Portrait: Von Kommunikation und Kommunismus

Sie kann gut organisieren, mag Diskussionen, hatte Chaos auf ihrem Schreibtisch. Er schreibt gerne, mag echte Emotionen, Momentaufnahmen und seine Gitarre. Beide verbindet der Kulturteil der woxx – als scheidende und kommende KulturredakteurInnen.

Er kommt, Sie geht – Germain Kerschen ersetzt die scheidende Kulturredakteurin Bibine Schulze in der woxx.

Photo: Christian Mosar

Dieses Mal ist alles anders. Statt wie sonst zum Nachmittagscappuchino ins schnuckelige Café um die Ecke zu schlendern, gehen wir in ein Bistro in Richtung Grund. Zum gemeinsamen Interview. Denn nach über neun Jahren verlässt Kulturredakteurin Sabine Schulze, meist nur Bibine genannt, die woxx. Warum? Und: Wie wird sich das auf den Kulturteil der woxx auswirken?

„Ich habe bis zuletzt gerne bei der woxx gearbeitet, doch jetzt will ich neue Leute kennen lernen, andere Sachen machen“, sagt Bibine und nippt nachdenklich an ihrem Wasserglas. Man sieht es der gebürtigen Deutschen an: Der Abschied fällt ihr nicht leicht. Sie war – gemeinsam mit einer kleinen „Kultur-AG“ – maßgeblich daran beteiligt, dem Kulturteil der Wochenzeitung, damals trug sie noch den Namen „GréngeSpoun“, Leben einzuhauchen. Täglich mit den freien MitarbeiterInnen reden, neue Themen finden, Texte überarbeiten – all das sei nicht irgendeine Arbeit gewesen, betont die 30jährige ernst, sondern „eine Lebenseinstellung“. Tatsächlich ist angesichts des eher mickrigen woxx-Einheitsgehalts bei diesem Job eine Portion Idealismus gefragt. Dass es Bibine daran nicht mangelt, bewies sie täglich: Selbst im schlimmsten (eigenen) Schreibtischchaos, zwischen unzähligen Terminen, manchmal nicht ganz gelungenen Texten und kollabierendem Layout behielt sie die Nerven. Das ging freilich oft nicht ohne Überstunden, denn auch für die Kulturarbeit gilt das, was allgemein üblich: Nachrichten und Termine gibt es nicht nur zwischen neun Uhr morgens und sechs Uhr abends. Im Gegenteil: Die Recherche beginnt oft dort, wo bei anderen die Freizeit anfängt, im Kino, im Theater, bei Konzerten.

„Das aber ist auch genau der Reiz an der Sache“. Nach einem kräftigen Schluck Bier und einer selbst gedrehten Zigarette klinkt sich Germain Kerschen ins Gespräch ein. „Für mich war das schon immer eine Art Traumjob“, erklärt der angehende Kulturredakteur. Die „traurige Tatsache“, seine Kollegin gehen lassen zu müssen, gibt dem ehemaligen Politikredakteur die Gelegenheit, „endlich in das Ressort zu rücken, das mir am meisten liegt“. Schon als Teenager wollte Germain, der in seiner Freizeit in der luxemburgischen Band „The Astronoids“ Gitarre spielt und auch singt, Kritiken über Musik schreiben. „Ich habe angefangen, Gitarre zu spielen, damit mir später keiner vorwerfen konnte, keine Ahnung von Rockmusik zu haben.“ Von seiner Musikleidenschaft zeugt nicht nur das eigene Engagement, sondern auch eine CD-Sammlung, die sich sehen lassen kann. Internationale Größen, hauptsächlich aus der Independentszene, finden sich dort, aber auch Bands aus Luxemburg.

Jung und luxemburgisch zuerst?

