Gründung der Frankfurter Schule: Jenseits des Salons

Für viele gute Ideen braucht es leider Geld – Felix Weil hatte beides. Jeanette Erazo Heufelder hat eine schöne Biographie über den Stifter des legendären Instituts für Sozialforschung geschrieben.

(Quelle: Berenberg Verlag)

„Es gibt kaum Fotos von Felix Weil.“ Mit dieser lapidaren Feststellung beginnt das Buch über den Stifter der „Frankfurter Schule“. Doch wer legt schon Wert auf Fotos, wenn er von einem Künstler wie George Grosz verewigt worden ist?

Grosz‘ 1926 entstandenes Porträt seines Freundes ziert den Einband der Biographie über den „argentinischen Krösus“, der als Erbe eines südamerikanischen Getreideimperiums Gesellschaftskritikern wie Erich Fromm, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die unabhängige Arbeit erst ermöglicht hat. Mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen fläzt Weil in einem roten Sessel und starrt sinnierend an einer Handvoll Unterlagen vorbei, von denen man annehmen darf, dass es sich dabei nicht um den Geschäftsbericht der väterlichen Firma handelt.

Doch wer war der damals noch keine dreißig Jahre alte Porträtierte? Allgemein ist über ihn meist nicht viel mehr bekannt, außer dass er mehr und anderes wollte, als ein Unternehmer zu sein und als Finanzier des an Marx und Freud orientierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung gilt.

Zwar hat Jeanette Erazo Heufelder die von ihr verfasste Biographie schelmisch als „Kleine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule“ untertitelt, doch ihr wunderbares kleines Buch sorgt dafür, dass man auch abseits dieser Schule endlich mehr über Felix Weil erfährt. So war er nicht bloß Geburtshelfer der Kritischen Theorie, sondern beispielsweise auch der Kommunistischen Partei Argentiniens, dem Land, wo er 1898 auch geboren war.

Den Vater hatte es nämlich bereits 1890 aus dem süddeutschen Steinsfurt bei Sinsheim in das südamerikanische Land verschlagen. Als junger Kaufmann hatte Hermann Weil die künftige Bedeutung des Landes als Getreideexport-Nation früh erkannt. Selbst aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammend, scheint es den zu Geld gekommenen Weil anfangs geärgert zu haben, dass sein Sohn Felix es seltsam fand, wenn „selbst das Spielzimmer seiner Schwester“ größer war als die gesamte Wohnung einer ganzen Familie von Bediensteten. Und doch haben sich beide später in ihren jeweiligen Lebensentwürfen nach Kräften unterstützt.

Als Felix reif fürs Gymnasium war, wurde er der deutschen Sprache wegen nach Frankfurt geschickt, wo er dann Volkswirtschaft studierte. Vom Militärdienst im Ersten Weltkrieg blieb er als argentinischer Staatsbürger verschont. Doch als am 10. November 1918 die Arbeiter- und Soldatenräte die Hessische Republik proklamierten, war Felix Weil mittendrin und half dabei, ein Munitionsdepot zu stürmen. Für Weil war das sein Coming-out: „Keine Frage: meine Gefühle waren auf Seiten des Sozialismus, und schon seit langem. Ich war mir nur dessen nicht bewusst gewesen!“

Vom Krösus zum Kommunisten

Mittendrin in der sozialistischen Bewegung sollte er auch in den kommenden Jahren bleiben; es ist kaum zu glauben, wen der junge Student schon bald zu seinen Freunden zählte: Etwa Karl Korsch und Georg Lukács. Beide waren legendäre Kommunisten und Philosophen, die Marx‘ Kritik von einer katechetischen Lesart befreit hatten und als kritische Gesellschaftstheorie präsentierten. Auch die Stuttgarter Sozialistin Clara Zetkin, die Brüder Wieland Herzfelde und Helmut Herzfeld, der später als John Heartfield weltberühmt wurde, zählten dazu.

Mit Karl Korsch organisierte Weil schließlich die wegen ihrer illustren Teilnehmer berühmt gewordene „Erste Marxistische Arbeitswoche“, bei der etwa auch der spätere Sowjetspion Richard Sorge anwesend war. Sorges 1941 aus Japan gesendeter Funkspruch, wonach das mit Deutschland verbündete Land die Sowjetunion nicht angreifen werde, wird historisch als kriegsentscheidend bewertet.

Trotz seiner sozialistischen Umtriebigkeit legte Felix Weil die Verantwortung für den väterlichen Betrieb nicht ab. Aber auch als er einwilligte, für ein Jahr als Geschäftsführer an den Stammsitz der Firma nach Buenos Aires zurückzukehren, verband er dies mit einer politischen Mission. Kein geringerer als Komintern-Chef Grigori Sinowjew hatte ihn beauftragt, all jene argentinischen Parteien und Gewerkschaften unter die Lupe zu nehmen, die sich darum beworben hatten, in die III. Internationale aufgenommen zu werden.

Weil beobachtete die von der Sowjetunion angestoßenen ungelenken Versuche, argentinische Landarbeiter und Bauern, die oft gar nicht lesen konnten, mit bolschewistischer Literatur zu indoktrinieren, mit großer Skepsis. Er riet dazu, „bei Musik, Tanz und Vesper“ aufzuklären, ganz nebenbei, und machte eine Erfahrung, die für sein weiteres Engagement in der kommunistischen Bewegung wohl entscheidend war. Er stellte nämlich fest, dass es den Moskauer Ideologen um „die Durchsetzung eines Dogmas, nicht um die Auseinandersetzung mit einer sozialen Realität“ vor Ort ging, von der man gar nichts wissen wollte. Doch „als Lehrgebäude festgefügter Wahrheiten konnte sich marxistische Theorie niemals zum Besten der Praxis weiterentwickeln“, beschreibt Erazo Heufelder diese Entwicklung.

