THEATER: „Ich existiere nicht. Ich bin niemand.“

Das von ASTI und ASTM initiierte und von SchülerInnen geschriebene Theaterstück „L’Eldorado de la Meduse“, widmet sich dem Alltag illegalisierter Einwanderer.

Vom Glück in Europa kann Djuba, die Hauptfigur, in L’Eldorado de la Meduse, nur träumen.

„Ich existiere nicht, ich bin niemand – mein Personalausweis hat mich 2.000 Euro gekostet. Man muss reich sein, um hier in Europa existieren zu dürfen“, sagt Djuba, ein Darsteller in dem Theaterstück L’Eldorado de la Meduse. Der senegalesische Schauspieler Pape Macoura Ndiaye spielt die Hauptfigur in dem von acht 16-jährigen SchülerInnen des Lycée Aline Mayrisch geschriebenen Stück. Das Theaterstück ist zugleich das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen den beiden Luxemburger Nicht-Regierungsorganisationen ASTI und ASTM, die in diesem Jahr ihr 30- bzw. 40-jähriges Bestehen feiern.

L’Eldorado de la Meduse erzählt die Probleme von Flüchtlingen in Eu-ropa, die sich „illegal“, das heißt ohne eine Aufenthaltserlaubnis, in europäischen Ländern aufhalten. Dabei ist den Schülerinnen und Schülern Erstaunliches gelungen: Sie schaffen es, den Alltag von so genannten illegalen ImmigrantInnen und deren Sorgen erfahrbar zu machen.

Vor der Kulisse eines schlichten Bühnenbildes, mal bestehend aus einem Tisch und sechs Stühlen, mal aus einer am Boden liegenden Matratze sowie einer Leinwand im Hintergrund, spielen die fünf Personen, die im übrigen alle aus unterschiedlichen Ländern sind, ihre Rollen ? sicher und bestimmt.

Bereits in der ersten Szene begegnen wir „dem Fremden“, in Gestalt eines betenden Muslims. Die nächste Bühnensituation führt uns nahe heran an alltägliche Probleme, an Hürden und Erniedrigungen, die „Illegale“ im Ausland erfahren. Wir befinden uns auf dem Bau ? ein Arbeiter fehlt unentschuldigt an seinem Arbeitsplatz, weshalb der Chef seine Mitarbeiter schikaniert und ihnen mit Kündigung droht. In einer anderen Szene sind die fünf Schauspieler fröhlich am Tanzen und verbreiten eine heitere Stimmung. Es erklingt ein Durcheinander an Sprachen: spanisch, französisch, arabisch. Später erwacht der senegalesische Flüchtling, Djuba, neben seiner Freundin aus einem Albtraum. Schweißgebadet erzählt er von seiner Flucht nach Europa, einer langen gefährlichen Überfahrt von Marokko nach Spanien auf einem kleinen Boot. Irgendwie hat er es geschafft zu überleben und in Europa anzukommen ? andere seiner Freunde hatten dieses Glück nicht. Auch wer bis nach Europa gelangt, ist womöglich noch nicht am Ziel: Die Mittelmeeranrainerstaaten Spanien, Italien und Griechenland sind meist „Durchgangs-Stationen“ für Flüchtlinge, doch die reicheren westlichen europäischen Staaten nehmen deutlich weniger von ihnen auf. Da ein Flüchtling nur in dem ersten als sicher eingestuften Land, in dem er eintrifft, um Asyl ersuchen kann und von dort aus nicht weiterreisen darf, ist es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, in die westlichen Länder der „Festung Europa“ zu gelangen. Zunehmend haben die EU-Staaten immer höhere Hürden für all jene errichtet, die nach Europa gelangen wollen. Auch das Asylrecht der einzelnen Staaten wurde in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft.

Es ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, in die westlichen Länder der „Festung Europa“ zu gelangen.

In L’Eldorado de la Meduse wechseln sich fröhliche und spielerische Bühnenszenen mit traurigen Passagen ab. So werden wir auch mit düsteren Impressionen konfrontiert, mit Bildern von ertrunkenen Flüchtlingen an den Küsten von Italiens oder Spaniens Inseln. Fotografien werden auf die Leinwand projiziert, wir haben die toten, von den Wellen an den Strand getragenen Immigranten ständig vor Augen.

Das Bühnenstück konfrontiert das Publikum immer wieder mit Vorurteilen und regt dazu an, diese in Frage zu stellen: Stereotype Vorstellungen der Europäer von den „Fremden“, aber auch einige Wahrnehmungen der Flüchtlinge von Europäern, etwa, in Europa seien alle ständig in Zeitnot.

