FABRIKBESETZUNG: 100 Tage Bicycle Race

Seit über 100 Tagen hält eine streikende Belegschaft im ostdeutschen Nordhausen ihren Betrieb besetzt. In dieser Woche hat sie mit der Produktion von Strike-Bikes begonnen – in Eigenregie.

Gähnende Leere war gestern: Seit dieser Woche wird an den Produktionsstraßen des Thüringer Zweiradwerks das Strike-Bike montiert.

Rekordverdächtig ist es allemal, was in der Fahrradfabrik der Bike-Systems GmbH im thüringischen Nordhausen geschieht. „Seit dem 10. Juli machen wir hier ununterbrochen eine Betriebsversammlung“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Heidi Kirchner im Streikzelt auf dem Gelände der Fahrradfabrik. „Vielleicht ist es ja die längste, die es in Deutschland je gab. Recherchiert das doch mal!“

Seit mehr als 100 Tagen läuft sie hier also ohne Pause: eine Betriebsversammlung – so wird die Besetzung, die ansonsten verboten wäre, bezeichnet. Und in dieser Woche wurde auch noch damit begonnen, in Eigenregie die Produktion wieder aufzunehmen – ein Novum in den deutschen Arbeitskonflikten. Bis Ende der Woche wird nun das so genannte Strike-Bike hergestellt.

Steht man vor der Fabrik, fällt der Blick zunächst auf drei Fahnenmasten. An einem hängt die Fahne der Gewerkschaft IG Metall, am zweiten die der FAU, der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, der dritte ist nicht bestückt. An dem Zaun vor der Fabrik sind Transparente befestigt. „Bitte hupen!“, werden vorbeifahrende Autofahrer aufgefordert.

Ebenfalls ein Blickfang ist das besagte Streikzelt, bestehend aus Paletten, die bis in eine Höhe von zweieinhalb Metern aufeinander gestapelt wurden, einige Plastikplanen darüber, Biertisch und Bierbänke, ein Kühlschrank, eine Kaffeemaschine, ein Zwei-Platten-Herd für die „Streikwürste“, zu denen die Bockwürste hier geadelt werden ? fertig.

Seit dem Jahr 2000 gehörte Bike-Systems zur Biria-Gruppe, ebenso wie ein Werk im sächsischen Neukirch mit rund 230 Mitarbeitern. Statt der angepeilten Million Fahrräder pro Jahr aus beiden Fabriken wurden keine Stückzahlen über 650.000 erreicht. Ende 2005 übernahm eine Tochtergesellschaft des texanischen Private-Equity-Investors Lone Star die Biria-Gruppe. Zum Jahresende 2006 wurde dann zunächst die Schließung des Werks in Neukirch beschlossen, im Juni 2007 auch die des Werks in Nordhausen. Dieses fungierte zu diesem Zeitpunkt bereits als verlängerte Werkbank für die Mitteldeutsche Fahrradwerke AG (Mifa) im gut 30 Kilometer entfernten Sangerhausen, dem größten deutschen Fahrradhersteller und Hauptkonkurrenten der Biria-Gruppe. Lone Star hatte gegen ein Aktienpaket der Mifa Kundenaufträge und Materialvorräte der Biria-Gruppe abgegeben.

Am Konflikt sind nun rund 125 Arbeiter beteiligt, eine Handvoll ist in der Umschulung. Etwa 160 Leiharbeiter, die bis vor kurzem auch hier arbeiteten, spielen in der Auseinandersetzung keine Rolle; sie verbindet nichts mit dem Betrieb.

Das „Strike-Bike“ ist ein robustes Dreigangrad in schickem Rot. Als besonderes Extra verfügt es über einen stabilen Gepäckträger – stabil genug, um nach einer wilden Party einen betrunkenen Anarchisten nach Hause zu kutschieren.

„Lone Star hat von Anfang an die Werke in Neukirch und Nordhausen nur abwickeln wollen“, sagt Jens Müller, Ersatzmitglied im Betriebsrat. Lone Star bestreitet das. „Erst wurde Neukirch geschlossen, aber es gab jedenfalls genügend Aufträge für einen Standort; von Neckermann, Quelle und anderen, für rund 300.000 Stück pro Jahr, 220.000 könnten in Nordhausen jährlich hergestellt werden.“

Auf der Betriebsversammlung am 10. Juli kam es zu Verhandlungen über einen Sozialplan. Der Geschäftsführer habe ein Angebot vorgelegt, „das jeder Beschreibung spottet“, sagt Müller. Nur 830.000 Euro seien zu verteilen gewesen. Das habe nicht einmal gereicht, um die Kündigungsfrist abzudecken, die bei manchen sieben Monate, bei den meisten drei bis vier Monate betragen habe. Um zwölf Uhr sei das Angebot mitgeteilt worden, bereits zwei Stunden später kam es zur Besetzung.

