Wie der kostenlose öffentliche Verkehr zum Erfolgsmodell werden kann (2/3)

von | 28.02.2020

Luxemburg lässt sich nicht nur den kostenlosen öffentlichen Transport etwas kosten, sondern baut das System auch aus. Das genügt aber noch nicht.

Foto: CC-BY-SA GilPe

Im luxemburgischen Zugverkehr werden große Investitionen unternommen, um das Netz auf einen Stand zu bringen, das die aktuelle Passagierzahl – und hoffentlich auch den Zuwachs der nächsten paar Jahre – verkraften kann. Die neue Strecke Richtung Frankreich und der Kauf von neuem Rollmaterial sind ein gutes Signal. Zusätzlich mit den Erweiterungsarbeiten am Hauptbahnhof werden sich, so versprechen es zumindest der Minister und die CFL seit Jahren, endlich mehr Kapazitäten auftun. Während der Süden mit der „schnellen Tram“ eine zusätzliche Anbindung an die Hauptstadt bekommen soll und in Richtung Junglinster mit innovativen „dynamischen“ Busspuren experimentiert werden wird, geht der Norden recht leer aus.

Eine mögliche Nutzung der Güterstrecke zwischen Colmar-Berg und Bissen für Passagier*innen hatte Bausch bei der Präsentation von Modu 2.0 als lächerliche Forderung abgetan. Wenn die „Nordstad“ tatsächlich ein urbanes Zentrum und nicht nur eine Kolonie von Vorstädten werden soll, wäre ein schienengebundenes Transportmittel als Rückgrat jedoch nicht verkehrt. Und die „Nordstad“ befindet sich an der südlichen Grenze des Öslings – der oft vergessene Teil des ohnehin schon kleinen Luxemburgs könnte durch einen Ausbau der Zugstrecke in Richtung Troisvierges besser erschlossen werden.

Bis dahin müssen die Busse des RGTR-Regionalverkehrs reichen. Nach der Neuorganisation soll es laut Mobilitätsministerium das „dichteste Regionalbusnetz Europas“ sein. Vermutlich stimmt das in der gleichen Art und Weise, in der Luxemburg das größte Großherzogtum der Welt ist. Nach den Fahrplanänderungen, die 2021 abgeschlossen sein sollen, werden viele Ortschaften auch endlich am Sonntag einen öffentlichen Anschluss an den Rest der Welt haben. Das bedeutet allerdings für Busfahrer*innen der privaten Busunternehmen, dass sie öfters sonntags arbeiten müssen.

CC-BY-SA MMFE

Das ist eine schwierige Situation, die Busfahrer müssen jetzt ja schon oft sonntags fahren. Der neue Kollektivvertrag sieht ein paar kleine Vorteile für Sonntagsarbeit vor, die sind allerdings nicht berauschend und waren bereits im alten Vertrag vorgesehen.“, schätzt Sveinn Graas, Zentralsekretär des Syndikats Straßentransport bei OGBL die Lage ein. Es ist außerdem zu befürchten, dass durch die nötige Neuausschreibung der RGTR-Linien die kleineren Busunternehmen unter die Räder kommen und nach und nach von größeren geschluckt werden.

In Bezug auf den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr hat ein Aspekt die Gemüter besonders erregt: Der Bring- und Holdienst für Menschen mit eingeschränkter Mobilität namens Adapto. Nach langem Kampf, inklusive erfolgreicher Petition, entschied sich die Regierung dafür, den Dienst zu reformieren und nun ebenfalls kostenlos anzubieten. Stets wird aber betont, dass barrierefreie Öffis dennoch das eigentliche Ziel seien. Hier ist noch viel zu tun. Die meisten luxemburgischen Bahnhöfe verfügen nicht über Aufzüge, Leitsysteme für Sehbehinderte sucht man ebenfalls oft vergebens.

Während beim TICE und in Luxemburg-Stadt Niederflurbusse beziehungsweise -trams zum Einsatz kommen, ist dies bei den RGTR-Bussen äußerst selten der Fall. Falls überhaupt ein Bushäuschen verfügbar ist, ist es oft äußerst spartanisch eingerichtet. Von einer erhöhten Bordsteinkante, die den Einstieg mit Rollator oder Kinderwagen erleichtern würden, kann oft nur geträumt werden. Eine Bushaltestellen-Offensive, die zeitgemäße und barrierefreie Wartemöglichkeiten nach den „universal design“-Prinzipien zur Verfügung stellt, wäre mehr als angebracht. Dabei muss allerdings auch der oft vernachlässigte Fußverkehr mitgedacht werden.

Dank“ der Klimakrise ist zwar nicht mehr so oft mit Glatteis zu rechnen, die Situation am 28. Februar – einen Tag, bevor die Öffis kostenlos werden – zeigte jedoch, dass zum Beispiel in Luxemburg-Stadt zwar alle Fahrbahnen mit Salz beglückt wurden, die Fußgänger*innen jedoch das Nachsehen hatten. Dabei müssen alle, die Bus, Tram und Zug benutzen, einen Teil ihrer Stecke zu Fuß zurücklegen. Wer nicht zu Haltestelle kann, weil er*sie dabei Kopf und Kragen auf dem Glatteis riskiert, wird doch lieber auf den SUV mit eingebauter Sitzheizung zurückgreifen.

Es gibt noch andere Faktoren, die den Erfolg der Öffis beeinflussen. Welche das sind, lesen Sie im dritten Teil  unter diesem Link.

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