FLÜCHTLINGE: In Oostende dreht sich der Wind

Noch gibt es in Oostende weniger Kontrollen als in Calais: die belgische Hafenstadt ist der neue Hotspot, um unerkannt nach England zu kommen. Doch auch hier will man nun gegen Flüchtlinge vorgehen.

Den Transitmigranten auf der Spur: Beamte des britischen Zoll untersuchen im Hafen von Oostende einen LKW mittels elektronischer Sonden.

Elektrozäune lügen nicht. Nicht an einem Ort wie diesem, und schon gar nicht, wenn sie in sieben engen Reihen gespannt sind, die sich über dreihundert Meter Länge die Böschung der Brücke entlang ziehen. Unten fahren die LKW vorbei auf die Fähre. Manche halten hier, wenn sie früh dran sind, noch einmal an. Die Fahrer dösen dann ein wenig. Früher kontrollierten sie, ob sich nicht jemand von der Brücke herunter gelassen und zwischen Kabine und Ladefläche versteckt hatte. Heute ist das nicht mehr nötig. Wer sollte das auch schaffen, wo es sieben unter Strom gesetzte Zäune zu überwinden gilt? Vor wenigen Monaten erst wurde er angebracht. Ein deutliches Zeichen. Oostende steht auf der Karte der klandestinen Migration.

Dreimal täglich schieben sich die Fähren vorbei an dem alten, weißen Pier Richtung England in die Nordsee. Vier Stunden weiter, auf der anderen Seite des Kanals, warten leicht zugängliche (Schwarz-) Arbeit und, dank fehlender Ausweispflicht, kaum Personenkontrollen – so jedenfalls will es der Mythos, dem die Transitmigranten nachjagen. Heimlich auf, in oder unter einen LKW und auf diese Weise an Bord gelangen: darin liegt der Reiz, den Oostende, das alte Seebad an der zubetonierten belgischen Küste, auf sie ausübt. Der Sommer ist vorbei, schon lassen die ersten Cafés ihre Läden geschlossen, und so manche Bar scheint abends für Senioren reserviert.

Die Transitmigranten aber haben immer Saison. Oder mehr denn je. Jahrelang spielte sich das Geschehen vor allem in französischen Häfen wie Calais und Dunkerque ab, von denen die Überfahrt deutlich kürzer ist. Doch in den vergangenen Monaten hat Oostende, hundert Kilometer nördlich gelegen, ihnen den Rang abgelaufen. Einst war die Stadt mondän, heute gehört sie den Rentnern, Surfern und britischen Sauftouristen. Die neueste Gruppe, bei der sie hoch im Kurs steht, sind blinde Passagiere.

Gründe dafür gibt es mehrere. Zum Beispiel ein bestimmtes Stück Papier, dass Ahmed in der Hand hält. Der Ägypter, klein gewachsen und jünger aussehend als Ende zwanzig, bekam es am Vortag von einem der Polizisten, die in seinem Versteck im Hafen eine Razzia durchführten. „Aufenthalt ohne gültige Papiere“ steht darauf, und die Konsequenz lautet: „Befehl das Grundgebiet zu verlassen“. Dann folgt eine Auflistung aller EU-Staaten, denn auch hier ist Ahmed künftig nicht mehr willkommen. Offiziell zumindest, denn eigentlich wären die belgischen Behörden schon zufrieden, wenn er sich ungesehen davon machte. So ist das mit Transitmigranten. Alle Länder sind froh, wenn sie sie unauffällig loswerden.

Eine Nacht in Gewahrsam, ein Ausweisungsbescheid. Danach ziehen Ahmed und die Anderen ihrer Wege. Die Gefängnisse in Belgien sind überfüllt, die geschlossenen Abschiebezentren auch. In den angrenzenden Niederlanden würde man ihn ein paar Monate einsperren, der Abschreckung wegen. In Frankreich hätte er es mit Behörden zu tun, die alles daran setzen, die Kanalüberquerungen von Calais und Dunkerque zu beenden, die systematisch noch die notdürftigsten Behausungen zerstören, Schlafsäcke konfiszieren und gewohnheitsmäßig Tränengas versprühen. Als die Polizei 2009 den „Jungle“, eine riesige Elendssiedlung in einem Küstenwäldchen, planierte, war das ein Fanal (siehe woxx 1038). „Wasserdicht gegen illegale Migration“ sollte die Region Calais werden, so die Vorgabe von Eric Besson, dem damaligen Einwanderungsminister. Zwei Jahre später ist sie, von rund hundert Verzweifelten abgesehen, erfüllt.

