INTERVIEW: „Die Kritik am Pei-Museum gilt noch heute“

In der Diskussion um das fehlende Konzept des „Musée de la Forteresse“ wird derzeit auch mit dem Finger auf Vereine wie „Stoppt de Bagger“ gezeigt: Deren Kritik am Pei-Museum sei mit dem Versprechen eines zusätzlichen Festungsmuseums zum Verstummen gebracht worden. Die „woxx“ fragte inhouse bei zwei ehemaligen MitstreiterInnen von „Stoppt de Bagger“ nach.

Vor mehr als 20 Jahren waren die woxx-RedakteurInnen Richard Graf und Renée Wagener maßgeblich an der Gründung der Denkmalschutzorganisation „Stoppt de Bagger“ beteiligt. Ein gemeinsamer Blick zurück auf die Beteiligung des Vereins im historischen Streit um das Pei-Museum.

woxx: Das Festungsmuseum wird immer noch grundsätzlich debattiert. Bei der Suche nach Schuldigen werden in der öffentlichen Debatte auch Initiativen wie „Stoppt de Bagger“ genannt.

Renée Wagener: Diese Anschuldigung trifft nicht zu. Als „Stoppt de Bagger“ haben wir 1991 einen von verschiedenen Vereinen getragenen Petitionstext mitlanciert, dessen Analyse zum Projekt des Pei-Museums ich auch heute noch richtig finde. Neben der Kritik an einem zweifelhaften Verständnis von Denkmalschutz warfen wir die Frage auf, ob das geplante Museum nicht besser im Stadtzentrum zu bauen wäre. Wir haben ebenfalls kulturelle Argumente gegen den Prestige-Bau eingebracht und sogar anti-monarchistische – das Pei-Museum wurde dem Großherzog ja zum 25. Thronjubiläum spendiert. Die Sache war also wesentlich komplexer als das heute dargestellt wird.

Richard Graf: Wir agierten nicht gegen ein Museum für moderne Kunst an sich, sondern gegen einen bestimmten Standort, bei dem die Zerstörung historischer Bausubstanz bewusst in Kauf genommen wurde. Erst bei der dritten Verkleinerung, eine Konsequenz des öffentlichen Drucks, aber auch der exorbitanten Kosten, integrierte Pei das Projekt in die Festungsmauern. Eine andere Kritik betraf die verkehrstechnisch ungünstige Lage: Wir haben befürchtet, dass massiv Straßen und Parkmöglichkeiten angelegt werden – was ja auch eingetroffen ist.

Ein Publikumsmagnet ist das Museum an seinem jetzigen Standort jedenfalls geworden.

R.G.: Der Platz wurde gewählt, weil er dem Architekten derart gefiel – klar, der Ort ist ja auch beeindruckend. Aber wir sahen nicht ein, dass er für diesen Zweck geopfert werden sollte. Es gab Alternativvorschläge: zum Beispiel an der Porte de Hollerich, an der Place de l`Etoile …

R.W.: Die DP hatte sogar den interessanten Vorschlag gemacht, das Museum auf dem Standort der heutigen Cité judiciaire zu errichten. Und schließlich gab es die von Robert Garcia vorgeschlagenen CFL-Rotonden.

Ein weiterer Vorwurf lautet, „Stoppt de Bagger“ habe sich mit dem Festungsmuseum von der Regierung kaufen lassen.

R.G.: Das Festungsmuseum war zum Zeitpunkt der Petition noch gar nicht im Gespräch. Die Initiative zu einem solchen Museum kam zwar von Personen innerhalb der Gruppe der „Festungsfrënn“, die sich 1991 an der Petition beteiligt hatten. Doch diese Idee wurde erst konkreter, nachdem klar war, dass ein Teil der Anlage erhalten bleibt.

R.W.: Josée Hansen spricht im „Land“ von einer „Denunzierung“ gegenüber der Unesco. Wir haben damals die Mittel genutzt, die uns zur Verfügung standen. Das war hauptsächlich die Petition „Fanger ewech vun den Dräi Eechelen“. Einen Kontakt mit der Unesco hatte zumindest „Stoppt de Bagger“ auf keinen Fall, die Petition war eh eine der letzten Aktionen, an denen wir beteiligt waren. Dagegen hat das Kulturministerium selbst sowie im Gegenzug die Stadt Luxemburg 1995 offiziell bei der Unesco Gutachten angefordert. Davon abgesehen halte ich es aber für völlig legitim, wenn ein Verein die Unesco über denkmalschützerisch zweifelhafte Entwicklungen benachrichtigt.

Trug Luxemburgs Altstadt damals schon das Weltkulturerbelabel der Unesco?

R.G.: Nein, das geschah erst Ende 1994 im Kontext des anstehenden ersten Kulturjahres.

Damals stand das Fort Thüngen unter der Zuständigkeit des „Service des Sites et Monuments“. Zeugt die Geschichte nicht auch von dessen Inkompetenz?

R.G.: Es gab zwei Probleme mit dem „SSM“. Das eine resultierte aus den vielen Schwachstellen des Denkmalschutzgesetzes. Das andere Problem war der damalige Direktor des „Service“, der dort noch heute recht einflussreich zu sein scheint.

R.W.: Georges Calteux schlug zunächst selbst den Standort für das Projekt vor, machte später dann aber einen Rückzieher, um die Festungsmauern zu schützen. Allerdings auf die übliche Art und Weise: Wiederaufbau von Ruinen, adrett zurecht gemacht, und so weiter. Das hat für mich wenig mit professionellem Denkmalschutz zu tun.

Ist die Situation heute noch vergleichbar?.

R.W.: Die Sensibilität ist im „Service“ seit Calteux` Weggang größer geworden. Aber diese Dienststelle ist so hoffnungslos unterbesetzt und unterfinanziert, dass sie nicht anständig funktionieren kann.

R.G.: Im Fall des Festungsmuseums wird verzweifelt versucht, ein Nutzungskonzept für einen Standort zu entwickeln, der vielleicht am besten in Ruhe zu lassen wäre.

War das Festungsmuseum also von Beginn an eine reine Alibisache?

R.W.: Die Probleme, die es bis heute gibt, das Festungsmuseum mit Inhalt zu füllen – die Kritik teile ich -, deuten darauf hin.

Böse Zungen behaupten, dass die Initiative von den Grünen ausging, die eine sentimentale Verbindung zum Fort Thüngen pflegten, weil sie dort früher zahlreiche Parties feierten.

(Lachen) R.W.: Die Grünen, die tatsächlich die Idee zur Petition hatten, haben damals eher die kulturellen und ökologischen Fragen rund um das geplante Pei-Museum beschäftigt. Es ist jedoch richtig, das die Gründung der Gréng Alternativ und auch weitere grüne Feste auf den „Dräi Eechelen“ stattfanden. Wie auch andere Leute dort Feste feierten oder Picknicks organisierten.

R.G.: Das Einzigartige daran war, dass es ein stadtnaher, öffentlicher Erholungsort war, der recht liberal von der Gemeinde verwaltet wurde. Man konnte den Platz auf Anfrage und unter Beachtung einiger Auflagen benutzen, etwa für Vereins- oder Musikfeste. Das was jetzt im Entstehen ist, ist ein hermetischer Ort, mit dem die „Stater Leit“ nichts mehr zu tun haben.


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