AUSSTELLUNG: Illegale Globetrotter

Die Ausstellung „Retour de Babel“ verleiht dem anonymen und globalen Phänomen der Migration ein Gesicht. Ein interessanter Ansatz, der politisch weitergedacht werden müsste.

„L’Europe c’est d’abord une traduction“, heißt es in einem Zitat von Umberto Eco, auf das sich ausgerechnet der delegierte Außenminister Nicolas Schmit anlässlich der Ausstellungseröffnung „Retour de Babel“ in Düdelingen berief. Diese Ausstellung, die als wichtigster Beitrag zum Themenkomplex Migration des Kulturjahres angesehen wird, will kulturelle Andersartigkeit und sprachliche Vielfalt als Reichtum begreifen: „In unserem Turm von Babel ist Diversität, sprachliche Vielfalt nicht an den Aspekt von babylonischer Strafe geknüpft, sondern an den Transfer von Wissen, an eine ökonomische Bereicherung“, sagt die Präsidentin der Asbl „Retour de Babel“ Danielle Igniti. Deshalb heiße die Ausstellung auch „Re-Tour de Babel“, da der negative Bedeutungsgehalt des biblischen Mythos umgekehrt worden sei.

Asylant – dieser Begriff gilt oft als Chiffre der Fremdenfurcht. Auch die Worte Migrant und Migration werden in der Öffentlichkeit mit Schmarotzertum, Lohndrückerei oder Überfremdung verbunden. Dass sich hinter dem anonymen und globalen Phänomen der Migration sozusagen das pralle Menschenleben entfaltet, das will die Ausstellung dokumentieren. Auch dass Völkerwanderungen zu allen Zeiten, in allen Weltregionen stattgefunden haben, und dass sie zu den Bewegungsgesetzen der Geschichte und den charakteristischen Zeichen gesellschaftlichen Lebens gehören, versucht die Ausstellung zu vermitteln.

Um diese Aspekte im Rahmen der Luxemburger Geschichte sinnfällig zu machen, wollten die Organisatoren die Veranstaltung in dem seit einigen Jahren stillgelegten Arbed-Stahlwerk als historischer Städte der schweren Arbeit sowie der damit verbundenen Migrationsbewegungen situieren.

Die Ausstellung, die auf der gemeinsamen Initiative des „Centre de documentation sur les migrations humaines“ (CDMH) und des „Comité de liaison des associations d’étrangers“ (Clae) beruht, besteht im wesentlichen aus Einzelporträts: Rund 60 Zuwanderer wurden interviewt und in ihrem häuslichen Interieur fotografiert. Ausfindig gemacht wurden diese Personen, die bereit waren, über ihr Leben zu sprechen, anhand von Umfragen des Clae innerhalb der eigenen Mitgliedsorganisationen. „Wir wollten keine Statistiken zeigen, sondern den Mensch in den Vordergrund stellen und verdeutlichen, dass dieser, egal ob Luxemburger oder ‚Ausländer‘, den gleichen Wunsch hat, ein anständiges Leben für sich und seine Kinder zu ermöglichen“, so Antoinette Reuter, Historikerin und Mitarbeiterin beim CDMH. Diese individuelle Herangehensweise ermöglichte es den Verantwortlichen, dem globalen, abstrakten Geschehen der Migration ein Gesicht zu geben und dieses gleichzeitig als exemplarisch zu begreifen: „Die Ausstellung spürt eher den Ähnlichkeiten der Emigranten, Immigranten und der Einheimischen nach“, sagt Reuter. Darum ist sie auch nicht chronologisch aufgebaut, sondern die aktuellen Biografien vermischen sich mit historischen Zeitdokumenten ausgewanderter Luxemburger.

Gegliedert wurden die rund 60 Porträts nach vier verschiedenen Migrationsetappen: zum Einen die Gründe für die Auswanderung, zum Anderen die Ankunft im Zielland mit den anfallenden Formalitäten und Schwierigkeiten. Das dritte Segment umfasst die Entscheidungsfindung, ob jemand bleibt oder doch in sein Geburtsland zurückkehrt. Eine vierte Station beinhaltet Identitätsfragen der nachfolgenden Generationen. „Gerade bei jenen jungen Leuten ist die Idee sehr präsent, dass man sich andere Gedanken machen müsste, als jene um die Nationalität“, hat Reuter festgestellt.