Vor einem Jahr gingen in den Straßen von Calais Geschichten um. In Belgien, hieß es, gebe es einen Hafen, von dem aus es leichter sei, nach England zu kommen. Manche wussten den Namen. Oostende. Zur gleichen Zeit fragten sich ehrenamtliche Helfer in Calais, wo die Paschtunen abgeblieben waren, die lange eine der größten Gruppen dort bildeten. In Oostende erzählt man sich, 35 Paschtunen seien damals in einer einzigen Nacht festgenommen worden.

Doch vermeintlich günstige Umstände sind immer relativ. Auch hier in Oostende hat Ahmed in den letzten fünf Monaten so einiges erlebt. Essen und Medikamente nahmen die Polizisten seinen Freunden ab, sie zertraten ihre Handys oder warfen sie ins Wasser. Manchmal, wenn die Medien über die Diebstähle der „Illegalen“ schrieben und man um den Strandtourismus fürchtete, saß der Schlagstock recht locker. Und nicht nur der. Ahmed ist nicht der einzige hier, der schon Bekanntschaft mit den Elektroschocks aus einem so genannten Taser machte. Doch der Grad der Repression ist ein anderer. Dazu kommt, dass es vor der Fähre nur zwei Kontrollen gibt, statt wie in Calais drei. Die Route über Oostende wurde populär. Und die Stadt voller.

Einst war Oostende mondän, heute gehört die Stadt den Rentnern, Surfern und Sauftouristen. Die neueste Gruppe, bei der sie hoch im Kurs steht, sind blinde Passagiere.

Man merkte das schon zu der Zeit, als Ahmed, dem die Revolution in Ägypten seinen Wunsch nach „ein bisschen mehr Geld“ nicht erfüllen konnte, Alexandria den Rücken kehrte. „Illegale auf den Gleisen“, hieß es im Winter mehrmals in belgischen Zeitungen. Nur mit erheblicher Verspätung konnten die Züge in den Bahnhof von Oostende einfahren, weil Transitmigranten sich über das halbherzig gesicherte Eisenbahngelände Zugang zum Hafen verschafften.

Im Frühjahr kam Ahmed an, nach einem Flug nach Istanbul und einer Odyssee durch die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich. Zu dieser Zeit wurde die Zaunfront des Bahngeländes von Oostende mit Nato-Stacheldraht überzogen. Doch was blieb, war die besondere Geographie des Ortes. Nah beieinander liegen die Stadt, der Hafen und der Kopfbahnhof, dessen verlassene Schuppen im Winter Unterschlupf bieten, und den nur eine Straße vom „Wäldchen“ trennt. Dieser Park, weitläufig und jenseits gepflegter Seeanlagen mit reichlich Unterholz ausgestattet, ist seit jeher der Rückzugsraum der Transitmigranten. Meist spielte sich das Treiben versteckt vor den Augen der Spaziergänger ab.

Im Frühjahr wurde die Szene nicht nur öffentlicher, sondern auch größer und vielfältiger. Ahmed gehörte zu den ersten Ägyptern. Inzwischen können sie und die Tunesier zahlenmäßig mit den Algeriern mithalten, die seit Jahren von Oostende aus die Kanalpassage probieren. Im Gegensatz zu Frankreich hat Belgien kein Rücknahmeabkommen mit Algier und kann somit nicht einfach dorthin abschieben. Doch nun führen auch von außerhalb des Maghreb die Routen immer häufiger in die „Königin der Seebäder“, aus Sudan und Nigeria, Somalia und Irak, ab und an sogar aus Afghanistan. Wer von dort in den letzten Jahren nach England aufbrach, versuchte sein Glück bislang meist über Calais.

Doch im Spätsommer dieses Jahres kündigte nun auch der Bürgermeister von Oostende eine härtere Gangart an. Um die 1.500 Transitmigranten trafen seine Beamten dieses Jahr bislang an. Nun soll die örtliche Eisenbahn- sowie die Schifffahrtspolizei mit zusätzlichen Patrouillen jeden Tag zwanzig Personen festnehmen. Neue Zellen müssen gebaut werden, denn wer verhaftet wird, soll ausnahmslos zwölf oder gar 24 Stunden einsitzen. Mitte September begannen die Kontrollrunden. Medien berichten, die Quote werde eingehalten.

