Fotografie: (Un)sichtbare Frauenarbeit

„Femmes en mouvement“ im Centre de documentation sur les migrations humaines (CDMH) beleuchtet die Arbeit immigrierter Frauen im Wandel der Zeiten und macht klar: Frauenarbeit war schon vor hundert Jahren fundamental für das Funktionieren der Gesellschaft.

(© Dario_Cieol)

(© Dario_Cieol)

Dass sich die Geschichte von migrierten Frauen auch in der Minette bis heute nur fragmenthaft nachvollziehen lässt, liegt wohl an dem Grundproblem: Geschichte wird seit jeher von Männern geschrieben. Mit der Ausstellung „Femmes en mouvement“ unternimmt das CDMH nun den Versuch, aus dem Blickwinkel „Migration und Gender“ zugewanderte Frauen und ihre Arbeit von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an fotografisch zu beleuchten.

„Femmes en mouvement“ hat damit mindestens eine doppelte Bedeutung: zum einen richtet die Ausstellung den Blick auf die Frauen, die in dem Jahrhundert von 1915 bis 2015 nach Luxemburg eingewandert sind, zum anderen zeigt sie die Entwicklung von Frauen im gesellschaftlichen Rahmen – von der Unsichtbarkeit ihrer Arbeit in der Familie bis hin zu ihrer schrittweisen Emanzipation.

Sehenswert sind in der vom CDMH in Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsdienst der Stadt Düdelingen und dem Nationalen Frauenrat konzipierten Ausstellung vor allem die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Sammlungen Cappelari, Lang und Van Uffel. Die ersten schwarz-weißen Fotografien im Ausstellungsrundgang stammen aus einer der ältesten Sammlungen des CDMH. Es sind Aufnahmen des Fotografen Umberto Cappelari und des Künstlers Dominique Lang aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frauen sind hier meist in einem privaten oder familiären Rahmen bei der häuslichen Arbeit zu sehen. Oft unterstützten sie ihre Männer auf dem Hof oder in den Geschäften – ohne dass ihre Arbeit gesellschaftlich anerkannt, geschweige denn entlohnt wurde. So blieb die Arbeit dieser Frauen lange unsichtbar. Lohnarbeit außerhalb der Familie wurde oft in der Adoleszenz, also vor der eigenen Familiengründung, verrichtet, mitunter besserten auch Witwen ihr spärliches Einkommen mit ihr auf. Auch vor diesem Hintergrund wird klar, warum Frauenarbeit bis heute unterbezahlt ist.

Die arrangierte Fotografie einer jungen Frau bei ihrer Kommunion illustriert das Ritual des Erwachsenwerdens. Für Frauen aus bescheidenen Verhältnissen markiert dieser Moment oft die Zäsur, jenseits derer eine Arbeit außerhalb der Familie aufgenommen werden konnte; nicht selten gingen die Frauen dazu für einige Zeit nach Frankreich. Eine weitere Aufnahme zeigt junge, aus Italien eingewanderte Frauen bei der Grubenarbeit. Die Frauen beladen Wägen und werden diese gleich zu den Hochöfen schieben. Auf einem weiteren Bild sind junge Frauen vor dem Lebensmittelgeschäft „Nappi“ im italienischen Viertel zu sehen, wo sie – häufig ohne Entlohnung – aushalfen. Daneben hängt das Porträt eines jungen Paares, sein offizielles Hochzeitsbild. Für die Frauen bedeutete die Hochzeit eine weitere Zäsur, insofern sie den Wechsel von der externen Lohn- zur häuslichen Familienarbeit markierte.

