CAR-SHARING: Ein Auto für alle?

In Städten mit fortschrittlichen Verkehrskonzepten kommt auch das in Luxemburg wenig bekannte Car-Sharing zum Einsatz. Mittels Spitzentechnologie können dabei Umweltschutz und hohe Mobilität in Einklang gebracht werden.

The magically shared woxx-mobil
(by Christian & all of us)

Autofahren ist unökologisch und ineffizient – das merkt man spätestens, wenn man im Stau steht. Aber manchmal braucht man doch einen PKW: Spätschicht auf der Arbeit, Groáeinkauf am Samstag, Familienausflug ins Grüne … So entstand die Idee des Car-Sharings: Statt dass jeder sein eigenes Auto besitzt, teilt sich eine Gruppe von Personen die Nutzungsrechte für ein oder mehrere Autos. Die ersten Initiativen dieser Art entstanden Ende der 80er in der Schweiz und in Deutschland.

Aus dieser Zeit stammt auch das Image des Car-Sharings: eine Freizeitbeschäftigung für umweltbewusste IdealistInnen. Jede Fahrt mit dem geteilten Auto musste erst umständlich reserviert werden, danach wurden Zeit, Kilometerstand und gegebenenfalls das Nachtanken säuberlich in eine Handliste eingetragen. Einmal im Monat wurde abgerechnet.

Smart & cool

Dass Car-Sharing ganz anders sein kann, wurde auf einem Seminar am vergangenen Montag deutlich, zu dem der Mouvement Ecologique und die Stadt Luxemburg eingeladen hatten. „Weg vom Gebastel, hin zur Dienstleistung“, formulierte es Reiner Langendorf vom schweizerischen Car-Sharing-Unternehmen Mobility, einer der Referenten. Und Roger Theunissen von der niederländischen „Stiftung für Car-Sharing“ betonte, von der Einfachheit her müsse das System konkurrieren können mit dem eigenen Wagen. Anders als bei der traditionellen Autovermietung werden beim Car-Sharing die Wagen kurzzeitig aber häufig genutzt, und das zu allen Tageszeiten und ohne lange Voranmeldung. Machbar und bezahlbar ist das nur bei niedrigen Kosten pro einzelne Transaktion und hoher Automatisierung, so die Lektion aus zehn Jahren Erfahrung.

Der deutsche Car-Sharing-Anbieter Cambio macht es vor: Sobald jemand bucht – per Internet oder telefonisch – wird die Reservation an den Bordcomputer des gewünschten Wagens übertragen. Diese Person kann den Wagen nun abholen: Sie – und nur sie – kann ihn mit ihrer Smart-Card öffnen und starten. Der Bordcomputer registriert dann vollautomatisch die gefahrenen Kilometer sowie die Nutzungsdauer zwecks Verrechnung.

Lohnen tut sich der Umstieg auf Car-Sharing für AutobesitzerInnen, die weniger als 10.000 bis 12.000 Kilometer im Jahr fahren. Bei Cambio Bremen zum Beispiel fallen neben der Kaution von 600 Euro monatlich sechs Euro an. Hinzu kommen die Nutzungskosten: Bei einem Kleinwagen sind das 0,21 Euro pro Kilometer sowie 1,90 Euro pro Stunde. Damit ist aber nicht nur das Benzin bezahlt, sondern auch die Fixkosten wie Verschleiá, Wertverlust, Steuern und Versicherung.

Weg vom Fundi, hin zum Cleverle

Daraus ergibt sich ein zweiter Vorteil: Der Verwaltungsaufwand für den eigenen Wagen entfällt. Nie wieder Autowaschen, so Roger Theunissen, das allein sei Grund genug, sich für Car-Sharing zu entscheiden. Untersuchungen zeigten, dass dies vor allem Menschen mit hoher Bildung und gutem Einkommen tun. „Die ersten, die Autos hatten, sind jetzt die ersten, die aus dem Autowahn aussteigen“, kommentierte Roger Theunissen. Erfolgsfaktoren für das Car-Sharing seien der Preis, die Servicequalität, das spezielle Park-Angebot sowie das Image: grün und innovativ – „… aber nicht zu grün“, fügte er hinzu.

Das fand auch Michael Glotz-Richter, Stadtplaner bei der Stadt Bremen: „Für Car-Sharing werben wir nicht mit dem Argument der Verzichts-Ethik sondern mit Wahlfreiheit und Bequemlichkeit.“ Diese neue Vermarktungsstrategie zeigt sich darin, dass Bremen einen Opel Astra Cabriolet im Sharing-Angebot hat. Obwohl Car-Sharing-Unternehmen in der Regel auf schadstoffarme Wagen achten, wird das Umweltargument in den Werbebroschüren nur noch als Bonus erwähnt. Laure Simon vom Mouvement Ecologique dagegen meinte gegenüber der woxx : „Es ist ein wichtiges Plus, die ökologischen Aspekte anzusprechen. Das ist der Grund, warum wir uns mit engagiert haben.“

Gleichgültig war den Referenten die Umwelt aber keineswegs. Michael Glotz-Richter erinnerte kurz an das EU-Projekt ZEUS – „Zero and low emission vehicles in urban society“ – , an dem auch die Stadt Luxemburg beteiligt ist. „Ein Problem ist allerdings, dass zu viele Autos in die Städte fahren und dort Straáen- und Parkraum beanspruchen. Das lässt sich nicht durch alternative Antriebe lösen“, so der Stadtplaner weiter. Auáerdem wolle man ja, dass Leute in den Stadtzentren wohnten. Man müsse also die Benutzung des Autos minimieren, ohne sie aber ganz ausschlieáen zu können.

Weniger, kleiner, sauberer

Dabei sei das Car-Sharing ein Teil der Lösung. Denn: Wer ein Auto besitzt, benutzt es auch – direkt fallen ja nur die Benzinkosten an. Car-SharerInnen dagegen, die für jeden Kilometer extra bezahlen, überlegen es sich zweimal und greifen oft auf die kleineren Klassen zurück. In vielen Haushalten ersetzt das Car-Sharing auch nur den Zweitwagen. Alles in allem, das zeigen Untersuchungen, fahren Car-SharerInnen weniger, kleiner und emissionsärmer.

Das PendlerInnen-Problem dagegen, das wurde in den Antworten auf mehrere Fragen aus dem Publikum deutlich, lässt sich nicht mit Car-Sharing lösen. So betonten die Referenten die Komplementarität mit dem Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV). „Für Car-Sharing-Mitglieder wird der ÖPNV zum Hauptverkehrsmittel“, so Michael Glotz-Richter. Deshalb seien ÖPNV-Betriebe häufig Partner oder gar Betreiber von Car-Sharing-Firmen.

Unklar ist, ob dieses Seminar ein Startsignal war oder nur eine Alibifunktion hatte. Von der Stadt Luxemburg waren trotz mehrmaligem Nachfragen bis Redaktionsschluss keine Aussagen über Zukunftsperspektiven zu bekommen. Das Gleiche gilt für das Transportministerium, von dem nach unseren Informationen nicht einmal einE VertreterIn anwesend war. Im Sumpf der Luxemburger Verkehrspolitik, das zeigt das Trauerspiel um BTB, können die besten Ideen versinken.


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