Diese Einsichten können als erfahrungsgesättigte Prämissen des 1922 von Weil gegründeten Instituts für Sozialforschung gelten, dessen Theorie als „Kritische“ im Unterschied zur „Traditionellen“ mit der Arbeit von Herbert Marcuse, Franz Neumann, Friedrich Pollock, sowie Horkheimer, Adorno und anderen schließlich weltberühmt geworden ist.

Panzerkreuzer Gesellschaftskritik

Wie sehr sich Weil um die Finanzierung und Positionierung des Instituts verdient gemacht hat, ist in der Forschung vergleichsweise gut dokumentiert. Weniger bekannt ist, dass Felix Weil auch zahllose weitere wichtige Verlage, Projekte und Einzelpersonen unterstützt hat, darunter gemeinsam mit dem kommunistischen Medienmogul Willi Münzenberg die Produktion der deutschen Version von Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“, die damals kein bürgerlich-kapitalistischer Vertrieb finanzieren wollte. Sie wurde ein Riesenerfolg. „Lix“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, half hier wie dort, machte nicht selten erhebliche Investitionen, und scherte sich laut Erazo Heufelder dabei „nicht um die Macht-, Flügel- und Fraktionskämpfe in der kommunistischen Linken“.

Mit ihrer kurzweilig zu lesenden, ebenso witzig-unterhaltsamen wie auch traurigen „kleinen Wirtschaftsgeschichte“ reiht sich Jeanette Erazo Heufelder in die männlich dominierte Reihe von Biographen der Kritischen Theoretiker ein. Eine „intellektuelle Biographie“ als Darstellung des wissenschaftlich-gesellschaftskritischen Werdegangs von Felix Weil bietet das Buch nicht; dazu blieb Weils wissenschaftliches Profil auch zu diffus. Dennoch erfährt man viel über den Anspruch, den Weil an sich und die von ihm unterstützten Intellektuellen stellte. Spätestens nach 1933 bestand dieser wesentlich darin, das „Dritte Reich“ besiegen zu helfen. Viele der Institutsmitarbeiter waren wie Weil nicht nur als Sozialisten und Kommunisten, sondern auch als Juden im Visier der Nazis. Es resultierte ganz praktisch aus der Erforschung der Autoritätshörigkeit der Deutschen, dass man am Institut schon ab Ende 1930 dessen Emigration und die der Mitarbeiter in die Wege zu leiten begann. Felix Weil, der nach dem Tod des Vaters die Weil’schen Unternehmen leitete, kam im selben Jahr von einer Geschäftsreise nach Argentinien gar nicht erst nach Deutschland zurück.

Ausführlich schildert die Autorin, wie es dem genial agierenden Felix Weil gelang, einen großen Teil des Stiftungsvermögens und des Unternehmenskapitals vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, auch wenn diesen immer noch große Werte und nicht zuletzt das Gebäude und die Bibliothek des Instituts in die Hände fielen.

Felix Weil finanzierte nicht allein die Flucht vieler von den Nationalsozialisten Verfolgter und versuchte ihnen im Exil wirtschaftliche und gesellschaftliche Starthilfe zu geben. 1935 überschrieb Felix Weil gar sein ganzes restliches Vermögen dem Institut und gab damit, wie Erazo Heufelder schreibt, „freiwillig die Freiheit eines wirklich reichen Menschen“ auf. Es ist ein großes Verdienst der Autorin, darauf hinzuweisen, dass der häufig kolportierte Satz, das Institut für Sozialforschung habe „das Stiftungsvermögen vor 1933 rechtzeitig ins Ausland bringen“ und damit die Nazi- und Nachkriegszeit bis zur Rückkehr nach Frankfurt 1950 finanziell durchhalten können, unterschlägt, in welch hohem Maße dies einzig auf den persönlichen und materiellen Einsatz Felix Weils zurückzuführen ist.

Bevor er 1975 starb, hat Felix Weil in seinem Leben noch so manches gemacht, wie in „Der argentinische Krösus“ nachzulesen ist. So hat er etwa am argentinischen Einkommenssteuergesetz mitgeschrieben, ein 2010 dort als „Klassiker“ gewürdigtes Buch über Industrialisierung und soziopolitische Entwicklung in Argentinien verfasst und noch bis ins hohe Alter – der selbstenteignete einstige Multimillionär war jetzt lohnabhängig – im Rang eines Majors Soldaten der US-Air-Base in Ramstein auf den Einstieg ins Zivilleben vorbereitet. Selbst das Grosz-Porträt musste er am Ende für ein paar Tausend Dollar verkaufen, weil er nicht mehr genug Geld für seinen Lebensunterhalt hatte. Es sind übrigens die Druckfahnen eines Romans von Upton Sinclair, die er in dem von Grosz festgehaltenen Moment redigiert.

Weil selbst habe sich hin und wieder als „Salonbolschewisten“ bezeichnet, doch das weist die Autorin entschieden zurück: „Bolschewist war er nie“, so Jeanette Erazo Heudorfer, „und für reine Lippenbekenntnisse riskierte er zuviel“. Es ist ein Stück historische Gerechtigkeit, das die Autorin Felix Weil hat widerfahren lassen, dem die Nachwelt nicht wenig zu verdanken hat.

Jeanette Erazo Heufelder: Der argentinische Krösus. Kleine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule. Berenberg Verlag, 2017. 208 Seiten.

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