Die Kollektion „Francis Van Uffel“ schließlich beinhaltet eine Reihe von Fotografien portugiesischer Arbeiterinnen, aufgenommen rund 80 Jahre später. Im Jahre 1995 beauftragte das CDMH für seine erste Ausstellung „Mémoires croisées“ den belgischen Fotografen Van Uffel mit einer Porträt-Serie junger portugiesischer Frauen aus Düdelingen. Seine Bilder zeigen Teilnehmerinnen an der traditionellen Prozession zu Ehren der heiligen Fatima in Wiltz, junge Portugiesinnen, wie sie dem Schulunterricht im Lycée Nic Biewer folgen oder eine Reinigungskraft im Düdelinger Krankenhaus. Heute sind die Portugiesinnen zum Teil in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wenngleich traditionsbewußte Luxemburger sich mit ihrer Partizipation noch immer schwer tun. Van Uffels Aufnahmen geben also Migrantinnen der zweiten Generation in ihrem Lebens- und Arbeitsalltag wieder. Insbesondere die Aufnahme der portugiesischen Frau beim Reinigen eines Flurs ist das Dokument einer Tätigkeit im Dienstleistungssektor, die lange Zeit unreguliert und unterbezahlt war. Das Foto der portugiesischen Putzfrau gibt somit gewissermaßen einen Prototyp wieder und ist damit Hommage an viele dieser Frauen.

Die schwarz-weißen Foto-Serien können als ein Spiegelbild der Luxemburger Gesellschaftsstruktur betrachtet werden und sind wertvolle Bild-Dokumente, die davon zeugen, wie sich die Strukturen entwickelt haben. Als Abbilder der arbeitenden Unterschicht werden sie im Erdgeschoss in Kontrast zu einer anderen Ausstellung gesetzt: Auf Pappwänden präsentiert dort der „Conseil National des Femmes“ die erfolgreichen Lebensläufe von Luxemburgerinnen und Migrantinnen, die einen frauen-untypischen Beruf ausüben. Der recht pädagogische Ansatz dieser „Erfolgsfrauen“ steht im diametralen Gegensatz zu dem rein dokumentierenden Charakter der Sammlungen von Cappelari, Lang und Van Uffel. Denn es sind die Lebensläufe von Frauen, die es nach einem liberalen Verständnis in der Gesellschaft ‚zu etwas gebracht haben’: Von Christiane Wickler bis hin zu einigen raren, wirklich interessanten Frauenzeugnissen, wie dem der Handwerkerin Françoise Diane Zogo.

Ein weiteres Panel zeigt Aufnahmen von Frauen aus dem Blickwinkel ihrer Kinder. Auch „Fraebiller – am Alldag vu Kanner gesinn“ fußt auf einer früheren Ausstellung des CDMH, die im Sommer 2010 hier gezeigt wurde. Rund ein Dutzend Kinder im Alter von elf bis zwölf Jahren haben hier ihre Sicht auf ihre Mütter im Arbeitsalltag festgehalten.

Zwei Tafeln mit Statistiken (2003 und 2015 im Vergleich) geben Aufschluss über den Anteil der erwerbstätigen oder politisch aktiven Frauen in Düdelingen. An ihnen lässt sich ablesen, wie sich das Verhältnis Frauen-Männer entwickelt hat. Im Vergleich zur Situation vor acht Jahren gibt es – dank der demografischen Entwicklung wie auch dem emanzipatorischen Bewusstwerden – mehr Single-Frauen, weniger verheiratete Frauen sowie weniger Witwen.

Eine Ausstellung aus dem Jahr 2003, in dem der „Service egalité de femmes“ in Düdelingen gegründet wurde, gibt anhand von Frauen-Porträts Aufschluß über das Verständnis, das Frauen von „Chancengleichheitspolitik“ hatten, als diese in Luxemburg noch in den Kinderschuhen steckte.

So zeigt das CDMH in einem breiten Spektrum die Lage immigrierter, arbeitender Frauen und macht klar, dass deren oft unsichtbare Arbeit fundamental für das Funktionieren der Gesellschaft war. Gerade die frühen dokumentarischen Zeugnisse aus der Zeit vor hundert Jahren, als Frauen schon in Bereichen wie in den Gruben der Bergwerke, der Nahrungsmittelerzeugung und der Gastronomie tätig waren, zeigen Frauen so als Stützen der Gesellschaft.

Bis zum 31. Juli im Centre de documentation sur les migrations humaines.

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