CENTRE DES ARTS PLURIELS: Von Terroristen und Managern

Politisches Theater ist in Luxemburg eine Seltenheit. Das Cape in Ettelbrück will dies ändern, mit Hilfe aus Österreich.

Nackt und blutig geht es im Cape zu. Und das ist auch gut so.

Warme Stuben im Winter, allgemeine Gemütlichkeit und heiteres Beisammensein. Dazu noch ein paar dorfbekannte Amateure, die eine kleine Komödie zum Besten geben, womöglich noch in einem Dialekt, den man 20 Kilometer weiter kaum verstehen kann – so stellt man sich die Theaterwelt nördlich der Hauptstadt vor.

Dies könnte auch anders sein, meint Ainhoa Achutegui. Wäre sie nicht seit sechs Monaten die künstlerische Leiterin des „Centre des arts pluriels Ed. Juncker“ (Cape), es bliebe wahrscheinlich bei einem Wunschtraum. Doch die zierliche Frau, die den Betrieb recht unverhofft übernahm, nachdem ihr Vorgänger seinen Platz frei machen musste (woxx 859), hat vor, den Blickwinkel ihrer ZuschauerInnen auf die Welt der Kultur zu ändern.

Dazu bedient sie sich erst einmal bei ihr Altbekanntem. Die aus Wien stammende künstlerische Leiterin hat – wie sie selber sagt – die „so ziemlich beste und innovativste Theatertruppe Österreichs“ kurzerhand nach Luxemburg eingeladen. Das Kollektiv „Drama X“ mischt schon seit einigen Jahren die Wiener Theaterszene auf und ist bekannt für seine eigenwilligen Produktionen.

Die Eigenwilligkeit fängt schon damit an, dass die Grundlagen für die Stücke eher unorthodox sind. „Sie erforschen die Autorenschaft als solche – welche Mechanismen stecken dahinter? Wie kann man neu damit umgehen?“, erklärt Achutegui. So haben die WienerInnen bereits Stücke 24-Stunden nonstop aufgeführt oder binnen einer Woche eine ganze Theaterproduktion auf die Beine gestellt. Dies trifft auch auf die beiden Stücke zu, die im Cape aufgeführt werden. Hier dienten zwei aktuelle Dokumentarfilme als Basis. Zwei Regisseure, Ali M. Abdullah und Harald Bosch – auch die Hauptfiguren des Kollektivs – haben die Filme dramaturgisch umgesetzt: „My Life as a Terrorist“ und „Enron, the smartest Guys in the Room“.

Der erste Film und somit auch das erste Stück, das an dem Abend zu sehen sein wird, behandelt das Leben des Ex-RAF-Terroristen Hans Joachim Klein. Klein, war einst Kampfgenosse illustrer Persönlichkeiten wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit in deren Frankfurter Szenetagen. Doch er hat sich nicht in die Politik begeben, sondern wählte den radikalen Weg. Enttäuscht von seinen Mitkämpfern, begibt er sich 1975 nach Wien, um einen Anschlag auf die dort abgehaltene Opec-Konferenz zu verüben. Während der Geiselnahme wird Klein von einem Polizisten angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Er überlebt aber dank des schnellen Einsatzes der Wiener Rettungskräfte.

Der eigene Staat rettet einem Terroristen das Leben, und dies während einer Geiselnahme – das haben viele Österreicher schlecht bis gar nicht verkraftet. Und so hat das Stück in Wien einen kleinen Skandal verursacht. „Dabei ist das Interessante an dem Stück doch, dass Klein sich nicht nur vom Terror distanziert hat, sondern sich von seinen Mitstreitern – auch den Radikalen – ent- und getäuscht fühlt“, so Achutegui. Klein rechnet in dem Film vor allem mit seinen eigenen Illusionen und Verblendungen ab. Ein empfehlenswertes Stück für engagierte Leute also, die auch kritisch mit ihrem eigenen Handeln umgehen können und wollen.

Der zweite Streich behandelt die jüngere amerikanische Geschichte. Der Enron-Skandal, bei dem eine Bande von Managern Tausende Kleinaktionäre abzockte, war, vom 11. September abgesehen – einer der größten Schocks für die amerikanische Öffentlichkeit. „Hier spielt alles aus der Sicht der Manager. Es wird dokumentiert, wie diese Menschen langsam aber sicher in die Illegalität absacken und am Ende alles fallen lassen und die Flucht nach vorn antreten. Sie verstehen ihre eigene Welt nicht mehr“.

Wie politisch engagiertes Theater, das aus der Off-Szene kommt, in einem Land wie Luxemburg und dazu noch in einer ländlichen Stadt wie Ettelbrück Fuß fassen soll, vermag auch Achutegui nicht zu sagen. „Aber, wenn man es nicht versucht, kommt man auch nirgendwo hin“, meint sie. Hauptproblem sei nach wie vor, Jugendliche und Immigranten in das Kulturhaus zu locken. Gleichzeitig betont sie, dass sie immer noch das Programm ihres Vorgängers abwickle, also nur die Hälfte der momentanen Produktionen des Cape auf ihr Konto gehe. „Ich will mich aber in den nächsten Jahren stärker in der jetzt eingeschlagenen Richtung engagieren. Für die kommende Saison will ich versuchen, auch politische Stücke für Kinder und Jugendliche an Land zu ziehen. Denn die sind noch seltener als jene für Erwachsene. Mit Ausnahme einiger Aufführungen des „Traffo“-Festivals in den Rotunden habe ich in Luxemburg noch keine gesehen“, erklärt Achutegui. Sie genießt den vollen Rückhalt ihrer Arbeitgeber, was in der luxemburgischen Kulturlandschaft die Ausnahme ist. „Man hat mich ja nicht umsonst engagiert“, meint sie.

Auch außerhalb des dramaturgischen Bereichs des Cape geht Achutegui innovativ vor. Um weibliche KünstlerInnen zu unterstützen, hat sie diese Woche eine Ausstellungsreihe eingeweiht, die exklusiv dem weiblichen Geschlecht vorbehalten bleibt. Den Anfang machen Fotos und Videos von Véronique Kolber.

Für die Jugendlichen hat sie zudem für den Sommer ein Ska-Konzert auf die Beine gestellt. Mit der ausländischen Community – in Ettelbrück leben rund 40 Prozent Portugiesen und Kapverdianer – ist sie seit einiger Zeit über deren Repräsentanten bei der Clae in Kontakt. Es tut sich also endlich was im Norden des Landes, man musste nur auf eine Frau aus Wien warten.

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My Life as a Terrorist und Enron, the Smartest Guys in the Room,
am 2. und 3. März im Cape.

www.cape.lu


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