In der Tat beschreibt Migration heute den Prozess der Zuwanderung einzelner Gruppen in den als räumlich-kulturelle Einheit gedachten Nationalstaat mit seinem Staatsangehörigkeitsrecht. Das war nicht immer so. „Stadtluft macht frei“, hieß es in vielen mittelalterlichen Städten, denn wer es schaffte, sich mit einer Arbeit dort selbst zu ernähren, der durfte bleiben.

„Ich würde sagen, dass sich Migration früher einfacher gestaltete, da niemand nach der Nationalität fragte, weil es noch keine gab“, sagt Antoinette Reuter. Inzwischen gilt eine Ukrainerin, die ohne Aufenthaltserlaubnis in Luxemburg etwa eine alte Oma betreut, als illegal. Verändert hat sich also besonders die Rechtslage. Gerade der Wohlfahrtsstaat hat viele Migranten in Verruf gebracht, indem er sie zu Sozialhilfeempfängern degradierte und ihnen verbot, ihre Talente zu entfalten, obwohl eigentlich jeder weiß, dass es ohne Zuwanderer, etwa im Dienstleistungssektor oder im Baugewerbe, düster aussähe.

Heute nimmt die Armut, die zum Auswandern drängt, zu, weil die Bevölkerung in den armen Ländern rapide gewachsen ist und die ökonomische Schere zwischen Nord und Süd weiter auseinanderklafft. Auch bei „Retour de Babel“ sind viele Migranten keine Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention, sondern Arbeitsuchende oder wie heute manchmal abschätzig gesagt wird, Wirtschaftsflüchtlinge.

Thematisiert wird in der Ausstellung „Retour de Babel“ auch die dunkle Seite der Migration. „Während die Biografien auf den weißen Stellwänden von Personen zeugen, die ihr Land aus eigenem Entschluss heraus verlassen haben, enthalten die schwarzen Wände jene Biografien, bei denen Leute flüchten mussten, etwa weil in ihrem Land eine Diktatur herrschte“, so Reuter. Auch sprechen einzelne Biografien Konflikte an, mit denen Immigranten oder Sans-papiers im Rahmen der Auffanggesellschaft konfrontiert wurden.

Ob die Ausstellung durch ihre immer gleiche Herangehensweise von Biografie und großformatigem Foto – trotz der minimalistisch-originellen Raumgestaltung durch das Designbüro „Fluessig“ aus Trier – nicht zu einseitig wiederholend wirkt, sei dahin gestellt. Dass eventuell auch die brutalen Aspekte von Migration ein Stück weit ausradiert wurden, wie etwa die Abwehrstrategien an den Grenzen der europäischen Wohlfahrtszitadelle oder eine problematische Integrationspolitik, lässt Danielle Igniti nur bedingt gelten: „Der Ansatz war eher ein geschichtlicher, die Ausstellung war nicht primär politisch konzipiert“, so Igniti. Es gehe um die hiesige Immigration und das Annehmen von Ausländern, weniger um konkrete Forderungen für die Sans-papiers. Auch wenn man im Rahmen der Darstellungen dahin kommen könne. „Natürlich glaube ich, dass in Luxemburg die willkommene Migration jene ist, die weiß, europäisch und katholisch ist“, kritisiert Igniti.

In einer Zeit, in der die gestiegene Mobilität von Personen und Informationen zu neuen Formen der Vergesellschaftung und Identitätsbildung führen, in der besonders die globalisierte Wirtschaft von den ärmeren Menschen am meisten profitiert, weil diese in ihrer Not fast jede Arbeit zu fast jedem Preis zu leisten bereit sind, ist Migration zu einem globalen Thema geworden.

„Retour de Babel“ liefert einen anregenden Beitrag zu einem politischen Diskurs über Staatsangehörigkeit, Nationalität sowie Einreise- oder Aufenthaltsrecht, der endlich auch auf EU-Ebene konkret weitergeführt werden müsste.

Bis zum 28. Oktober 2007 in den „Anciennes aciéries“ in Düdelingen.

Die Austellung wird von vielfältigen Konferenzen und Konzerten umrahmT.


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