Was kann man tun, um die Wähler*innen der rechtsextremen „Alternative für Deutschland“ wieder für demokratische Werte zu gewinnen? Nicht viel, befürchtet der Berliner Autor und Verleger Klaus Bittermann in seinem Essay über die „Sehnsucht nach dem Untergang“ in diesem Milieu.

„Bei solchen Menschen sollte man sich nicht der Illusion hingeben, man könnte sie wieder zurückgewinnen“: der Verleger und Autor Klaus Bittermann über die Wählerschaft der AfD. (Foto: privat)
woxx: Nach den Wahlerfolgen der „Alternative für Deutschland“ (AfD) bei den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (43,8 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (38,2 Prozent) und Berlin (16,3 Prozent) wird eifrig nach Erklärungen für diese Ergebnisse gesucht. Die Wähler*innen, so heißt es, könnten ja nicht alles Nazis sein. In Ihrem soeben erschienenen Essay gehen Sie einen anderen Weg: Sie argumentieren, es gäbe ein irrationales Moment im Verhalten der betreffenden Wähler*innen, das häufig mit Protest verwechselt werde und bescheinigen diesen einen „erheblichen Mangel an Zurechnungsfähigkeit“. Was meinen Sie damit?
Klaus Bittermann: Das irrationale Moment besteht in dem, was Marcel Fratzscher vom „Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung“ als „AfD-Paradox“ beschrieben hat. Er hat darauf hingewiesen, dass in fast jeder Beziehung die Stammwählerschaft der AFD gegen ihre eigenen Interessen handelt, wenn sie die Rechten wählt. Deutlich wird das besonders bei den Sozialleistungen, die ein großer Teil der AfD-Wähler vermutlich bezieht, oder bei den Mieten, die ja im Wahlkampf in Berlin eine große Rolle spielten: Die AfD steht für mehr Rechte für die Vermieter und hat vor, das Bürgergeld zu reduzieren. Auch hinsichtlich Schwangerschaftsabbrüchen und Schulsystem vertritt die AfD das Gegenteil von dem, was eigentlich im Interesse ihrer Wähler liegt. Das heißt also, dass das Wahlprogramm eben nicht der entscheidende Punkt ist, nach dem die Wähler ihr Verhalten richten.
Woran orientieren Sie sich dann?
Der Wähler orientiert sich mehr an Inhalten, die in der konkreten Politik entweder nicht umsetzbar sind oder gar nicht zur Debatte stehen. So etwa bei der Linken in Berlin, die die Vergesellschaftung beziehungsweise Enteignung der Wohnbaugesellschaften versprochen hat. Das kann ohne desaströse Folgen aber gar nicht umgesetzt werden. Sie wurde auch wegen ihrer propalästinensischen Haltung gewählt, obwohl die Beziehungen zu Israel und die Frage der Anerkennung eines palästinensischen Staates auf Bundesebene entschieden wird. Genauso ist es auch bei der AfD. Ausschlaggebend sind andere Dinge, und die erfordern eher eine psychologische Erklärung. Die meisten Menschen werfen ja nur einen flüchtigen Blick auf das politische Geschehen, und dieser Blick ist zudem sehr selektiv. Man nimmt nur zur Kenntnis, was einem in den Kram passt und die eigenen Vorurteile bestätigt. Nicht zur Differenzierung fähig, hält man grundsätzlich alle Politiker für eine Bande korrupter Fieslinge, und jede politische Entscheidung sieht man als gegen sich persönlich gerichtet. Es baut sich eine vollkommen unreflektierte Abwehrhaltung auf, die solche Menschen dazu führt, eben jenes demokratisch verfasste System demolieren zu wollen, das ihnen bislang ein sehr komfortables Leben ermöglicht hat.
Woraus speist sich diese Irrationalität?
