MONA YAHIA: „Das Wort Heimat existiert in meinem Wörterbuch nicht“

In ihrem Debütroman „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ hat die jüdische Schriftstellerin Mona Yahia eigene Kindheitserinnerungen verarbeitet. Ein Porträt.

„Wenn ich gefragt werde, erzähle ich meist, dass ich aus Israel komme. Das ist einfacher als die wahre Geschichte.“ Den Satz spricht Mona Yahia, in Bagdad geborene, jüdische Schriftstellerin, die ihren Erstlingsroman „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ demnächst dem Luxemburger Publikum vorstellen wird. Darin beschreibt sie eine jüdische Kindheit in Bagdad – die auch die ihrige sein könnte.

Lina, die irakisch-jüdische Heldin des Romans, wächst in einer relativ gut situierten Familie in Bagdad auf. Unter die Erinnerungen an abenteuerliche Ausflüge zum nahe gelegenen Markt mit seinen bunten Farben und exotischen Gerüchen, an den Schwimmunterricht im Tigris und an das Kindermädchen Bellou, das die besten Kubbas (Hackfleischbällchen) in der ganzen Nachbarschaft backt, mischen sich mit dem Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges immer mehr bedrohliche Ereignisse: Bespitzelungen und Verhaftungen durch die irakische Geheimpolizei, ein Scheinprozess gegen angeblich „zionistische“ jüdische Spione, in deren Verlauf Linas geliebter Schwimmlehrer zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet wird. Auch Linas Bruder Shuli wird verhaftet. Erst drei Jahre später gelingt der Familie die Flucht über die kurdischen Berge (siehe Rezension im „ex libris“ der woxx Nr. 676).

„Das Buch enthält zu 70 Prozent Fiktion, aber ebenso viel davon ist autobiografisch“, erklärt Mona Yahia, die bereits an ihrem zweiten Roman schreibt. Sie selbst emigrierte als 16-Jährige mit ihrer Familie über den Iran nach Israel und hat die Diskriminierung der irakischen Juden nach der Machtergreifung der Baath-Partei hautnah miterlebt. Wenn die fiktive Lina ihrer arabischen Muttersprache den Krieg erklärt, die Worte Heimat und Freiheit aus ihrem Arabisch-Lesebuch tilgt und eine Strategie entwickelt, um die Sprache des Feindes zu verlernen, sich damit symbolisch quasi selbst entwurzelt, dann ähnelt das dem Lebensweg Mona Yahias.

Zu 70-Prozent autobiografisch

„Heimat ist ein Wort, das es in meinem Wörterbuch nicht gibt.“ Die 48-jährige spricht lieber von Dazugehörigkeit – und dieses Gefühl habe sie nur einmal wirklich erlebt: in Israel, in den ersten Jahren nach der Flucht. Eine ganz neue Erfahrung sei das gewesen, mit einem Mal zur Majorität zu gehören, banale Sachen wie das jüdische Neujahrsfest gemeinsam und ganz öffentlich feiern zu können. Kein „Leben mehr als Maus“, wie Linas Bruder Shuli im Roman treffend sein Lebensgefühl als verfolgte Minderheit beschreibt. Schweigen und Stillhalten aus Angst vor Repression.

„Als ich in Tel Aviv zum ersten Mal auf Polizei traf, war ich ruhig, denn dieses Mal waren sie auf meiner Seite“. Mona Yahia meldet sich zum Militärdienst – freiwillig, denn sie fühlt sich in dieser Zeit als „hundertprozentige Israelin“. Das Gefühl ändert sich aber, als sie ihr Studium der Psychologie und des Französischen für einen Aufenthalt in Paris unterbricht. Sie verliebt sich in die Stadt und kehrt, nachdem sie acht Jahre lang in Tel Aviv als Psychologin praktiziert hatte, nach Europa zurück: nach Kassel, um an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren.

