NEUE TARIFE: Draufzahlen

Die Post hat die Tarife für die Basisdienste angehoben, die für Extra-Dienstleistungen aber gesenkt. Profitieren dürften davon vor allem die Unternehmen.

Der Sommer ist seit jeher eine beliebte Jahreszeit. Nicht nur, weil das Wetter mit viel Sonne verwöhnt, sondern weil sich Ungeliebtes dann besonders gut verkünden lässt. Flüchtlinge lassen sich ohne viel Aufsehen abschieben, Homosexuelle können als das Böse schlechthin verteufelt werden – da die meisten in Ferien sind, wird sich kaum Protest regen.

Auch die Post versteht das geschickte Taktieren mit der Sommerpause und hat zum 1. August mal eben die Posttarife erhöht. Seit einer Woche kostet ein Standardbrief innerhalb Luxemburgs statt wie bisher 0,45 Euro nun 50 Cent, ein Brief ins Ausland 60 statt 55 Cent.

Gegen eine Preiserhöhung ist nicht per se etwas einzuwenden. Die hiesigen Posttarife bewegen sich auf ähnlichem Niveau mit Preisen anderer europäischer Länder, hat die Post in einem Schreiben an alle Haushalte mitgeteilt. Tatsächlich kostet in Deutschland derselbe Brief 0,55 Euro, für den Inland-Briefverkehr wie für das europäische Ausland. Wer allerdings in Deutschland oder Frankreich einen Brief verschickt, bekommt, und das verschweigt die P&T, zum annähernd gleichen Preis wesentlich mehr Strecke geboten. Wenig einleuchtend ist zudem, wieso ein Brief von beispielsweise Luxemburg-Stadt nach Hamburg mehr kosten soll als umgekehrt von Hamburg nach Luxemburg, wenn doch die Dienstleistung dieselbe ist.

Begründet wird die neue Preissteigerung unter anderem mit den Kosten der Postverteilung, die bis ins entlegenste Dorf gewährleistet sein will, und mit den gestiegenen Personalkosten. Lohnindexanpassung, das Beamten-Gehälterabkommen – all das habe seinen Preis, so heißt es aus der Pressestelle der P&T. Laut Jahresbilanz von 2002 sind die Ausgaben für das Personal um fast fünf Prozent gestiegen und machen nunmehr 36 Prozent der gesamten Betriebskosten aus (bei einer Umsatzsteigerung von rund 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Und weil die Post im Zuge der in Brüssel beschlossenen Privatisierung wie andere nicht-staatliche Unternehmen auch die Preise ihrer Dienstleistungen an ihre realen Kosten anpassen muss, zahlt die Kundschaft eben mehr.

So weit, so – im kapitalistischen Sinne – logisch. Wäre da nicht die Auskunft der Briefträgergewerkschaft, wonach das Direktionskomitee sich und anderen hohen Beamten gerade erst den Kauf luxuriöser Dienstwagen gebilligt habe. Von einer zehnprozentigen Lohnerhöhung mal abgesehen. Das lässt Fragen über die Glaubhaftigkeit der Argumentation aufkommen, wie der Direktor des Verbraucherschutzes ULC, Guy Goedert, im Gespräch mit der woxx zu Recht anmerkt. Das Argument, erhöhte Endgebühren bei den ausländischen Partner-Postunternehmen würden zudem zu den Preissteigerungen beitragen, überrascht ebenfalls. Kostendeckende Endgebühren für alle EU-Mitgliedstaaten wurden bereits Ende 2000 mit dem Reims II-Abkommen beschlossen – und hätten demzufolge schon längst in der Kalkulation enthalten sein müssen.

Stutzig macht noch eine weitere Preisänderung. Die so genannten Maxibriefe sind seit dem 1. August günstiger. Ausgerechnet jene größeren Postwurfsendungen also, die vor allem bei Firmen Verwendung finden. Der Pressesprecher der Post, Olivier Mores, erklärt die gesunkenen Tarife damit, dass dieser Dienst „weniger in Anspruch genommen“ werde. So begrüßenswert Preissenkungen im Allgemeinen auch sind, verwundert diese Begründung schon. Müssten nicht gerade die Sonder-Dienstleistungen, die vergleichsweise wenig in Anspruch genommen werden, teurer sein?

Doch es gilt, um jeden Preis in einem umkämpften Marktsegment Konkurrenten Paroli zu bieten – auch wenn dabei genau das geschieht, was LiberalisierungsbefürworterInnen doch angeblich verhindern wollen: dass nämlich ein Großteil der Kundschaft ein bisher unattraktives Segment finanziell mittragen muss. Wenn immer mehr Unternehmen Maxi-Briefe verschicken, dann kommen für die zusätzlichen Verteilungskosten wir alle auf – durch die erhöhten Preise für Standardbriefe. Diese Form der mehr oder weniger transparenten Quersubventionierung ist nicht neu. Sie gab es umgekehrt schon einmal bei den Basisdiensten, als insbesondere Großkunden für deren Kosten aufkamen. Die Liberalisierung produziert statt der alten also eine neue Schieflage. Diese ist aber umso ärgerlicher, weil sie zugunsten einiger Weniger auf Kosten der Allgemeinheit geht.


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