Aus so primären und atavistischen Gefühlen wie Hass und Rache. Man kennt das ja bei Kindern: Alle anderen sind schuld, nur ich bin unschuldig. Es findet eine Regression statt, die ja tatsächlich zu beobachten ist, wenn man den Wutbürger in Aktion sieht. Da sind keine rationalen Überlegungen mehr im Spiel, da ist nichts, was sich als Vernunft bezeichnen ließe. In der Logik des rechten Wählers gibt es nur die „Lügenpresse“ und Verschwörungstheorie. Es findet also statt, was Siegmund Freud eine „Umbildung der Wirklichkeit“ bezeichnet hat. Findet dieser Prozess individuell statt, hat man es mit einem Neurotiker – Freud spricht sogar von einem Paranoiker – zu tun, der an der Gesellschaft scheitert; stößt dieser Prozess allerdings auf massenhafte Resonanz, dann wird die Entwirklichung der Wirklichkeit zu einem wahnhaften System. Und weil es dieses wahnhafte System ja schon einmal gab, ist es nicht ausgeschlossen, dass es in welcher Form auch immer wieder auftauchen kann. Nicht natürlich als historischer Faschismus, aber als autoritärer Populismus.
Nicht wenige derer, die sich mit den Gründen für die Wahlerfolge der AfD und anderer rechtsextremer sowie -populistischer Parteien beschäftigen, würden Ihnen wohl bescheinigen, Sie machten es sich damit einfach oder würden schlicht Wählerbeschimpfung betreiben. Der Politikwissenschaftler Philip Manow etwa polemisiert in seinem neuen Buch „Spaltungslinien“ recht deutlich gegen „Diagnosen einer Affektpolitik“, wie er es nennt. Warum finden Sie ein solches „Psychogramm des rechten Wählers“, wie Sie es geschrieben haben, triftig?
Mein Vorteil, über die rechten Wähler zu schreiben, besteht darin, dass ich keine Agenda habe wie das bei den Soziologen, Journalisten oder Politikern der Fall ist, die unabhängig von der Qualität ihrer Analysen den Wähler nicht zu nahe treten wollen, weil sie alle davon ausgehen, ihn wieder zurückgewinnen zu können. Zum Beispiel hat der ehemalige deutsche Grünen-Politiker Robert Habeck im Gespräch mit der TV-Moderatorin Caren Miosga vor kurzem einige durchaus plausible Erklärungen formuliert, warum die Leute rechts wählen. Zugleich hat er sich schon fast krampfhaft bemüht, den AfD-Wählern nicht zu sagen, was für unangenehme Zeitgenossen sie sind. Aber das sind sie nun mal. Man denke nur an die Ereignisse im Jahr 1992 in Rostock-Lichtenhagen, als der Mob Beifall klatschend dabei stand, als Rechtsradikale die dortige Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber angriffen. Die hätten wohl nichts dagegen gehabt, wenn die Einrichtung mitsamt der dort Wohnenden abgebrannt wäre. Und damit meine ich nicht die Rechtsradikalen, die gezündelt haben, sondern die Zuschauer.
Ist es dieses Milieu, aus dem die AfD ihre Stärke zieht?
Diese Leute sind zwar die Stammwähler der AfD, aber inzwischen erhält die Partei ja in allen sozialen und Altersschichten mehr Stimmen als alle anderen Parteien. Die Motivlage ist zwar unterschiedlich ausgeprägt, so spielt beispielsweise Opportunismus eine große Rolle und der Gedanke, schnell noch auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Aber die meisten haben ihre Hemmungen und Vorbehalte abgelegt und sich Argumente zurechtgelegt, warum es gut ist, die demokratischen Strukturen zu schleifen und völkisches Gedankengut wieder einzuführen. Bei solchen Menschen sollte man sich nicht der Illusion hingeben, man könnte sie wieder zurückgewinnen. Da nehmen sich diverse Vorschläge in den Medien, wie man den rechten Wähler wieder einbinden könnte, fast schon rührend aus. Im Vordergrund steht da immer, man müsse sich mehr um die „Befindlichkeit“ der Ostdeutschen kümmern, und überhaupt dürfe man nur noch kritisieren, wenn man einen „lösungsorientierten Journalismus“ betreibt. Über solche hilflosen Versuche dürften sich die AfD und ihre Wähler zu Recht amüsieren. Niemand will sich eingestehen, dass die rechten Wähler für einen demokratischen Prozess verloren sind. Auch der von Ihnen angeführte Politikwissenschaftler Philip Manow nicht, der ebenfalls keine Lösung hat. Doch weshalb sollte man dann nicht die Spaltungslinien noch ein bisschen vertiefen und deutlich machen, dass man nicht bereit ist, eine Umbildung der demokratischen Strukturen in einen autoritären Populismus zu akzeptieren?