Doch auch dort verlässt Mona Yahia das Thema Heimat nicht: „Als ich mit der Kunst anfing, konnte ich mich zunächst gar nicht platzieren“, beschreibt sie ihre Schwierigkeiten, sich als jüdische Künstlerin und Emigrantin selbst zu verorten. Mit dem Fotoapparat in der Hand fährt Yahia nach Dachau, setzt sich in verschiedenen künstlerischen Projekten mit dem Holocaust und der Erinnerung daran auseinander. In einer Schaffenspause ergreift sie erstmalig den Stift – und entdeckt schließlich die Sprache als ihr Medium. Die ersten Gedichte und auch ihren Debütroman (im Original „When the Grey Beetles Took over Baghdad“) schreibt Yahia in Englisch, obwohl sie Hebräisch, Französisch, Deutsch und Arabisch beherrscht – eine Wahl, die sie selbst einmal damit begründete, dass Englisch sie nie verletzt oder im Stich gelassen oder missbraucht habe.

Wendepunkt Flucht

Die Angst vor Missbrauch ist es auch, welche die Autorin bei der Frage nach ihrem Blick auf die aktuelle, politische Situation in ihrem Herkunftsland sehr zurückhaltend werden lässt. Über das heutige Irak will die Wahl-Kölnerin nichts sagen, denn das kennt sie nicht mehr. Damals, als sie das Land verlassen musste, ging sie – wie viele andere – „ganz ohne Trauer“. Ihre FreundInnen und Verwandte waren entweder schon „raus“ oder sie flohen vor der zunehmenden Unterdrückung und Verfolgung in den darauf folgenden Jahren. Von den ehemals 130.000 JüdInnen im Irak zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in den 1960ern nur noch 3.000, ist bei der Lektüre des Buches zu erfahren. Heute gebe es in der arabischen Welt keine Juden mehr, fügt die Schriftstellerin im Gespräch mit der woxx hinzu.

Wie traumatisch die Flucht war, welchen Wendepunkt in der kindlichen Biografie der Bruch mit der ehemaligen Heimat darstellte, drückt sich übrigens auch in Yahias literarischer Herangehensweise aus: Sie schrieb zuerst das letzte Kapitel über die Flucht, „um mich zu vergewissern, dass ich nicht ohne Ziel bin“.

Was zunächst als „private Novelle“ geschrieben wurde, entwickelte sich bald zum umfangreichen Roman mit Niveau. Dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Susanne Aeckerle bleibt die eindringliche, bilderreiche Sprache ein Genuss und selbst die kniffelige Aufgabe, Linas Programm zum Verlernen des Arabischen umzusetzen, gelingt. So gut, dass die Streichungen der Worte mit den Anfangsbuchstaben A, B, C, D und E in den letzten Kapiteln kaum auffallen.

„Die Politik mischt sich immer wieder in mein Leben ein“, stellt Mona Yahia mit Blick auf ihr Leben fest, ein belastendes Schicksal, wie sie selbst sagt. Ursprünglich wollte die Autorin kein politisches Buch schreiben, doch ihr wurde schnell klar, dass „Kindheit nicht privat ist“. Gerade diese Vermischung von historischen, politischen und menschlichen Beobachtungen, sprachlich souverän gelöst bis auf wenige Stellen, an denen die Erzählerin Lina für ein junges Mädchen etwas zu eloquent wirkt, machen ihr Erstlingswerk lesenswert. Und vielleicht lässt sich aus der Lektüre lernen, dass es keine einfachen Antworten gibt – auch heute nicht.

Ines Kurschat

Mona Yahia: „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, 432 Seiten, 22 €.

Am Montag, den 3. Februar um 20 Uhr, wird Mona Yahia gemeinsam mit der Übersetzerin Susanne Aeckerle im Casino – Forum d’art contemporain aus ihrem Buch „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ vorlesen (englisch/deutsch).Hat die Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Minderheit im Irak der
60er Jahre am eigenen Leib erfahren: Mona Yahia, 1954 in Bagdad geboren, emigrierte 1971 mit ihrer Familie nach Israel.

(Foto: Hartmuth Schröder)


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