Gruppenausstellung: Halbwegs unpolitische 
Zweckentfremdung


Die ehemalige Banque de Luxembourg ist seit einiger Zeit Zielort einer Kunstinvasion. Unter der Ägide von Rafael Springer stellen mehrere KünstlerInnen gleichzeitig in den Büroflächen aus.

Trotz ihrer stattlichen Fläche (immerhin 3.000 Quadratmeter) und des guten baulichen Zustands erinnert die ehemalige Banque de Luxembourg im Bahnhofsviertel mit ihrem düsteren Intérieur an sogenannte „Lost Places“. Nun werden die Räumlichkeiten mithilfe von Kunst neu belebt. Wer jedoch einen tieferen Sinn oder gar eine politische Botschaft hinter der künstlerischen Besetzung des Gebäudes vermutet, liegt falsch. „Ich war es satt, an Orten auszustellen, die nicht sauber sind“, lautet die Erklärung des freischaffenden Malers und Bildhauers Rafael Springer, der eher zufällig, durch Gespräche mit den richtigen Kontakten, auf diese großflächigen Ausstellungsräume stieß. Die Zweckentfremdung von Bauten im Namen der Kunst, die häufig Häuser treffe, die danach abgerissen werden, sage ihm nicht so zu, so Springer. Auf ihn wirke sie, als werde einem gestattet, sich kurz auszutoben, weil das Ganze danach ja ohnehin verschwindet. „Daran erkennt man, was Kunst vielen heutzutage wert ist.“ Der luxemburgische Künstler betont zwar wiederholt, kein Galerist zu sein, trotzdem hat genau er auf dieser gigantischen Bühne das Sagen. Unterschiedliche Werke aus seinem Schaffen der vergangenen Jahre machen den Großteil des Ausgestellten und zum Verkauf stehenden aus, den Rest der Fläche teilen sich vier KünstlerInnen, die ihm wohlgesinnt sind.

An den hier vorhandenen Räumen schätzt Springer vor allem, dass er seine farbenfrohen Großformate anbringen kann, die sonst, in kleineren Räumen, nur schwer Platz finden. So prangt beispielsweise in einem ehemaligen Büro, das wie das gesamte Gebäude an die Kulisse der amerikanischen Serie „Mad Men“ erinnert, ein großes Selbstportrait des Künstlers, der ersichtlich ein Liebhaber von Sonnenbrillen ist. Bisher hat es offenbar noch niemand kaufen wollen. Springer nimmt das mit Humor und vermutet, dass seine Fans den Streit mit seiner Freundin fürchten. Bei der Serie mit dem Titel „Abklatsche“ überzeichnet der Künstler einige der heutigen Teil-Realitäten. Er macht hier Gebrauch von Werbeplakaten und offenbart dabei eine gewisse Vorliebe für Abbildungen leicht oder nicht-bekleideter Frauen (Pferde und eine angezogene Josée Hansen kommen jedoch auch als Motive vor). In einem weiteren Arbeitsschritt werden die Abbildungen dann übermalt. In dieser Affinität für nackte Haut steckt nichts Tiefgründiges, versichert Springer, „wenn ich in den Urlaub fahre, liege ich halt selbst auch gerne nackt am Strand“. Politische Kunst mache er nicht. Mit seinen lässigen, teils höhnischen Äußerungen über Kunst und die dazugehörige Entourage erinnert er zuweilen an eine Light Version Wolfgang Beltracchis. Darauf angesprochen, meint der Autodidakt nur: „So gut malen wie er kann ich definitiv nicht.“

Böse Zungen behaupten, in dieser Ausstellung werde KunstkritikerInnen definitiv kein roter Teppich ausgerollt, es sei eher genau diese Zucht, die eine Blutspur hinterlasse. Direkt an der Eingangstür liegt nämlich eine tote Frau auf einer abgesperrten Fläche und wirkt, als sei sie zuvor von einem der oberen Stockwerke gestoßen worden. Der Erschaffer der Installation „Le jugement de Crète“, Jerry Frantz, betont aber, seine Installation ziele auf die Flucht all jener, die sich selbst überschätzen und dann tief fallen. Chiara Dahlem, auf deren Homepage es abstrakt poetisch heißt „Bilder sind Ausgekotztes“, liefert weder Bilder noch Erbrochenes. Ihre Installation enthält zwei Schaufensterpuppen, die wie so viele Menschen in diesem Viertel kein Gesicht haben. Jeden Tag rauschen Tausende von Menschen aneinander (und an der Ausstellung) vorbei, ohne sich irgendeine Beachtung zu schenken. Trixi Weis bezieht als einzige die Örtlichkeiten sowie die Finanzthematik in ihre Installationen mit ein. Wer herausfinden möchte, wie, wird Räume betreten, die für gewöhnlich Bankangestellten vorenthalten bleiben. Einen malerischen Kontrast zu Springer schafft Lucien Roef, der unter anderem mit seiner Serie „Ain’t no sunshine when she’s gone“ im wahrsten Sinne des Wortes Vielschichtigkeit beweist. Hier sind häufig Frauen im Profil zu sehen. Roef bringt zuvor mehrere Schichten an, beseitigt dann manche wieder, so dass das Gesicht der Gezeigten verblasst und hinter ihre Oberfläche zurücktritt.

Bis zum Ende des Jahres.

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