„Weshalb sollte man nicht die Spaltungslinien noch ein bisschen vertiefen und deutlich machen, dass man nicht bereit ist, eine Umbildung der demokratischen Strukturen in einen autoritären Populismus zu akzeptieren?“
In Ihrem Buch begründen Sie die Unerreichbarkeit dieses Typus für Aufklärung damit, dessen Bedürfnis sei letztlich ein narzisstisches. Jeder Versuch einer Widerlegung von Meinungen und Verschwörungstheorien ist demnach wie Futter für diese Menschen, die danach gieren, „dass man sich mit ihnen beschäftigt und ihnen eine Bühne gibt“, wie Sie schreiben. Wie geht man mit solchen Charakteren um und gibt es wirklich gar kein Gegenmittel?
Ich bin Gottseidank kein Politiker, der sich diese Frage stellen muss. Ich wüsste auch kein Gegenmittel, außer eines langfristig angelegten politischen Bildungsprogramms, aber selbst das muss nicht unbedingt funktionieren. Statt in Bildung und das Schulsystem zu investieren, hat man sich zu lange darauf verlassen, dass die Wohlstandsgesellschaft politisch radikale Abweichungen einhegen wird. Aber das funktioniert nicht mehr und hat vielleicht auch nie wirklich funktioniert, denn rechtsradikale Ideologie war im deutschen Massenbewusstsein schon immer stark verankert. Nur wurde sie nach einem verlorenen Weltkrieg und durch die Amerikaner in ihrer Außenwirkung zumindest behindert. Letztlich spielte das aber auch keine große Rolle, weil man sowieso bemüht war, die Vergangenheit zu verdrängen. Bei den deutschen „Christdemokraten“ von der CDU/CSU konnte man als Nazi gut überwintern. Erst 1968 wurde deutlich, dass die rechtsradikale Gesinnung in der Bevölkerung ganz und gar nicht verschwunden war. Damals konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass man mit seinem Protest nicht nur gegenüber staatlicher Seite, sondern auch gegenüber der Bevölkerung auf verlorenem Posten stand. Mit diesen Leuten wollte man schon damals nichts zu tun haben, und das sowohl in politischer Hinsicht als auch in ästhetischer oder theoretischer Hinsicht.
Diese sogenannten „normalen“ Leute waren in der Regel konservativ bis rechtsradikal, nur fehlten ihnen die Möglichkeiten der sozialen Medien, um zueinander zu finden. Die Gesinnung konnte man damals als vereinzelte Individuen höchstens in irgendwelchen Heimatvereinen pflegen. Worauf ich hinauswill: Die rechte Gesinnung war in weiten Teilen der Bevölkerung nie wirklich verschwunden, nur weil mal die SPD an die Regierung kam. Hinzu kommt als Besonderheit in der deutschen Geschichte die Wiedervereinigung und das Problem mit den Ostdeutschen, die in der DDR eine andere Sozialisation durchmachten und sich nun als Verlierer sehen, die durch den Westen ungerecht behandelt werden und glauben, sich für die angebliche Benachteiligung rächen zu müssen. Jetzt gewinnt eine Partei an Attraktivität, die die bereits vorhandenen und schlummernden Vorurteile und Ressentiments aktivieren kann. Und schließlich kommt noch hinzu, dass die moderne Welt sich einem Begreifen immer mehr entzieht. Der normale Menschenverstand ist einfach nicht mehr in der Lage, die politischen Entwicklungen zu verstehen. Auf diese Unsicherheit reagiert er mit einer extremen Ideologieanfälligkeit, er glaubt der AfD, selbst wenn diese mit absurden Vorschlägen das Blaue vom Himmel herab versprechen.
Sie sprechen den Macht- und Kontrollverlust der Regierenden angesichts von gesellschaftlichen Problemen an, was den Hass der Wähler*innen schüre. Inwiefern ist dies auch Ausdruck einer Krisendynamik?
