Weltaidstag: Die vergessene Pandemie


Covid-19 verdeckt die HIV-Pandemie nicht nur medial, sondern sorgt weltweit auch für Rückschritte in der Bekämpfung.

Etwa 33 Millionen Menschen sind weltweit an Aids gestorben, seit die Krankheit sich auf dem Planeten verbreitet hat. Erfolge in der Forschung haben dazu geführt, dass eine Infektion mit dem HI-Virus mit der richtigen medizinischen Versorgung kein Todesurteil mehr ist. In vielen Teilen der Welt ist der Zugang zum Gesundheitssystem jedoch so schwierig, dass immer noch an Aids erkrankte Menschen sterben. Schuld sind jedoch auch diskriminierende Gesetze und Praktiken. 12 Millionen HIV-Infizierte haben laut dem Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS) keinen Zugang zu einer HIV-Behandlung.

„Das kollektive Versäumnis, ausreichend in umfassende, auf den Menschen ausgerichtete HIV-Bekämpfungsmaßnahmen zu investieren, hat einen schrecklichen Preis“, wird Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von UNAIDS in einer Pressemitteilung zitiert. „Die Umsetzung nur der politisch schmackhaftesten Programme wird weder das Blatt gegen Covid-19 wenden noch Aids beenden. Um die globale Reaktion wieder in Gang zu bringen, müssen die Menschen an erster Stelle stehen und die Ungleichheiten angegangen werden, auf denen Epidemien gedeihen.“ UNAIDS zufolge könnten durch Covid-19 bis zu 293.000 zusätzliche HIV-Infektionen und 148.000 zusätzliche Aidstote zwischen 2020 und 2022 zu beklagen sein.

Gute Noten für Luxemburg

Am 1. Dezember, dem internationalen Weltaidstag, meldete sich die Luxemburger Regierung zu Wort und unterstrich dabei auch den Willen, den Kampf gegen HIV in Ländern des globalen Südens zu unterstützen. Konkret sollen in den nächsten zwei Jahren neun Millionen Euro an UNAIDS fließen, um Projekte in Westafrika zu unterstützen. Mit dem Geld sollen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten finanziert werden.

2019 sind die Neuinfektionen mit HIV in Luxemburg auf dem gleichen Stand wie im Vorjahr geblieben: 49 Menschen haben sich infiziert. Eine Epidemie unter Drogenkonsument*innen, die zwischen 2014 und 2017 in Luxemburg grassierte, konnte durch Verstärkung von Spritzentausch- und Substitutionsprogrammen eingedämmt werden, was auch das Europäische Drogenobservatorium in einem Bericht lobend hervorhob.

Laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums wissen rund 15 Prozent der HIV-Infizierten nicht, dass sie positiv sind. Eine wichtige Waffe im Kampf gegen das Virus ist also – ganz genau wie beim Coronavirus – das Testen. In Luxemburg gibt es mehrere Möglichkeiten. Einerseits kann ein klassischer Bluttest nach ärztlicher Verschreibung in einem Labor oder auch anonym in den Krankenhäusern CHL und Chem gemacht werden, andererseits gibt es auch Schnelltests, die bei der HIV-Berodung des Roten Kreuzes angeboten werden. Der mobile Testdienst Dimps bietet diese Schnelltests an verschiedenen Orten an.

Seit Juli 2019 gibt es in Luxemburg Selbsttests zu kaufen, die alleine zuhause durchgeführt werden können. Das soll helfen, die Hemmschwelle zu senken, und mehr Menschen dazu animieren, einen Test durchzuführen und eine eventuelle Infizierung zu erkennen. Die Tests sollten eigentlich in Apotheken und Cactus-Supermärkten verkauft werden. Ein – selbstverständlich nicht repräsentativer – Selbstversuch der woxx zeigte jedoch, dass längst nicht alle Apotheken den Selbsttest führen. Die Durchführung selbst ist leicht, nach einem kleinen Piekser in den Finger und einer Viertelstunde Wartezeit hat man sein Ergebnis.

Testen, testen und Kondome

Allerdings ist ein Schnelltest nur dann sinnvoll, wenn die Situation, bei der man sich angesteckt hat, mehr als drei Monate zurückliegt. Wer denkt, sich in einer Risikosituation befunden zu haben – etwa durch ungeschützten Geschlechtsverkehr –, sollte jedoch keinesfalls so lange warten. Mittlerweile kann eine Infektion durch die Behandlung mit PEP (post-exposure prophylaxis) innerhalb von 72 Stunden oft noch verhindert werden. Wer sich möglicherweise in eine Risikosituation begibt, kann durch PrEP (pre-exposure prophylaxis) eine Infektion vorab verhindern. Die Kosten für beide Medikamente werden von der Krankenkasse übernommen.

Seit 2008 gilt das „Schweizer Statement“: Wenn eine HIV-positive Person in Behandlung ist und keine Infektion mehr nachgewiesen werden kann, kann sie das Virus auch nicht weitergeben. Umso wichtiger also, dass möglichst viele Menschen sich testen lassen – auch jene, die glauben, nie in einer Risikosituation gewesen zu sein. „Während Kondome nach wie vor das wichtigste Mittel zum Schutz vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen sind, ist ein HIV-Test die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob Sie infiziert sind. Tests sind die einzige Möglichkeit, Zugang zur Behandlung zu erhalten, um eine nicht nachweisbare Viruslast zu erreichen und dadurch die eigene Gesundheit zu schützen und eine HIV-Übertragung durch Sex zu vermeiden. Es ist ein Akt der Solidarität“, sagte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) dazu.

Dementsprechend hat ihr Ministerium auch eine neue Kampagne gestartet, die dazu aufruft, die vielbeschworenen „gestes barrières“ auch unter der Gürtellinie einzuhalten. Bebildert wird sie mit einem Kondom in goldener Verpackung. So wichtig die Botschaft auch ist: Ein Hinweis auf Lecktücher, die beim vaginalen oder analen Oralverkehr safer sex ermöglichen, wäre angebracht gewesen.


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