UNIVERSITÄT: Selektiv statt kollektiv

Am Samstag feiert die Luxemburger Universität ihr zehnjähriges Bestehen. Für viele Protagonisten eine Success-Story. Doch nicht alle sind zum Feiern aufgelegt.

Nach außen hui, nach innen pfui? Im Gegensatz zum Rektorat zieht die Personaldelegation der Uni Luxemburg eine eher ernüchternde Jubiläums-Bilanz.

Immer wenn in Luxemburg Institutionen, Vereine oder gar Wirtschaftsbetriebe einen runden Geburtstag feiern, wird zur akademischen Sitzung geladen. Aber im eigentlichen Sinne des Wortes „akademisch“ wird die Feier am Samstagvormittag im hauptstädtischen Cercle sein. Eine Woche vor den Chamberwahlen gibt sich dort das Luxemburger „Who is Who“ im Beisein des großherzoglichen Paares ein Stelldichein, das mit einem Gastvortrag des Generaldirektors des Nobelpreisstiftung, Lars Heikensten, geehrt wird.

Für Essen und Trinken wird gesorgt werden. Und für gute Stimmung, denn pünktlich zur zehnjährigen Jubiläumsfeier konnte eine repräsentative Umfrage der TNS-Ilres fertiggestellt werden, die der Universität Luxemburg Bestnoten bei der lokalen Bevölkerung bescheinigt. Immerhin 98 Prozent der 1027 Befragten geben an, die Universität Luxemburg zu kennen, und fast zwei Drittel haben in irgendeiner Form bereits einen direkten oder indirekten Kontakt mit der Universität gehabt. „Die Universität ist in der Gesellschaft des Landes angekommen“, titelt die Uni-Pressestelle unter Verweis auf die 81 Prozent der Befragten, die finden, die Universität sei eine „gute Sache für Luxemburg“. Vor zehn Jahren hatte eine ähnliche Umfrage nur 53 Prozent Zustimmung gemessen.

Als Rektor Rolf Tarrach und Vizerektor Eric Tschirhart Mitte der Woche die Ergebnisse der Umfrage vorstellten, zeigten sie sich sehr angetan von der hohen Akzeptanz, die die Universität innerhalb nur eines Jahrzehnts bei der Bevölkerung erreicht habe. Und sogar das sakrosankte Prinzip, wonach LuxemburgerInnen besser daran täten, zum Studieren ins Ausland zu gehen, scheint nicht mehr allgemein zu gelten – nur 37 Prozent der Befragten hielten das noch für unbedingt empfehlenswert.

Anlässlich des erwähnten Pressetermins gab sich Rektor Tarrach auch wieder etwas optimistischer hinsichtlich des für September geplanten Umzugs nach Belval. Die noch anfangs der vergangenen Woche geäußerten Bedenken, die Verkabelung und Einrichtung der Gebäude würden zum Einzugstermin noch nicht abgeschlossen sein (siehe woxx 1235), scheinen durch ein Schreiben der zuständigen Ministerin ausgeräumt. „C’est réglé“, meint dazu gegenüber der woxx Vizerektor Tschirhart. Es haben sich also in den letzten Tagen Gelder außerhalb der normalen Uni-Dotierung auftreiben lassen, mit denen die plötzlich entstandene Finanzierungslücke geschlossen werden kann.

Als weiteren positiven Entwicklungsschritt sieht das Rektorat der Universität die Schaffung einer Universitätsstiftung, die es vor allem erlauben soll, Drittmittel für Lehre und Forschung einzuwerben. Bislang werden rund zwanzig Prozent des Uni-Haushalts durch Drittmittel – vor allem des Fonds national de la recherche und anderer öffentlicher nationaler und europäischer Quellen, aber auch der Privatwirtschaft – bestritten. Dieser Anteil sollte in den nächsten vier bis fünf Jahren auf vielleicht ein Drittel anwachsen, so Rolf Tarrach auf Nachfrage der woxx. Doch dann sollte Schluss sein, denn eine zu starke Abhängigkeit von Drittmitteln brächte das Ziel einer größeren Autonomie der Universität in Gefahr.

Obwohl es eine Zusage der Politik gibt, auch in den nächsten Jahren die öffentlichen Zuwendungen an die Universität deutlich über der Inflationsrate zu halten und so die weitere Entwicklung zu sichern, will Tarrach die Finanzierungsbasis der Uni weiter festigen. Da – anders als im angelsächsischen Raum – die europäischen Unis keine Stiftungsunis sind, die über hohe eigene Einlagen verfügen, aus deren Zinsen die laufenden Aktivitäten zu großen Teilen finanziert werden, sind sie in hohem Maße auf Steuergelder angewiesen. Sollte diese Quelle einmal weniger stark sprudeln, könnte auch eine Erhöhung der Studiengebühren notwendig werden. Auch hier kann sich Tarrach einen Hinweis auf die Verhältnisse in Großbritannien nicht verkneifen: Dort liegen die Einschreibgebühren bei rund 9.000 Pfund.

Ohne Kollektivvertrag

Wahrhaft angelsächsisch ist sowohl Tarrachs als auch Tschirharts Verständnis der Uni-Leitung. Schon bei den Diskussionen zur Reform des Universitätsgesetzes, die wegen des Abgang von Hochschulminister Fränz Biltgen und der Neuwahlen etwas ins Stocken geraten sind, wehrte sich Tarrach gegen eine zu starke Rolle des Universitätsrats. Dass im neuen Gesetz der Rektor nicht auch automatisch Vorsitzender dieses Gremiums ist, hatte auf einer Pressekonferenz im Frühjahr 2013 zu einer offenen Kontroverse zwischen Tarrach und Biltgen geführt (siehe woxx 1207).

