KREATIV-WIRTSCHAFT: Traumfabrik für Differdingen

Das Projekt 1535°C soll den Imagewandel der drittgrößten Stadt im Land beflügeln. Auf einem Teil des Geländes der Stahlindustrie wird Kreativen aller Sparten kostengünstig Raum angeboten. Ein visionäres Projekt, das nicht ohne Risiken ist.

Wird das 1535˚C ein Knotenpunkt der Kreativ-Wirtschaft?

Man muss aus der Not eine Tugend machen. So kann man, wenn man will, das Projekt „Kreativ-Fabrik“ betrachten, das seit Kurzem den Namen „1535°C“ trägt – angelehnt an die Fusionstemperatur des Stahls. Die Not besteht darin, dass die Stahlindustrie langsam, aber sicher den Bach runtergeht. Die Tugend erwächst aus einer erfolgreichen Umwidmung der Standorte, wie im deutschen Ruhrgebiet, wo die industriellen Brachen teilweise umfunktioniert wurden in Schauplätze der Kunst. Man kann aber auch triumphierend die Wiedergewinnung der Stahlindustrie ausrufen: Der Staat holt sich dann die Stahlindustrie aus der viel gescholtenen Privatisierung zurück. Oder zumindest das, was vom einstigen Tafelsilber übrig geblieben ist: So wurde das Areal im Viertel Fousbann, rund 1,7 Hektar, auf dem das Projekt „1535°C“ gerade entsteht, von der Stadt Differdingen immerhin für 30 Jahre für 900.000 Euro von Arcelor Mittal gepachtet und damit ein Stück weit zurückerobert. „Der Pachtvertrag ermöglicht es uns, das Projekt erstmal über 30 Jahre zu entwickeln und wachsen zu lassen,“ meint Bürgermeister Claude Meisch, der nicht wirklich damit rechnet, dass Eigentümer Arcelor Mittal das Gelände in ferner Zukunft noch einmal für sich beanspruchen wird. In jedem Fall seien die Renovierungskosten gut investiert. Sollte nach 30 Jahren Interesse an einem Ankauf bestehen, habe Differdingen ein Vorkaufsrecht.

Doch trotz der Ähnlichkeit mit anderen umgewidmeten Industriestandorten: „1535°C – the burning network for creative people“ – so das von einer Agentur entworfene „Corporate Design“ – ist kein gewöhnliches Projekt: Die Idee, die „Kreativwirtschaft“ gerade hier in den südlichsten, verarmten Zipfel des Landes zu locken, ist ein ambitioniertes Vorhaben. Bislang gilt Differdingen nicht gerade als sexy, es kämpft mit den Folgen des Niedergangs der Stahlindustrie, die Arbeitslosigkeit wächst stetig und fast die Hälfte der Bevölkerung, überwiegend Portugiesen, partizipiert bisher nur bedingt am kulturellen Angebot.

Knotenpunkt für Kreativwirtschaft

Auf einer Fläche von rund 16.000 m2 sollen künftig Ateliers, Werkstätten, Lehr- und Proberäume entstehen, die neben Arbeitsplätzen auch dem Imagewandel dienen sollen. Seit Beginn dieses Jahres wurde mit den Renovierungsarbeiten am ersten Teil der Gebäude begonnen. Das Areal mit einer Fläche von 6.500 m2 soll im kommenden September seine Tore öffnen. Es enthält 20 Kreativräume und ein Fortbildungszentrum.

Der Ansatz klingt zunächst vielversprechend, mutet großstädtisch an und müsste Künstlerherzen höher schlagen lassen, soll hier doch Raum für kreativ Schaffende zur Verfügung gestellt werden. Noch dazu: bezahlbarer Raum! Bei den hohen Mieten in Luxemburg ein Traum. Einerseits ist der Austausch zwischen KünstlerInnen und GestalterInnen das Ziel, andererseits soll keine homogene Enklave entstehen: „Wir glauben, dass soziale Mischung eine Dynamik auslösen wird und genau diese Dynamik das Projekt von innen heraus wachsen lässt“, meint Projektmanagerin Tania Brugnoni.

Sie sieht in dem Vorhaben auch ein selbstbewusstes Bekenntnis zum kulturellen Erbe eines der größten Industriestandorte Luxemburgs. Der Charme des ehemaligen „Arbed“-Werksgeländes soll erhalten bleiben. Umfassende Renovierungen sind zwar geplant, doch war die Denkmalpflege den Machern bei der architektonischen Intervention von Anfang an wichtig. „Keine Plastikfenster!“ sagt Tania Burgnoni, die ausgebildete Restauratorin ist: „Wir wollen, dass dieses Projekt seinen industriellen Charakter der Fünfzigerjahre behält.“ Eine „luxemburgische Restaurierung“ ? alles herausreißen und wieder „schön“ machen ? komme nicht in Frage. Mit dem Architektenbüro „Carvalhoarchitects“ habe man da einen guten Fang gemacht, so Brugnoni.