„Die Luxemburger Szene muss noch bekannter werden“, das ist das zentrale Anliegen, welches Kulturredakteur Germain in den kommenden Jahren verfolgen will. Das gelte, beruhigt er lachend, aber nicht nur für die Musikbranche. Auch der Film und das Theater haben es dem gelernten Kommunikations- und Informationswissenschaftler mit Schwerpunkt Film ziemlich angetan. Allerdings nicht so sehr die großen Akteure. „Die Kulturpolitik hierzulande mag am liebsten prestigeträchtige Sachen, zumeist aus dem Ausland. Die Luxemburger Kultur kommt dabei oft zu kurz“, darin sind sich Germain und Bibine einig. Allerdings: Dass luxemburgische Kultur oft vor Grenzen nicht Halt macht, „auf der Kreuzung zwischen anderen Kulturen liegt“, ist den beiden ebenfalls klar.

„Die hiesige Kulturförderung setzt eher beim Namen an, als bei den jeweiligen Projekten“, kritisiert Germain Kerschen weiter. Die Kulturpolitik zeichne sich nach wie vor allem durch einen Stil aus: „Sie ist konservativ wie die CSV.“

Dass dabei vor allem die junge Generation häufig das Nachsehen hat, zeigt der nationale Veranstaltungskalender. „Aktionen wie die „Karawane“ von vor zwei Jahren, bei der Jugendliche aktiv Kunst mitgestalten konnten, sind hierzulande eine Seltenheit“, sagt Bibine. Kultur für Jugendliche beschränke sich in Luxemburg in der Regel auf Konzerte oder Parties. Es sei noch nicht lange her, da waren selbst diese rar.

Junge KünstlerInnen zu erreichen, vom Mainstream vernachlässigte kulturelle Aktivitäten kritisch zu begleiten, ist das Ziel der Kulturredaktion der woxx. Doch die Umsetzung fällt nicht ganz leicht. Denn nicht nur die Zeit, sondern auch die Ressourcen sind knapp, davon kann Bibine ein Lied singen.

„Entweder aus Zeit- oder aus Platzgründen konnte ich vieles, was ich gerne gemacht hätte, nicht realisieren. Außerdem war es nicht leicht, Leute zu finden, die so schreiben, wie wir es gerne hätten“, beschreibt die scheidende Redakteurin ein typisches Dilemma. Die fetzige und kritische Schreibe, mit der die „andere Wochenzeitung“ sich von der Konkurrenz abheben will, ist nicht immer leicht zu finden. Auch bei der Auswahl der Themen werden in der woxx-Kulturredaktion hohe Ansprüche gestellt: Unkonventionelles statt Mainstream, Neues statt Altbekanntes, Kritisches statt Gefälliges.

Aber einfach nur über bunte Kühe oder goldene Frauen herziehen, ist ebenfalls weder Sache der alten, noch des neuen Kulturredakteurs. „Kritik muss konstruktiv und fundiert sein“, definiert Bibine die Aufgabe von KulturjournalistInnen nach einer Denkpause. Germain präzisiert: „Man muss nicht immer die totale Ahnung vom Sujet haben. Es geht vielmehr darum, Kunst in einfachen Worten zu vermitteln.“ Er bevorzugt „Momentaufnahmen mit echten Emotionen“ gegenüber „extrem intellektuellen Ausführungen“. Diesen, wie er grinsend sagt, „vielleicht zu kommunistischen Ansatz“, wird man in Zukunft übrigens vermehrt auf den Kulturseiten finden: Germain will den geliebten Griffel auch in der Kulturredaktion nicht aus der Hand geben. Auch auf Pressekonferenzen, obwohl „wegen mangelndem Informationswert“ nicht besonders beliebt, werde er, kündigt der 31jährige optimistisch an, öfters zu sehen sein. Zeitlich steht er besser da als seine Vorgängerin. Mit frischen Wind in der Kulturredaktion werden auch andere Zuständigkeiten neu verteilt: Der neue Redakteur wurde von Layoutarbeit befreit. So bleibt die Hoffnung, dass ohne Layout der neue Kulturredakteur seine Ideen konzentrierter in die Tat umsetzen kann.

Ines Kurschat


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