„Seither schlagen die Politiker hier auf, um sich zu informieren“, sagt er. „Die Linken kamen bereits vom ersten Tag an und haben uns unterstützt.“ Vor allem Druck wolle man mit der Besetzung aufbauen, sagt Müller, um die Arbeitsplätze zu retten und möglicherweise einen neuen Investor zu finden. Als Anfang August der Insolvenzantrag gestellt wurde, wirkte das wie eine kalte Dusche. „Wir sind in ein Loch gefallen“, erinnert er sich. „Die Kollegen haben sich gefragt: Wo stehen wir, hat es noch Sinn weiterzumachen?'“

Die Sinnsuche scheint erfolgreich gewesen zu sein, denn nun gibt es auch den Nordhausen e. V., in dem die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter Mitglied sind. Zweck des Vereins ist es, unter eigener Verantwortung das Strike-Bike herzustellen – am Montag hat die Produktion tatsächlich begonnen.

Jens Müller erzählt, wie die Idee des Strike-Bikes entwickelt wurde. Einige Tage zuvor war er in Hamburg bei einem Fest des Cafékollektivs Libertad. „War ganz schön krass“, sagt er und lacht. Das Cafékollektiv, das mit der anarchosyndikalistischen FAU verbandelt ist, war auf den Arbeitskonflikt in Nordhausen aufmerksam geworden und hatte den Streikenden einige Pakete Bio-Kaffee aus Chiapas geschickt. Zwei aus dem Cafékollektiv kamen in Nordhausen vorbei und meinten: „Wenn ihr mal wieder Fahrräder baut, würden wir welche abnehmen.“ Die Idee ging zunächst verschütt, wurde aber zwei Wochen später wieder aufgegriffen. Das Cafékollektiv wurde kontaktiert und eine Verbindung zur alternativen „Rad-Spannerei“ in Berlin-Kreuzberg hergestellt. Gemeinsam mit ihr wurde der Prototyp des Strike-Bikes entwickelt. Dieses gibt es in zwei Versionen geschlechtsspezifischer Bauart. Es handelt sich um ein robustes Dreigangrad in schickem Rot, verziert mit der Aufschrift „Strike Bike“ und mit dem Logo einer struppigen schwarzen Katze versehen. Als besonderes Extra verfügt es über einen stabilen Gepäckträger – stabil genug, um nach einer wilden Party einen betrunkenen Anarchisten nach Hause zu kutschieren.

Bestellungen wurden bereits aufgenommen – gegen Vorauskasse von 275 Euro, um die Teile für das Strike-Bike bei den Zulieferern bestellen und bezahlen zu können. Gut 1.800 Strike-Bikes sind geordert worden, etwa 250 bis 300 davon aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich und Italien, auch aus den Niederlanden. Weitere Bestellungen wurden nicht angenommen, weil das ständige Telefongeklingel zu stressig wurde.

Für die Herstellung des Strike-Bikes ist eine 36-Stunden-Woche vorgesehen, einen Obolus von etwa zehn Euro pro Stunde soll es dafür geben. Aus der Vorauskasse werden die Kosten für Strom, Gas und andere Betriebskosten bezahlt, ein gewisser Teil wird für die Produkthaftung zurückgelegt. Es ist mehr Zeit für die Herstellung vorgesehen als normalerweise. Dann macht’s mehr Spaß ? außerdem soll die Qualität für das besondere Bike ja auch besonders hoch sein.

A propos Obolus: Seit August haben die Arbeiterinnen und Arbeiter keinen Lohn mehr erhalten. Bei einigen gibt es große finanzielle Engpässe, sagt Jens Müller, teilweise hätten Banken bereits mit der Kündigung von Konten gedroht. Das Arbeitsamt zahlt einen Teil des früheren Gehalts, aber es wird eng, etwa wenn Kredite bedient werden müssen.

Wie es weiter geht, ist noch nicht klar. Eine Option: Anfang November wird eine Auffanggesellschaft gegründet und die Belegschaft in sie überführt, auch von Qualifizierungsmaßnahmen ist die Rede. Nach Presseberichten sollen aus der Insolvenzmasse mittlerweile etwa zwei Millionen Euro für Transfermaßnahmen zur Verfügung gestellt werden. Das wäre jedenfalls mehr als die ursprünglich angebotenen rund 830.000 Euro.

Eine zweite Möglichkeit: den Betrieb in Selbstverwaltung übernehmen. „Das Risiko ist groß“, meint Heidi Kirchner. „Eigenverwaltung mit 125 Leuten ist schwierig. Wir bräuchten wohl acht oder zehn Millionen Euro.“ Die dritte Möglichkeit: Ein Investor wird gefunden. Zwei sind im Gespräch. Unklar ist, was daraus wird.

„Das Strike-Bike hat uns einen wichtigen Schub in den Medien verschafft“, sagt Heidi Kirchner. „Zum Teil waren ja täglich drei, vier Fernsehsender da.“ Und es gibt viele neue Kontakte, auch international. Kürzlich fand eine „Strike-Bike-Party“ in Rom statt, in einem sozialen Zentrum in der Via Prenestina, einer ehemaligen Stofffabrik. „Es gibt auch eine Einladung nach Gent in Belgien“, sagt Jens Müller. Und einige Besteller, etwa aus Paris, wollen diese Woche in der besetzten Fabrik vorbeischauen, um ihr Strike-Bike direkt abzuholen.

Bernd Beier ist Chef vom Dienst der Berliner Wochenzeitung Jungle World.


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