Doch damit ist es nicht genug. Johan Vande Lanotte, ehemaliger Minister und Chef des Hafens von Oostende, regte weitere Maßnahmen an: zwei Jahre Haft für das unbefugte Betreten des Geländes, extra Kameras, extra Zäune, und die Immigrationsbehörde solle Beamten an den Kanal abstellen. Oostende, forderte er vor TV-Kameras, müsse der schlechteste Platz für eine Überfahrt nach England werden. Auch die britische Regierung, deren Grenzpolizisten seit Jahren in Oostende die LKW- Kontrollen verstärken, stockte vor einiger Zeit ihr Personal auf.

Zudem wird in den letzten Monaten außerhalb der Stadt eine zweite Front deutlich. Transitmigranten, die noch über Calais ihr Glück versuchen wollen, werden durch das verschärfte Vorgehen der französischen Polizei stetig weiter weg vom Hafen getrieben. Immer früher versuchen die Migranten, Zugang zu LKW zu bekommen. Letzten Sommer hatten sich bereits neue Camps bei Rastplätzen an französischen Autobahnen gebildet, die dann vorübergehend geschlossen wurden. Mittlerweile gibt es Richtung Calais kaum noch einen Zwischenstopp. Dafür ist das Hinterland von Oostende nun der Ort geworden, wo es den Truck zu entern gilt. Maisfelder in der Nähe von LKW- Parkplätzen wurden erst zu Verstecken – und inzwischen Ziel regelmäßiger Razzien.

Im Wäldchen unten am Hafen verlagert sich das Geschehen nun wieder zurück ins Unterholz. Die Räume werden knapp, abgesehen von einem Wohlfahrtszentrum, in dem Transitmigranten morgens duschen können und umsonst Essen bekommen. Humanitäre Hilfe, wie sie ehrenamtliche Assoziationen in Calais leisten, gibt es in Oostende nicht, abgesehen von wenigen Einwohnern, die ab und an Essen spenden. Die Wohlfahrtsstelle bietet immerhin einmal in der Woche medizinische Versorgung und Rechtsberatung. Zugang zu staatlicher Unterstützung haben die Migranten nicht, denn niemand käme auf die Idee, in Belgien um Asyl zu fragen.

Immerhin betritt die Polizei das Wohlfahrtszentrum nicht, versichert Tine Wyns, die Direktorin. Dennoch geht die Angst um, seit die Stadt ihre neue Strategie verkündete. Die so neu nicht ist, merkt sie an, denn wer erwischt wird, bleibt auch heute schon eine Nacht in Gewahrsam. Und auch in Zukunft wird man die Transitmigranten danach wohl laufen lassen. Eine Lösung sieht anders aus, findet Tine Wyns, die in den Maßnahmen eher Muskelspiele im Rahmen der Kommunalwahlen sieht, die nächstes Jahr stattfinden. Die Botschaft ist klar: Handlungsfähigkeit demonstrieren.

Derweil fordert die Situation ihre Opfer. Yacine ist eines, ein junger Algerier mit hagerem Gesicht, schütterem Haar und doppelt gebrochenem Arm. Neulich kam die Polizei um Mitternacht in die verfallene Bootsfabrik im Hafen, wo er schläft. Yacine wollte fliehen, stürzte in der Dunkelheit und fiel drei Meter die Treppe hinunter. An Zäune, LKW oder Fähren braucht er vorerst nicht zu denken.

Mit einigen Bekannten steht Yacine im Hof des Wohlfahrtszentrums und diskutiert mit Ibrahim, der gestern abgeschoben wurde aus dem gelobten Land. Nach Belgien, wo er vor Jahren seine Fingerabdrücke ließ, und das nach dem Dublin-Abkommen für ihn zuständig ist. Bei der Einwanderungsbehörde sagte man ihm, er solle sich „verpissen“. Weil er Frau und Kinder in Großbritannien hat, will er zurück nach Birmingham. Ansonsten ist er fertig mit dem Traum von England. „U.K. is rubbish“ – lautet seine Bilanz. „Und das sage ich den Anderen die ganze Zeit. Aber sie wollen das nicht hören.“

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden.


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