In dem nur 45 Minuten langen Stück werden Probleme von „Illegalen“ in Europa anhand alltäglicher Situationen aufgeworfen. Beispielsweise die Gefahren, die es mit sich bringt, illegal in Europa zu arbeiten. Ohne eine Aufenthaltserlaubnis sind ausländische Immigranten oft dazu gezwungen, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Oft haben sie keinerlei soziale Absicherung, das heißt sie verfügen über keine Sicherheiten wie einen Kündigungsschutz oder eine Krankenversicherung. Zudem leben die Flüchtlinge in Europa meist unter sehr einfachen Umständen und sparen oft das wenige Geld, das sie verdienen, um es an ihre Familien in die jeweiligen Heimatländer zu schicken. Im Jahr 2008 haben allein afrikanische Immigranten durch Geldzahlungen ins Ausland mit 27,8 Milliarden Euro zum Wirtschaftswachstum Afrikas beigetragen, wie die französische Tageszeitung „Le Monde“ vergangenen Oktober schrieb.

Früh ist im Verlauf des Theaterstücks absehbar, dass es zu keinem Happy End kommen wird. Djuba bereitet gemeinsam mit Freunden die Ankunft seines Bruders vor, der ebenfalls versucht mit einem Boot nach Europa zu gelangen. Doch er befindet sich auf einem der vielen Boote, die ihr Ziel nicht erreichen. Schätzungen zufolge ertrinken in Europa bei der Flucht übers Mittelmeer jährlich 6.000 Menschen. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) geht von etwa 2,8 bis 6 Millionen illegalisierten Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus aus, so genannten „sans papiers“.

Das Theaterstück problematisiert exemplarisch und anschaulich die prekäre Situation illegalisierter Einwanderer in Europa. Ihre Handlungsalternativen sind enorm eingeschränkt. Das Stück zeigt aber vor allem den Teufelskreis, in dem sich die Flüchtlinge befinden: Viele von ihnen erreichen nie ihr Ziel, andere kehren, bedingt durch die schwierige Situation in Europa, zurück in ihre Heimatländer. Wieder andere werden von den Staaten, in denen sie Zuflucht suchen, zur Ausreise gezwungen und abgeschoben.

Die Nichtregierungsorganisation ASTI hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Luxemburg lebenden „Illegalen“ durch ihre Arbeit zu helfen und unterstützt die Betroffenen mit verschiedenen Kampagnen aktiv. Aktuell werden im Gefängnis in Schrassig sechs seit mehreren Jahren in Luxemburg lebende Migranten aus Nigeria gefangen gehalten, die, wie Innenminister Nicolas Schmit vergangene Woche bestätigte, in Kürze dorthin abgeschoben werden. Dies geschieht, trotz der politischen Situation vor Ort die einem Bürgerkrieg sehr nahe kommt und ungeachtet der Tatsache, dass es in den vergangen Monaten immer wieder zu Massakern an religiösen Minderheiten gekommen ist.

Die Abschiebungen werden vollzogen, obwohl auch Luxemburg die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, das erste universell geltende Abkommen, das sich ausschließlich dem Schutz von Flüchtlingen widmet, unterzeichnet hat. Dieses Dokument bestimmt die Rechte von Flüchtlingen, zu denen Religions- und Bewegungsfreiheit sowie das Recht, zu arbeiten, das Recht auf Bildung und das Recht auf den Erhalt von Reisedokumenten gehören. Ein Prinzip der Konvention ist das Verbot, einen Flüchtling in ein Land zurückzuschicken, in dem er fürchten muss, verfolgt zu werden.

Im Grunde ist schon der Begriff „illegal“ irreführend, denn kein Mensch kann illegal sein. Das Theaterstück L’Eldorado de la Meduse macht deutlich, dass die ohne Aufenthaltsrecht lebenden Flüchtlinge sich in Europa nicht akzeptiert fühlen. Mehr noch: Ohne Papiere oder mit falschen Papieren können sie sich niemals sicher fühlen. So kommt der Held des Theaterstücks, Djuba, lakonisch zu dem Schluss: „Ich existiere nicht. Ich bin niemand“.

Das Stück „L’Eldorado de la Méduse“ wird am Freitag, den 23. April um 20.00 Uhr im Theater Chapiteau in Esch/Alzette, sowie am Samstag, den 1. Mai im Centre Culturel Abbaye de Neumünster aufgeführt.


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