DAS DRITTE REICH: Das Böse im Hotel?

Ein weiteres Stück großer Literatur von Roberto Bolaño ist der Roman „Das Dritte Reich“. Das nun publizierte Frühwerk des Chilenen handelt von der Schuld und dem Bösen.?

Wer geglaubt hat, die Stimme von Roberto Bolaño sei mit dessen Tod verstummt, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Der Ruhm des chilenischen Schriftstellers, der 2003 im Alter von 50 Jahren an einer Leberkrankheit starb, hat sich seither vermehrt – vor allem mit seinem posthum publizierten und vor zwei Jahren auf Deutsch erschienen Meisterwerk „2666“. Der mehr als tausend Seiten lange Mammut-Roman wurde zu Recht euphorisch gefeiert (woxx 1038/1039).?

Bolaño wurde häufig als Nachfolger des Argentiniers Julio Cortázar bezeichnet und „2666“ – unter anderem wegen der vielschichtigen Komposition mehrerer Erzählebenen – mit dessen Roman „Rayuela“. Hinzu kommt die an Jorge Luis Borges erinnernde unmerklich elegante Überschreitung der Grenzen von Realität und Fantasie, einer Osmose aus Realistik und Fantastik, die jedoch ein Hauptinstrument im Werkzeugkasten der zeitgenössischen Literatur zu sein scheint.?

In der Folge von „2666“ kam der „Lumpenroman“ auf Deutsch heraus, das letzte Buch Bolaños, das im Original noch zu seinen Lebzeiten erschien. Danach publizierte sein spanischer Verlag den Roman „Das Dritte Reich“ und schließlich das unvollendete Werk „Die Ärgernisse des echten Polizisten“. Letzteres ist für 2012 auf Deutsch angekündigt, „Das Dritte Reich“ liegt nun vor. Der Autor schrieb es bereits 1989. Es ist in Tagebuchform verfasst, geführt vom Protagonisten Udo Berger, einem Elektroingenieur aus Stuttgart, der mit seiner Freundin Ingeborg Urlaub an der Costa Brava macht, dort wo Bolaño viele Jahre lang lebte.?

Berger ist ein Experte für strategische Kriegsspiele und verfasst Fachartikel über seine Leidenschaft. Sein Fanatismus gleicht einer Sucht. Um sich auf eine Partie vorzubereiten, hat er das titelgebende Spiel dabei. Er nimmt die Rolle der Achsenmächte ein und spielt den Zweiten Weltkrieg gegen die Alliierten nach. Berger hält den Spielverlauf in einem Tagebuch fest. Den Anfang des Buches bestimmt jedoch eine reichlich banale Schilderung des Urlaubsalltags: Berger und seine Freundin lernen ein anderes Paar kennen, die attraktive Hannah und den ziemlich aggressiven Trinker Charly. Hinzu kommen zwei zwielichtige Gelegenheitsarbeiter und Grobiane: die beiden Spanier „El Lobo“ und „El Cordero“, der Wolf und das Lamm.?

Als Charly eines Tages nicht mehr von einer Surftour zurückkehrt, hat sich Berger bereits zunehmend in sein Spiel vertieft. Nur das Interesse für Else, die Frau des Hoteliers, zu der er sich hingezogen fühlt, kann ihn gelegentlich davon abhalten, seine Spielzüge auszuführen. Und er lernt den Besitzer eines Tretbootverleihs kennen: ein Lateinamerikaner und früherer Guerillero, der gefoltert wurde und wegen seiner Brandverletzungen nur „der Verbrannte“ genannt wird, „El Quemado“. Aus seinen Tretbooten baut dieser sich eine sternförmige Festung, in der er übernachtet.?

Der „Verbrannte“ übt eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf Berger aus. Bald beteiligt sich „El Quemado“ an dem Kriegsspiel und übernimmt dabei die Rolle der Alliierten. Zu Beginn scheinen die Nazis und ihre Verbündeten zu gewinnen, doch das Blatt wendet sich im wochenlangen Duell, wie in der Wirklichkeit der Zweite Weltkrieg.?

Berger als einen Nazi zu bezeichnen, wäre falsch. Er ist vielmehr ein Spieler ohne Ideologie, doch er scheint sich immer mehr in die Rolle des Kriegers hineinzufühlen. Mehr und mehr identifiziert er sich mit dem Dritten Reich und begreift den „Verbrannten“ als Gegner. Allmählich erliegt er, ohne es wirklich zu merken, der Faszination des Bösen, das einmal mehr, wie in so vielen Romanen des Chilenen, eine herausragende Bedeutung hat – als alltägliche Banalität, hier versteckt im Massentourismus an der Mittelmeerküste und in der zeitgenössischen Konsumkultur. Im „Dritten Reich“ rückt zudem das Thema der Schuld, die sich Berger unbewusst auflädt, indem er die Rolle der Nazis übernimmt, in den Vordergrund. Auf die Schuld als eines der Hauptmotive verweist auch das voran gestellte Zitat von Friedrich Dürrenmatt.?

Das Spiel „Das Dritte Reich“ gibt es wirklich. Es wurde in den Siebzigerjahren erfunden, und Bolaño war ein fanatischer Spieler. Auch sein Interesse für Kriegshistorie und die deutsche Geschichte sowie für die Nazis und das deutsche Militär taucht in seinen Werken immer wieder auf. Bekannt wurde unter anderem das Buch „Die Naziliteratur in Amerika“, eine Sammlung fiktiver Schriftstellerbiographien, und in „2666“ ist eine der Hauptpersonen Benno von Archimboldi, ein Wehrmachtssoldat. Wieder dient die Suche nach jemandem, in diesem Fall Charly, als ein Grundmuster der Handlung. Der „Verbrannte“ könnte ein Alter Ego des Autors sein, nicht zuletzt übte Bolaño in seinem spanischen Exil ähnliche Jobs aus.?

Sprachlich und stilistisch wirkt der Roman noch etwas unbeholfen. Die Schilderungen im Tagebuchstil sind vielleicht bewusst hölzern. Doch die Geschichte entwickelt mit zunehmendem Verlauf der Handlung ihre Spannung. Einmal mehr ist Christian Hansen eine dem Original entsprechende Übersetzung Bolaños gelungen. Und wer das Buch als ein Mitglied der stetig wachsenden Bolaño-Weltgemeinde mit Kenntnissen einiger anderer Werke des Autors liest, entdeckt einen Querverweis nach dem anderen auf den unerschöpflichen literarischen Kosmos des Autors.?

Roberto Bolaño – Das Dritte Reich. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag, 320 Seiten.


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