INSTALLATIONEN: Zurück in die Petrischale

Näharbeit ist heute eher verpönt. Strickende Frauen und Männer wecken Erinnerungen an die Öko-Bewegung der 80er Jahre, und wer heute eine zerschlissene Hose aus seinem Schrank zieht, hat diese entweder so gekauft oder wirft sie auf den Müll, weil sich eine Reparatur nicht lohnt. Seine Hosen gar selbst zu schneidern ist wegen mangelnder Kenntnisse fast gänzlich unmöglich. Die Königsdisziplin ist mittlerweile der lose Knopf am Hemd.

In den Werken, die derzeit in der Galerie Dominique Lang in Dudelange präsentiert werden, hat sich die Belgierin Elodie Antoine des Stoffes angenommen und nicht einmal vor der altehrwürdigen Brüsseler Spitze Halt gemacht.

Wie kaum anders zu erwarten, nutzt sie die Klöppeltechnik allerdings nicht zur Herstellung feiner Bordüren oder Tischsets. Sie erstellt mit ihrer Hilfe auf kleinen Wandbildern Landschaften, die alles natürliche missen lassen. Und beschränkt sich in deren Darstellung auf technische Errungenschaften wie Kräne, Sicherheitszäune oder qualmende Kühltürme.

Diese Isolierung gibt auch einen Hinweis auf ihre größeren Arbeiten, die zum Teil erscheinen wie das Werk eines durchgeknallten Innenarchitekten, der seiner Einrichtung noch eine Spur Leben mit auf den Weg gegeben hat. Alles wächst und gedeiht. Und wuchert.

Da wird tranchierter Filz auf einem zierlichen Beistelltischchen serviert, das ebenso gut aus einem Krankenhaus stammen könnte. Seltsam tropfenförmig liegen hier aufgeschnittene rote und gelbe Zwiebeln, oder ist es ein Hinterschinken von einem frisch geschlachteten Schwein? Organisch wirkende Rohrleitungen wachsen an der Wand und umgestülpte Filzhandschuhe offenbaren ihr zellulares Inneres. Daneben zwei einladende Stühle mit üppigem, gestepptem Polster, das in seiner rosa Färbung an ein menschliches Gehirn mit all seinen Windungen erinnert, und seine übergroßen, nierenförmigen Samen im Raum verteilt. Das ungehemmte Wachstum hat es Antoine angetan und sie will ihre Faszination an den Besucher weitergeben.

Noch eindrücklicher wirkt dies im ersten Stock, wo das Polster wie ein Tumor aus einem Barockstuhl gewachsen ist und Metastasen gebildet hat, die sich vor dem Besucher wie Jungtiere zu verstecken suchen. Größer geworden glitschen sie über Absätze und man vermisst die Schleimspuren, die sie auf ihrem Weg zurückgelassen haben müssten. Wo ist die Ursuppe, der diese Kreaturen entstiegen sind?

Gerade im Zusammenhang mit dem Barock ergibt sich daraus ein Bild des pervertierten Überflusses. Dies alles geschieht aber im Anzug des Biedermanns und noch platzt nichts aus den Nähten. Dennoch ist man ständig von dem Gedanken getrieben hier aufräumen zu wollen und die kleinen Tierchen wieder zurück in die Petrischale zu sperren. Und wirklich hat ein Besucher schon damit begonnen, als er ein scheinbar auf den Boden gefallenes Objekt wieder an seinen „angestammten“ Platz an der Wand gehängt hat. Hier zeigt sich die Prise Humor, mit denen Antoines Installationen in ihrer Mischung aus Unbedarftheit und Bedrohung gewürzt sind, und ihre Witze haben gar mehrere Pointen.

Seien es unsere vielleicht etwas übertriebenen Hygienevorstellungen, die uns sogar Telefone desinfizieren lassen, oder auch die unerschütterliche Vorstellung uns beständig einreden zu können: „Bis hierhin ging alles gut.“ Dies spiegelt sich in den Arbeiten Antoines wider, zum großen Glück des Betrachters.

Elodie Antoine, noch bis zum 8. Mai in der Galerie Dominique Lang in Düdelingen.


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