Sosa Villadas Roman verwandeln sich Menschen in Vögel und Wölfinnen, andere bezeichnet die Autorin als Krähen. Wie genau das alles zu deuten ist, überlässt die trans Aktivistin aus Lateinamerika ihren Leser*innen. Manche Metaphern lassen sich leicht entschlüsseln, andere bleiben bis zur letzten Seite ein Mysterium. Eine Fabel ist die Geschichte trotz der vielen Tierfiguren jedoch nicht.

Sosa Villada schreibt über eine junge trans Frau, die vor Hass und Gewalt aus der argentinischen Provinz in die Stadt Córdoba flüchtet. Im Park Sarmiento trifft sie auf eine Gruppe trans Frauen, der sie sich anschließt. Die „prächtigen Schwestern“ sind Prostituierte, die sich den Rücken freihalten, gemeinsam ein Findelkind großziehen, sich aber auch um Freier prügeln. Selten stecken in einem Buch so viele diverse Persönlichkeiten und Lebensrealitäten, wie in Sosa Villadas Buch. Jeder Charakter hat etwas eigenes, von jeder Figur will man mehr wissen. Nie hat man das Gefühl, schon eine vergleichbare Geschichte gelesen zu haben. Die meisten von ihnen sind emotional schwer zu ertragen.

Eine davon ist die der Ich-Erzählerin selbst. Zu den bewegendsten Passagen gehört die, in der sie den Missbrauch durch Polizisten zu verarbeiten versucht. Diese gabeln sie nachts in der Provinz, geschminkt und im Kleid, von der Straße auf. Sie drohen ihr, sie vor ihrem queerfeindlichen Vater als trans Person zu outen, wenn sie ihnen den Sex verweigert. „Ich hätte mir nicht die Schuld geben dürfen, tat es aber trotzdem (…), ich entschied mich dafür selbst Schuld zu sein an meinem Schmerz, an dem Blut, das mir jedes Mal aus dem Hintern floss, wenn ich aufs Klo ging, weil ich zum ersten Mal penetriert worden war von drei Männern in Folge“, schreibt die Autorin. „Mit diesem Tag bekam mein Körper einen anderen Wert. Er hörte auf wichtig zu sein. Der Leib, ein Tempel des Nichts.“

Selbsthass, Scham und Schuld ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erzählung. Sosa Villada führt vor, welche Spuren die Beschimpfung, die Ausgrenzung, die strukturelle und gesellschaftliche Diskriminierung, die Gewalt gegen trans Personen – und gegen andere Opfer von Diskriminierung – bei den Betroffenen hinterlassen. Sie schreibt in dem Zusammmenhang auch über trans Frauen, die zu einer männlichen Erscheinung zurückkehren. „[W]ir nahmen den Weg der Scham, schlüpften in unseren früheren Körper, zurück in das abgelehnte, manchmal sogar verhasste Bild.“ Immer wieder ist von diesem „Wir“ die Rede. Die trans Frauen aus dem Park sind eine eingeschworene Gemeinschaft und Menschen, die sich nirgendwo anders mehr zugehörig fühlen. An einer anderen Stelle heißt es: „Von überall weggehen. Das bedeutet es, trans zu sein.“

Vielleicht teilen nicht alle trans Personen die geschilderten Gefühle, doch berührt einen Sosa Villada mit ihrer Darstellung von Verletzlichkeit und Traumata. Trotz all dem Leid, den die Autorin beschreibt, spürt man zwischen den Zeilen auch den Stolz der von ihr porträtierten trans Frauen, die sich vom Tod ihrer Freund*innen, vom Hass und von der Gewalt gegen sie nicht nur unterkriegen lassen, sondern auch daran zu wachsen versuchen.

Inhaltlich gibt Sosa Villadas Buch damit Einblicke in Lebensrealtitäten, die selten so ehrlich und offen wiedergegeben werden. Zwar fehlt es der Erzählung an manchen Stellen an Spannung und Kohärenz, aber die einzelnen Passagen überzeugen auch an und für sich. Sprachlich wirkt „Im Park der prächtigen Schwestern“ hingegen überladen: Auf gefühlt jeder Buchseite buhlen Metaphern und poetische Formulierungen um die Aufmerksamkeit der Leser*innen. Einige Stellen muss man zwei, drei Mal lesen, um sie zu verstehen – doch es lohnt sich. Am Ende braucht es keinen García Márquez, um auf eine ganz besondere und absurde Weise inmitten realer und trauriger Ereignisse in surreale Welten einzutauchen.

Im Park der prächtigen Schwestern. Camila Sosa Villada, ins Deutsche übersetzt von Svenja Becker. Suhrkamp Nova: 2021.


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