NAHRUNGSMITTELAUTONOMIE: Eigene Ressourcen

Interview mit Henry Saragih, Generalsekretär des internationalen Bauernverbandes „La Via Campesina“.

Henry Saragih

Das Hauptanliegen von „Via Campesina“ ist die Nahrungsmittelautonomie. Was meint der Begriff?

„Nahrungsmittelautonomie ist ein Grundrecht. Alle sollten die Möglichkeit haben, eine Politik zu machen, die ihren lokalen Lebensmittelmarkt schützt. Das heißt für die Kleinbauern, dass sie ihre eigene Nahrung herstellen und auf ihre Ressourcen zurückgreifen. Sie haben ein Recht auf einen fairen Preis auf ihrem nationalen Markt. Eigentlich meint es, dass wir ein Recht darauf haben, unsere eigene Nahrung herzustellen, und darauf, unsere Ressourcen selbst zu nutzen.“ 

Was macht „Via Campesina“, um die Autonomie von Kleinbauern zu stärken und diese vor dem Zugriff der Industrie zu schützen?

„Wir fordern die Regierung auf, den nationalen Markt gegen die Übergriffe der internationalen Märkte abzuschirmen. Zweitens schlagen wir den Regierungen ein autonomes landwirtschaftliches Modell vor.“

In welchen Ländern herrscht aus Ihrer Sicht zurzeit akut Handlungsbedarf?

„Wir haben keine Priorität. Wir beschränken uns auch nicht auf die Entwicklungsländer, sondern nehmen auch und gerade den Norden in den Blick. Das Nahrungsmittelproblem betrifft ja gerade die westlichen Staaten. Japan zum Beispiel konsumiert dreimal mehr Nahrung, als es produzieren kann. Das heißt, die Japaner essen letztlich, das was arme Leute, etwa in Indonesien, erzeugen. Zugleich vernachlässigen die reichen Industrie-Nationen ihren eigenen Agrarsektor oder stellen sogar die Produktion von Nahrungsmitteln zugunsten der Industrie ganz ein. Sodass der Norden im Grunde auf den Süden und dessen Landwirtschaft und Rohstoffe angewiesen ist. Deswegen wächst die Anzahl unserer Mitglieder auch in den westlichen Industrienationen.“

Laut Food and Agriculture Organisation werden 70% der Nahrungsmittel weltweit von Frauen hergestellt. Doch in vielen Ländern in Asien, Lateinamerika und Afrika sind gerade Frauen noch immer marginalisiert. Wie stärken Sie die Frauen?

„Deswegen ist die Rolle der Frau uns ja auch so wichtig. In unserer Organisation sind mindestens 50% Frauen, und auf internationaler Ebene haben wir zahlreiche Frauen mit Führungsposten besetzt. Die Partizipation von Frauen innerhalb unserer Organisation hat Priorität. Wir wissen, dass Frauen weltweit am härtesten von den Privatisierungen betroffen sind.“

Sie machen gewissermaßen Lobbyarbeit für die UN. Was hat „Via Campesina“ seit seiner Gründung erreicht?

„Wir haben das Konzept der Nahrungsmittelautonomie in die UN-Institutionen getragen, sodass es mittlerweile in vielen Ländern ein Hauptanliegen geworden ist. Zum Beispiel in Bolivien. Dort wurde die Nahrungsmittelautonomie vor Kurzem in der Verfassung verankert. Auch die UN strebt danach, sie institutionell abzusichern. Der Prozess ist in Gang gekommen, das Menschenrechtskomitee in Genf befasst sich damit. Und letztlich macht das agro-ökonomische Modell zum Beispiel in Kuba oder in Zimbabwe Schule bei den Bemühungen, die Industrieproduktion zu ersetzen.“


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