CHRISTIAN NEUMAN: Über Wasser

Mit „She He It“ zeichnet der junge Filmemacher Christian Neuman seinen ersten großen Feature-Film. Er handelt von der Schwierigkeit, autonom zu leben.

Geht an seiner eigenen Lebenslüge fast zugrunde: Albert Federspiel in „She He It“.

Mike ist mit Miriam zusammen. Miriam kommt aus Kolumbien. Wie Mike hat sie keinen Job. Aber sie hat noch ein anderes Problem: Sie ist schwanger. Obwohl sie die Nase voll hat von Mike, der sie schlecht behandelt, sieht sie keine Möglichkeit, sich von ihm zu trennen. Mikes bester Freund, Marc, würde ihr gerne helfen, er ist in Miriam verliebt. Aber abgesehen davon, dass er bei Miriam keinen Erfolg hat, verläuft auch sein Leben recht perspektivlos: Außer Autos steht bei ihm nichts auf dem Programm. Wie der coole Mike mit den coolen Sonnenbrillen hat er zu seiner Familie den Kontakt abgebrochen und versucht sich irgendwie über Wasser zu halten.

Die Geschichte, die „She He It“ erzählt, ist eine Geschichte von Losern. Nicht nur von jugendlichen Verlierern – der größte unter ihnen ist Albert, Mikes Vater, der seiner verstorbenen Frau nachtrauert und seinen Sohn vermisst. Und der sich daran abarbeitet, dörfliche Konventionen aufrechtzuerhalten. Ist der Film deshalb ein Film über Luxemburg, wie der Untertitel „Luxembourgish Culture?“ andeutet? Auch das Rot-Weiß-Blau auf dem Cover der DVD weist auf einen Luxemburg-Bezug hin, doch das typisch Luxemburgische an der Sammlung gescheiterter Existenzen, die Regisseur und Drehbuchautor Christian Neuman hier präsentiert, ist nicht wirklich zu erkennen. Was schwerer wiegt: Bei der Darstellung der zentralen Figuren bemüht er immer wieder altbekannte Klischees. Neben der geschwängerten Migrantin etwa die drogenabhängige Prostituierte in Person der jungen Claire oder den netten geistig Behinderten in Gestalt von Mikes Bruder Luc. Am störendsten wirkt die Darstellung von Albert: Die Szenen, in denen er mit einem Kleid seiner Frau tanzt (untermalt von Ziehharmonika-Musik) oder allein vor einem für zwei gedeckten Tisch sitzt, sind schlichtweg kitschig. Manche Elemente sind auch unglaubwürdig: Etwa, dass Miriam gerade erst einen Schwangerschaftstest gemacht hat und trotzdem schon ihren dicken Bauch mit Klebeband zu kaschieren versucht. Auch die Szene, in der die junge Prostituierte Albert an Land zieht, wirkt wenig glaubhaft.

Dass aus dem schwachen Plot dennoch ein sehenswerter Film geworden ist, liegt vor allem an den zum Teil beeindruckenden Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Albert Federspiel glänzt als älterer Herr, der sich zwischen biederer Arriviertheit und ganz banalem Liebesbedürfnis aufreibt, und Myriam Gracia gelingt es, Miriams verzweifelte Lage wirklich spürbar zu machen. Auch die anderen DarstellerInnen, vor allem Mike Tock und Marc Baum, gehen in ihrer Rolle auf. Einen großen Anteil an der Natürlichkeit der Figuren hat die Entscheidung des Regisseurs, auf ein Script zu verzichten und die SchauspielerInnen – teils dem Team von „Independent Little Lies“ entliehen – improvisieren zu lassen. Auch auf formaler Ebene nimmt sich der Film Freiheiten, die ihm durchaus zugute kommen. So beginnt die Geschichte fast wie ein Dokumentarfilm mit Intervieweinlagen, in dem dann aber auch Fiktionselemente auftauchen. Fast unmerklich verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen den drei filmischen Mitteln hin zur dargestellten Geschichte.

Zwar hört der Film mit einer ironisch gebrochenen, aber doch positiven Note auf, doch die Beschreibung der Figuren ist eine pessimistische. Am deutlichsten wird dies an den beiden jungen Frauen Miriam und Claire, für die es kaum eine andere Wahl im Leben zu geben scheint, als sich von Männern aushalten zu lassen. Aber auch Marc und Mike scheitern bei ihren kläglichen Versuchen, Autonomie über ihr Leben zu erlangen. Tragik mit universellem Charakter.

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„She He It“ , im Ariston.

Der Film ist auch auf DVD erhältlich.


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