ENTWICKLUNGSÖKONOMIE: Teller waschen forever?

Anders als der Mainstream suggeriert, sind nicht alle wirtschaftlichen Aktivitäten gleichwertig. Der Ökonom Erik Reinert kämpft mit Witz und Verve gegen Physiokratie und Neoliberalismus.

„Washington, Lincoln, Stalin, Mussolini, …“ – was will uns Erik Reinert mit dieser Auflistung vermitteln? „Nicht alle diese Persönlichkeiten sind mir sympathisch“, sagt er, bevor er in seiner Powerpoint-Präsentation den nächsten Namen herbeiklickt: „Hitler“. Es folgen: „Die skandinavische Sozialdemokratie“ und … „Pinochet“. Damit will der Ökonom gewiss provozieren, aber doch auch darauf aufmerksam machen, dass die Analyse der Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung nicht in erster Linie eine Frage von linker oder rechter Politik ist.

Reinerts Vortrag am vergangenem Mittwoch fand im Rahmen der „Midis de l’Europe“, der von Parlament und EU-Kommission ausgerichteten Veranstaltungsreihe, statt. Diese wurde von der Action Solidarité Tiers Monde mit Unterstützung anderer NGOs organisiert – unter Einschluss von Attac, einem untypischen Partner für die EU-Institutionen. Allerdings ist Erik Reinert auch kein typischer Ökonom: Als Mitbegründer des Netzwerks „The Other Canon“ setzt er sich für eine an der Realität orientierte Wirtschaftswissenschaft ein und nimmt Stellung gegen den kanonischen Liberalismus. Eingeladen wurde er unter anderem wegen seines 2007 erschienenen Buchs mit dem Titel „How Rich Countries Got Rich and Why Poor Countries Stay Poor“.

Zentral seien, so Reinert in seinem Vortrag, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wie das Innovationspotenzial bestimmter Aktivitäten, und die Dynamik steigender Löhne und steigender Produktivität. Begriffe wie Wettbewerbsfähigkeit und Innovation dürfe man nicht losgelöst hiervon benutzen. So führte der Ökonom aus, selbst bei gleichem Lohn seien Aktivitäten wie Tellerwaschen und Bauteile löten nicht vergleichbar im Hinblick auf die wirtschaftlichen Vorbedingungen und Entwicklungspotenziale. Die meisten seiner Beispiele beleuchteten das Nord-Süd-Gefälle, doch warnte Reinert auch vor einer Verarmung, oder sogar Feudalisierung, der EU-Peripherie.

Wachstum verhindern!

Nicht nur mit „Promi“-Namen wusste Reinert zu überraschen, auch seine Ausführungen zu Giovanni Botero und Antonio Serra weckten Interesse. Diese Rennaissance-Ökonomen hatten sich bereits mit den Bedingungen frühindustriellen Wachstums auseinandergesetzt – und mit den negativen Auswirkungen der Finanzwirtschaft. Der Referent brach eine Lanze für Theoretiker wie diese, Ökonomen mit Bodenhaftung, die er den Physiokraten und ihren Nachfolgern, den Liberalen, gegenüberstellte.

Auch in der jetzigen Situation – Finanzkrise und Unterkonsumtion – seien die Erben Ricardos, also die Mainstream-Ökonomisten, unfähig, die exzessive Liberalisierung als Ursache zu erkennen. Deshalb würden in Brüssel und in Frankfurt, dem Sitz der EU-Institutionen und jenem der Zentralbank, Entscheidungen getroffen, welche Wachstum verhinderten statt es zu begünstigen.

Reinerts Ausführungen waren anregend, auch wenn er in der kurzen Zeit und bei der Vielzahl der angeschnittenen Themen nicht ins Detail gehen konnte. Seine Überlegungen regen dazu an, über den Tellerrand der liberalen Ökonomie hinauszuschauen. Doch so, wie er die ökonomischen Entscheidungen der anfangs erwähnten Politikern isoliert betrachtete, stellte er auch die „falschen“ und richtigen Wirtschaftstheorien einander gegenüber, ohne die Frage aufzuwerfen, ob die Ökonomie nicht grundsätzlich nur als Teilaspekt politischer und sozialer Prozesse zu betrachten sei. Wer mehr über Reinerts Theorien wissen will, wird seine Bücher lesen müssen.


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