Charlie Kaufman/Duke Johnson: Master of Puppets


Taucht in einem Filmprojekt der Name Charlie Kaufman auf, darf man sich auf ein ungewöhnliches Erlebnis einstellen. So ist dem Regisseur auch jetzt mit „Anomalisa“, seinem ersten, in Zusammenarbeit mit Duke Johnson entstandenen Animationsfilm ein faszinierendes Stück Filmkunst gelungen.

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Charlie Kaufmans neuester Held muss sich in einer gesichtslosen Welt herumschlagen.

Der renommierte Motivationstrainer Michael Stone (Stimme: David Thewlis) ist nach Cincinnati gekommen, um einen Vortrag zu halten. In dieser Stadt lebt auch eine verflossene Liebe, die er seit über zehn Jahren nicht gesehen hat. Der schwermütige oder sogar depressive Michael will sich eigentlich in seinem tristen Hotel verschanzen, trifft sich dann aber doch mit Bella, was jedoch seine allgemeine Entfremdung nur noch verstärken wird. Denn die Frau, die er mal geliebt hat, ist wie alle Personen in seinem Umfeld, wie alle Menschen die er hört und sieht, nicht wirklich von allen anderen unterscheidbar. Sämtliche Figuren außer Michael haben die gleichen Gesichtszüge, unabhängig von Geschlecht und Alter. Alle scheinen sie dieselbe Maske zu tragen und mit der gleichen Stimme (Tom Noonan) zu reden. Doch dann hört Michael im Hotelflur eine andere Stimme, erlebt eine Anomalie in dem ganzen Gleichklang. Auch trägt Lisa (Stimme: Jennifer Jason Leigh) eine Narbe im Gesicht, was sie optisch von den anderen abgrenzt – für sie schmerzlich, für ihn betörend. Michael verliebt sich Hals über Kopf, er sieht in ihr die Möglichkeit, in ein neues Leben zu entkommen, die Herrschaft der Masken zu brechen.

„Anomalisa“ entstand vor über zehn Jahren als Hörspiel, das Kaufman für ein alternatives Theaterprojekt des bekannten Filmkomponisten Carter Burwell schrieb. Burwell entwickelte in seinem „Theater of the New Ear“ ein Performance-Konzept, bei dem der Fokus auf dem Gehörten und nicht auf dem Schauspiel lag. An dieser Urfassung waren auch schon die drei „Akteure“ Thewlis, Noonan und Leigh beteiligt und auch Burwell ist dem Team erfreulicherweise treu geblieben. Es entstand die Idee, das Projekt mittels eines Stop-Motion-Animationsverfahren in einen 40-minütigen Kurzfilm umzusetzen. Kaufman und Johnson sammelten per Crowdfunding das nötige Geld, und dank der überwältigenden Unterstützung, die das Projekt erhielt, wurde aus „Anomalisa“ schließlich der erste Animationsfilm, der in Venedig den Spezialpreis der Großen Jury gewinnen konnte und seitdem FilmkritikerInnen allerorten begeistert.

Charlie Kaufmans Drehbücher fangen meist als Geschichten um Personen an – als Trennungsepisode wie in „Eternal Sunshine of a Spotless Mind“ oder als artistischer Überlebenskampf wie in „Adaptation“ und „Synecdoche, New York“. Doch immer wieder zeigt sich, dass universelle, existentielle Fragen gestellt werden, die uns alle angehen. So mag es tatsächlich ein „Fregoli-Syndrom“ geben, bei dem Betroffene ihr Umfeld als optisch verändert wahrnehmen. Allerdings spricht der Film dies nicht direkt an – wie Kaufman sich überhaupt sträubt, Antworten zu geben (aufmerksame Zuschauer sollten dennoch auf „Easter Eggs“ achten).

Ist der Protagonist nicht bei Sinnen? Ist diese Geschichte vielleicht im übertragenen Sinne zu lesen, als Kritik an unserer normierten Gesellschaft?

Inhaltlich wie optisch erreicht der Film das, was von Charlie Kaufmans Arbeit stets zu erwarten ist – die sogenannte Realität kurzfristig außer Kraft zu setzen, den Zuschauer zu berühren, Innovationen ins Filmgeschäft zu bringen und sich dabei nie zu wiederholen. Eine Anomalie also.

Im Utopia.

Bewertung der woxx: XXX

https://www.youtube.com/watch?v=DT6QJaS2a-U


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