Diese Beobachtung hat Hannah Arendt ja schon in den 1950er-Jahren gemacht. Aber der Befund bestätigt sich auch heute. Die Regierenden sind überfordert, weil die neue unübersichtliche Weltlage, die technologischen Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz und die außer Kontrolle geratenen Kriege das Regieren, wie man es von früher her gewohnt war, nicht mehr möglich machen. Es scheint so, als ob die Regierung hektisch von einem Brandherd zum anderen hastet, ohne ihn wirklich eindämmen zu können. Die Medien tun alles dafür, dass sich dieser Eindruck verfestigt. Die Regierung scheint nur noch damit beschäftigt, dringende Reparaturarbeiten auszuführen, auf die man sich in der Koalition nicht einigen kann. Der Macht- und Kontrollverlust der Herrschenden wird von den Wählern sehr genau wahrgenommen, und ruft ihren Hass auf die Regierung hervor. Dieser Hass ist allerdings nicht rational begründet, sondern er ist blind und fanatisch. Der Wähler sucht der Krisendynamik zu entkommen, indem er völlig unbegründet glaubt, die AfD hätte eine Lösung parat. Er sehnt nach einem starken Mann, der „die Probleme richtig anpackt“, er ist empfänglich für autoritäre Propaganda und ist bereit für eine freiwillige Selbstgleichschaltung.
Sie haben gerade die Rolle der Medien angesprochen. Wie groß ist deren Anteil an dieser Entwicklung?
Die Medien haben an dieser Entwicklung tatsächlich einen erheblichen Anteil. Man betrachte nur die Kampagne der Boulevardzeitung „Bild“, die ganz offen das Scheitern der Regierungskoalition herbeischreiben will, schon allein deshalb, weil sich damit die meisten Klickzahlen generieren lassen. Auch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ betreibt Wahlkampf für die AfD, wie in Sachsen-Anhalt, und gibt das als journalistische Ethik aus. Aber auch die liberalen und als seriös geltenden Printmedien stecken in einem Dilemma, denn egal wie sie über die AfD berichten, es kommt ihr immer zugute. Für sie ist jede Presse eine gute Presse, denn der rechte Wähler lässt sich nicht durch einen Bericht eines Besseren belehren. Und egal, welcher Skandal in der AfD aufgedeckt wird, für den Wähler ist das nur ein Grund mehr, zu der Partei zu stehen. Auch das ist ein irrationales Moment, das sich nicht auflösen lässt.
Mich erinnert die gesamte Debatte um die Wählerschaft der AfD an jene um die sogenannte „akzeptierende Jugendarbeit“ in den 1990er-Jahren, als man gewalttätigen Neonazis sozialpädagogisch betreute und staatlich finanzierte Räume zur Verfügung stellte, in denen dann Kampfsport trainiert wurde und Rechtsrockbands probten.
Ja, das kommt gut hin. Je mehr die Wähler der AfD ihre Stimme geben, desto mehr glaubt man, ihnen entgegenkommen zu müssen. Aber als die CDU-geführte Bundesregierung die Politik der AfD hinsichtlich der Zuwanderung kopierte, um die Wähler zurückzugewinnen, musste sie feststellen, dass die Asylbewerberzahlen zwar gesunken waren, aber die Umfragewerte für die AfD gestiegen.
Klaus Bittermann, 1952 geboren, ist Autor und Verleger und lebt in Berlin. Seit 1979 betreibt er den Verlag „Edition Tiamat“. Für seine verlegerische Tätigkeit wurde er in diesem Jahr mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet, 2020 hat er den Deutschen Verlagspreis erhalten (siehe unser Interview in woxx 1588). Als Autor hat er zuletzt „Der Intellektuelle als Unruhestifter. Wolfgang Pohrt. Eine Biographie“ veröffentlicht (Edition Tiamat, 2022). Soeben ist sein Essay „Sehnsucht nach dem Untergang. Über die wahnhafte Entwirklichung der Wirklichkeit. Ein Psychogramm des rechten Wählers“ (Edition Tiamat, 112 Seiten) erschienen.