Erhalt des industriellen Charakters

Zugleich soll 1535°C sehr modern werden: Nachhaltigkeit ist der Anspruch, wiewohl schwer umzusetzen. Vom energetischen Aspekt her seien die Gebäude als Arbeitsräume nicht ideal. Die Fenster sind nicht isoliert, dadurch ist es relativ kalt. Geheizt werden soll mit CO2-neutralen Holzpellets, akustische oder klimatische Verbesserungen könnten zum Beispiel auch mit Kork herbeigeführt werden. Dieser bilde einen schönen Kontrast zum Stahl und setze sich markant von der Originalkonstruktion ab, meint Brugnoni.

Eher skeptisch in puncto ökologische Nachhaltigkeit zeigt sich Gary Diderich, der für déi Lénk im Gemeinderat Differdingens sitzt. Er sieht vor allem hohe Heiz- und Energiekosten auf die Gemeinde zukommen. „Es ist ja noch immer ein altes Gebäude, das für diese Art der Nutzung überhaupt nicht beschaffen ist“, gibt Diderich zu bedenken. Er will in jedem Fall ausloten, inwiefern sich das Projekt noch ökologischer gestalten ließe und ob es Sinn mache, auf dem Dach des Werksgebäudes Solarzellen anzubringen.

Industrieästhetik und Nachhaltigkeit hin oder her ? zuallererst soll die „Kreativfabrik“ natürlich Arbeitsplätze und die Dienstleistungsbranche nach Differdingen bringen. Anders als Projekte wie das deutsche „Ruhr 2010“ oder Belval sollen die Flächen deshalb nicht allein als Ausstellungsfläche dienen, sondern weiterhin produktiv genutzt werden. Vielfältig ist die Bandbreite derjenigen, die das 1535°C mit Leben füllen sollen. Geplant sind Handwerksbetriebe, eine Schreinerei, die aus dem Bestand von Arcelor Mittal übernommen wird, Ateliers für Bildhauer, Fotostudios, Graphikdesign-Studios und eine Brasserie. Bezweckt sei eine „ökonomische Verflechtung“ aus selbstständigen Gestaltern, Kleinst- und Kleinunternehmen. „Innovatives Cluster“ nennt sich das in der Marketingsprache der Wirtschaftsförderung: „Mit diesem Knotenpunkt für Aktivitäten setzt Differdingen auf die Kultur als Vektor der wirtschaftlichen Entwicklung“, heißt es in der das Projekt bewerbenden Pressemappe.

Synergieeffekte nutzen

Legt man ein sehr breites Verständnis von „Kreativ-Wirtschaft“ zugrunde, so ist es nur kohärent, dass auch Medien und damit kommerzielle Anbieter und Unternehmen ins 1535°C einziehen werden. Hier sind die Planungen schon sehr konkret: 800m2 umfasst die Fläche, die dem Medienhaus Editpress bereits zugesichert wurde. Dessen erfolgreiche Gratiszeitung „L’essentiel“, die 2011 mit einer täglichen Auflage von 100.000 Exemplaren 30 Prozent der in Luxemburg ansässigen Bevölkerung sowie GrenzgängerInnen erreichte, wird einen Teil des gerade renovierten Gebäudes beziehen. Mit Ausnahme des kommunistischen Gemeinderats Ali Ruckert, der in der letzten Ratssitzung die Beteiligung ausländischer Investoren anprangerte, leuchtet der Mehrwert, den das 1535°C durch die Medienbranche erhält, offenbar den meisten ein. Da das angemietete Areal relativ groß sei, ist man selbst bei der Linken nicht kategorisch dagegen. „Immerhin werden damit Arbeitsplätze in Differdingen geschaffen und nicht delokalisiert“, meint Diderich.

Fass ohne Boden?

Direktorin Tanja Burgnoni sieht in der kommerziell orientierten Vermietung an Unternehmen ganz schlicht die Möglichkeit, die Preise für Künstler fair zu gestalten. Nicht mehr als 6,- Euro pro m2 ist ihre Vorstellung. Daneben sehen die Macher in der Ansiedlung der Medienbranche die Chance von Synergien. Ein Künstler, der sein Atelier neu beziehe und noch unbekannt sei, bekomme so gewiss auch seinen Artikel im L’essentiel. Insgesamt erhofft man sich einen Qualitätsschub durch den Einzug marktgängiger Kunstschaffender. Vor allem wolle man Akteure anziehen, die einen professionellen Anspruch haben, meint Bürgermeister Claude Meisch. „Brotlose“ Kunst von Alternativen dürfte sich im 1535°C somit eher weniger ausleben. Dennoch sollen mehr als 50 Prozent der Gesamtfläche für Ateliers verbleiben und nicht nur große Unternehmen angeworben werden. „Das wäre sicher nicht im Sinne des Projekts“, so Meisch.