Tschirhart, der anders als der kurz vor der Pensionierung stehende Tarrach, mit dem neuen Gesetz wird leben müssen, begrüßt gegenüber der woxx die gestärkte Rolle des Universitätsrats. Dieses Gremium, das mit Delegierten aus allen Bereichen der Uni besetzt ist, müsse allerdings seine Arbeit intensiver gestalten als sein Vorgänger. Die in einer externen Evaluierung bemängelte Geringschätzung, über die die Ratsmitglieder klagten, sei nicht einfach durch eine Reform zu beseitigen. Und, so Tschirhat, seine Rolle bleibt weiterhin konsultativ, das heißt, die finalen Entscheidungen fallen im Rektorat und in dem ihm vorstehenden Weisungsgremium, dem Conseil de gouvernance.

Tschirhart räumt ein, dass es an der Luxemburger Universität MitarbeiterInnen gibt, die aus sehr unterschiedlichen universitären Traditionen stammen. Das angelsächsische Modell einer von oben dirigierten Universität sei vielen, die von eher demokratisch geführten Universitäten kommen, ungewohnt. Der spezielle Mix aus ernannten Rektoren und von den Professoren gewählten Fakultäts-Dekanen lässt sich in der Tat auf unterschiedliche Weise interpretieren. Dabei ist es nicht einmal klar, ob das angelsächsische Modell vom Gesetzgeber tatsächlich in dieser Form gewollt war, oder ob es vielleicht nur wegen eines schludrig durchgeführten Gesetzgebungsverfahrens dort hineingerutscht ist, sodass es in der jetzt vorliegenden Reform auch wieder – zumindest teilweise – ersetzt werden könnte.

Wie sehr die Ansichten auch innerhalb der Universität hier auseinandergehen, zeigt der Bericht der Personaldelegation, der am Donnerstag anlässlich einer Generalversammlung zur Diskussion gestellt wurde. Ein Mitglied der Delegation, das nicht genannt werden will, bestätigt gegenüber der woxx die im Bericht mehrfach erwähnte Nichtbeachtung und Geringschätzung. Einige Mitglieder werden sich, nach einer ersten Mandatsperiode von fünf Jahren, nicht mehr zur Wahl stellen, da sie vollkommen demotiviert sind.

Ein Stein des Anstoßes, wenn auch nicht der einzige, ist das Nichtzustandekommen eines Kollektivvertrags. Zwar hebt die Unileitung hervor, dass in den meisten Verhandlungspunkten doch Einigungen erzielt worden seien – etwa in Bezug auf komplizierte Arbeitszeiten  -, doch in Fragen der Besoldung scheint die Diskussion vollends blockiert.

Das Rektorat will einem Kollektivvertrag nur zustimmen, wenn es zu einer neuen „grille tarifaire“ kommt, die die Anfangsgehälter und ihre weitere Entwicklung „modernen und konkurrenzfähigen“ Kriterien unterwirft. Etwas deutlicher wird Rektor Tarrach in einem Schreiben an die Verhandlungsführer des OGBL, wo er à propos der Gehaltsdifferenzen bemerkt: „Certaines catégories ont des salaires ridiculement hauts, typiques d’une certaine irresponsabilité financière, impossibles à justifier devant des professeurs et recteurs même des pays comme la Suisse, les Etats-Unis, la Suède, la Finlande, l’Australie, le Canada ou les Pays-Bas. D’autres ne sont pas assez élevés, ce qui nous rend peu compétitif.“

Der Vizerektor, der die Verhandlungen für das Unirektorat führt, verteidigt gegenüber der woxx die Absicht, im Rahmen der Uni-Autonomie die Besoldungstabelle nach oben offen zu halten. Angesichts des Konkurrenzkampfs zwischen den Hochschulen sei es wichtig, die besten Leute nach Luxemburg holen und sie zum Bleiben motivieren zu können. Die von Tarrach erwähnte Überbezahlung einiger Stelleninhaber will Tschirhart nicht zu sehr überbewerten. Es handele sich um einige wenige Personen, die sich zumeist am Ende ihrer Karriere befänden.

Es bleibt ein grundsätzlicher Konflikt zwischen einem auf Flexibilität ausgelegten privatwirtschaftlichen Modell und dem Prinzip einer gesetzlich geregelten Besoldung, wie sie im staatlichen Dienst vorgesehen ist. Die Gewerkschaften beklagen, dass das Rektorat die Einsicht in die bislang geltenden Tabellen verwehrt. Das Hochschulministerium gab sich anlässlich einer Unterredung im September erstaunt darüber, dass die Personaldelegation die Gehältertarife nicht kennt, meinte aber auch, es sei, bei der herrschenden Universitäts-Autonomie, nicht Aufgabe des Ministeriums, diese offenzulegen.

Einer daraufhin erfolgten Anfrage der Kollektivvertragsverhandlungsdelegation erteilte der Rektor die bereits erwähnte schriftliche Absage: Er verhandele nur mit Gesprächspartnern, die kreativ und offen sind, darüberhinaus müssten sie entscheidungsfähig und verantwortlich im Sinne der Universität handeln. Die Delegation verhalte sich aber rein syndikalistisch, und deshalb seien die Bedingungen für einen vollen Informationsaustausch nicht gegeben.

Ob allerdings die Gewerkschaft, und damit die Uni-Personaldelegation, die im November neu gewählt wird und dann auch auf zwei hauptamtliche Delegierte zurückgreifen kann, seinen Ansprüchen jemals gerecht werden wird, ist fraglich, denn Tarrach hält sich mit seiner Meinung zur Gewerkschaftsarbeit nicht zurück: „Si les syndicats ne se réveillent pas, s’ils ne commencent pas à contribuer aux solutions des problèmes, je prévois un avenir très sombre pour eux.“


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