DROGENKRIEG IN MEXIKO: Blutige Balladen

Der Konflikt um den Drogenhandel in Mexiko hat unvorstellbare Dimensionen angenommen. Die Reportagen der Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder berichten vom Alltag der Menschen zwischen Drogenanbau, skrupellosen Kriminellen und korrupten Beamten.

Massengräber, Massaker und bewaffnete Auseinandersetzungen – fast täglich erreichen uns aus Mexiko Meldungen, die über einen Krieg berichten, dessen Ausmaß niemand mehr nachvollziehen kann. Von 50.000 Toten ist die Rede, von 230.000 Vertriebenen und von jährlich 10.000 entführten Migrantinnen und Migranten. Hinter diesen Zahlen verschwinden die sozialen Verhältnisse, in denen sich die Killer der Kartelle, Polizisten und Soldaten blutig bekämpfen. Kaum ein Bericht kann vermitteln, was in den Mikrokosmen der mexikanischen Gesellschaft passiert: Wie leben die Menschen in den Gemeinden, die von der Mafia kontrolliert werden? Warum protestiert keiner, wenn in Bussen Balladen gespielt werden, die Massenmördern wie dem Chef des Sinaloa-Kartells Joaquín „Chapo“ Guzmán huldigen?

Jeanette Erazo Heufelder ist diesen Fragen nachgegangen. Die Autorin ist in die Orte gereist, in denen die Kartelle groß geworden sind und die heute zu den bedeutenden Schlachtfeldern des „Drogenkriegs“ zählen: Culiacán, Ciudad Juárez, Badiraguato. Städte und Gemeinden im Nordwesten des Landes, in denen seit Jahrzehnten Opium und Marihuana hergestellt wird oder die auf der Transitstrecke für den Schmuggel in die USA liegen. In ihrem Buch „Drogenkorridor Mexiko“ beschreibt die Ethnologin, wie skrupellose Kriminelle, korrupte Beamte und der Drogenanbau den Alltag der Menschen durchdrungen haben.

Ihre spannend aufgeschriebenen Reportagen erzählen von den Narcocorridos, jenen „blutigen Balladen“, in denen Drogenbosse wie Chapo Guzmán geehrt werden und die sie in jedem Bus und sogar in der Gourmetabteilung einer Supermarktkette hört. Oder von der Kapelle des Schutzheiligen der Mafia Jesus de Malverde, zu dessen Todestag Besucherinnen und Besucher aus aller Welt in das heilige Gemäuer in Culiacán pilgern. „Wie Seifenopern“, so resümiert die Autorin, „scheinen die über die Drogenbosse verbreiteten Mythen und Legenden mit der Sehnsucht der Leute zu korrespondieren, der Lethargie ihres eigenen Alltags zu entfliehen.“

Nüchtern beschreibt die Autorin eine Gesellschaft, in der Kinder als Berufswunsch Drogenboss angeben und Lehrern drohen, ihr Vater sei für ein Drogen-Kartell tätig.

Vor allem aber berichtet Erazo Heufelder von den Menschen, die sie an diesen Orten getroffen hat. Zum Beispiel jene alte Frau namens Rosalia, deren Familie offensichtlich seit Generationen Opium anbaut, die aber völlig nervös wird, wenn die Autorin mit ihr darüber sprechen will. Schon in ihrer Jugend musste sie erleben, wie Polizisten und Soldaten ins Dorf kamen, Felder nieder brannten und Nachbarn verhafteten. Damals habe sie nicht gewusst, dass es sich bei Mohn um eine verbotene Pflanze handele. „Denn die gleichen Männer, die erklärten, dass die Pflanze schlecht sei, zwangen sie dazu, die schlechte Pflanze anzupflanzen.“

Richtig oder falsch, legal oder kriminell? In einem von Angst und Gesetzlosigkeit dominierten Land, in dem selbst der Präsident die Hälfte seiner Polizisten für korrupt hält, verschwindet jedes Kriterium des menschlichen Miteinanders. Keiner vertraut keinem. Niemand kommt auf die Idee, als Zeuge zur Polizei zu gehen. Schließlich könnte der Beamte, dem er einen Mord melden will, für jene arbeiten, die für die Tat verantwortlich sind. Von allen Problemen, die es hier gebe, seien die Polizisten das größte, zitiert die Autorin eine Ticketverkäuferin. Die Grenzen verwischen. Wie die Söldner der Mafia treten auch Bundespolizisten bei ihren Einsätzen so auf, dass keiner sie erkennt: ihre Fahrzeuge tragen keine Nummernschilder, ihre Gesichter sind vermummt.

Trotz der kritischen Haltung gegenüber Beamten und Sicherheitskräften, die Erazo Heufelder immer wieder zu hören bekommt, verfällt die Ethnologin nicht in eine Romantisierung der Mafia, etwa weil die Kriminellen einem unfähigen Staat die Stirn bieten oder gelegentlich Straßen, Kindergärten und Schulen finanzieren. Im Gegenteil: „Wir müssen mit den Narcos paktieren“, habe sie so oft gehört, „damit sie uns wenigstens das Leben lassen“. Nüchtern beschreibt sie eine Gesellschaft, in der Kinder als Berufswunsch Drogenboss angeben und Lehrern drohen, ihr Vater sei für das Zeta-Kartell tätig. „Die heutigen Helden mit ihren Schnauzern und Cowboyhüten ahmen nicht mehr Pancho Villa oder Emiliano Zapato nach, sondern die Killermaschinen der Mafia“, bilanziert sie mit Blick auf die historisch bedeutenden maskulinen Vorbilder, die für die Inszenierung mexikanischer Identität eine so große Rolle spielen.

Die Ethnologin schildert eine trostlose, eine perspektivlose Welt. Und dennoch stößt sie auch auf Menschen, die Wege suchen, um an diesen Verhältnissen nicht zu Grunde zu gehen. Zum Beispiel Julian Lebaron. Seit einer seiner Brüder entführt und ein anderer ermordet wurde, kämpft der 36-Jährige für die Aufklärung der Verbrechen. „Es waren die üblichen Verdächtigen aus der Gegend. Allerorts bekannte Handlanger der Narcos.“ Die Täter sind bis heute auf freiem Fuß. Lebaron ist trotzdem zuversichtlich. „Die Mexikaner haben die politische Klasse abgeschrieben“, sagt er. „Vielleicht ist jetzt die Zeit reif für eine echte Zivilgesellschaft.“ Das mag angesichts der Verhältnisse nach Zweckoptimismus klingen, eine Alternative aber haben die Mexikanerinnen und Mexikaner tatsächlich nicht.

Jeanette Erazo Heufelder – Drogenkorridor Mexiko. Transit-Verlag, 240 Seiten.


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