Doch ist das Projekt 1535°C für Differdingen auf Dauer finanzierbar, werden die großen Pläne in der Realität Bestand haben? „Das Projekt wird riesige Mengen an Geld verschlingen allein durch die Instandsetzung“, befürchtet Gary Diderich. Er beklagt, dass bislang weder ein Gesamtbudget noch eine Kosten- und Wirtschaftlichkeitskalkulation für die Zukunft existiert. Aus dem Finanzplan der Gemeinde schließt er, dass jährlich mindestens 300.000 Euro investiert werden müssten. Bürgermeister Meisch ist hingegen optimistisch. Sobald man die Räume im ersten Gebäude vermiete, werde sich für die Stadt eher ein Plusgeschäft ergeben, ist er sich sicher. Mittelfristig werde sich das Projekt also von selbst tragen, kämen die Mieter selbst für ihre Nebenkosten auf. Noch stemmt die Gemeinde das Projekt vollständig aus eigenen Mitteln. Eine Co-Finanzierung für einzelne Projekte ist bei den Ministerien bislang daran gescheitert, dass nicht klar ist, in wessen Zuständigkeit die Kreativwirtschaft fällt.

Wie „soziale Mischung“ erreichen?

Natürlich gebe es Risikofaktoren, doch habe man sich verschiedene Projekte im Ausland angeschaut, erzählt Brugnoni. Besonders ein Projekt in Lissabon fand sie wegweisend. In „LX Factory“ habe sie die Mischung vorgefunden, die man auch in Differdingen anstrebe. Vom bildenden Künstler bis zur Graphikagentur, aber auch Presse sei dort angesiedelt. Von Anbeginn der Projektplanung habe man sich auch in Differdingen die Frage gestellt, was man tun könne, damit eine Interaktion mit der lokalen Bevölkerung stattfindet. Deshalb habe man beispielsweise darauf bestanden, dass in das Gebäude 01 des 1535°C auch ein Teil des Fortbildungszentrums integriert wird, wo Sprachkurse stattfinden sollen. Und Brugnoni hofft, dass auch die Großmütter aus dem Fousbann irgendwann in dem geplanten Brasserie ihren Kaffee trinken.

Dass tatsächlich Bedarf nach Kunsträumen besteht, hat sich in den letzten Jahren immer wieder erwiesen. Als man 2007 in Differdingen Künstlerateliers zur Verfügung stellte, war die Gemeinde überwältigt von der Nachfrage. Die Liste der Künstler, die einen Proberaum angefragt haben, sei lang, bestätigt die Projektmanagerin.

Damit das 1535°C nicht das selbe Schicksal wie andere Kultureinrichtungen der Minette ereilt, die zwar ein tolles Mehrspartenprogramm bieten, jedoch ihr Dasein als leere Häuser fristen, dürfte nicht zuletzt die Einbindung der lokalen Bevölkerung entscheidend sein. Letztlich bedarf gerade eine Kreativfabrik engagierter Menschen vor Ort, die sie mit Leben füllen. Es braucht eigenständig wirkende Personen, die an das Projekt glauben und sich ihm mit Leib und Seele verschrieben haben. So wie Tania Brugnoni. Die Restauratorin weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, als freischaffende Künstlerin bezahlbaren Raum für Kunst zu suchen.

Ob es Differdingen gelingt, das marode Image der Arbeiterstadt gegen das Milieu der urbanen Mittelschicht in „Kreativjobs“ oder „irgendwas mit Medien“ zu tauschen, wird also erst die Zukunft zeigen. Noch scheint das Projekt sehr ambitioniert und stark von der Hoffnung auf Anschub von außen getrieben. Oft sind solche Erwartungen auf einen Strukturwandel nicht aufgegangen, auch das deutsche Ruhrgebiet ist trotz aller Kulturanstrengungen letztlich arm geblieben. Ohne soziale Einbindung und Träger dürfte ein solches Großprojekt dauerhaft schlechte Karten haben. Vielleicht wird das 1535°C aber auch eine erste Keimzelle, eine kreative Anlaufstelle für KünstlerInnen im ganzen Land. Dass sie bezahlbaren Raum zum Wirken erhalten, ist Tania Brugnonis größtes Anliegen: „Im Grunde ist es ja eine Art Mäzenatentum, was wir hier machen.“


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