FEJERMAN: Mama ist lesbisch

Hauptsache Happy End, das ist die Devise der Komödie „A mi madre le gustan las mujeres“. Leider gerät dabei das nicht so komische Thema – Töchterreaktionen auf ein mütterliches Coming-Out – etwas unter die Räder.

Wie sag ich’s meinen Töchtern: Vor allem Sensibelchen Elvira (Leonor Watling) möchte nicht akzeptieren, dass Mutter Sofia (Rosa Maria Sardà) eine Frau liebt.

Jung, modern und weltoffen – so sehen sich Elvira, Jimena und Sol am liebsten. Ihr Selbstbild gerät ins Wanken, als Mutter Sofia (Rosa Maria Sardà), berühmte und geschiedene Pianistin, ihnen zum Geburtstag ihre neue Flamme vorstellt: Eliska (Eliska Sirová) kommt aus Tschechien, ist halb so alt wie Sofia – und eine Frau.

Das späte Coming-Out der Mutter im erzkatholischen Spanien hätte auch Stoff für ein Drama bieten können, doch die Regisseurinnen Inés Paris und Daniela Fejerman haben sich für eine leichte Komödie entschieden. Im Mittelpunkt steht dabei weniger das Lesbischsein an sich, sondern die Reaktionen der drei Töchter, allen voran die von Sensibelchen Elvira (Leonor Watling). Vielen dürfte sie bekannt sein als Koma-Patientin Alicia aus Almodovars „Hable con ella“. Die von Selbstzweifeln geplagte Elvira entdeckt, dass die eigene Mutter die neue Geliebte finanziell unterstützt. Und weil beim Geld bekanntlich jede Freundschaft aufhört, setzen sie und ihre Schwestern alles daran, die vermeintliche Erbschleicherin aus dem Haus zu jagen.

Ihr gemeiner Plan ist zwar nicht besonders plausibel – die drei wollen Eliska verführen und einen Treuebruch provozieren -, aber komisch. Wie die neurotische Elvira dabei in eine handfeste sexuelle Identitätskrise schlittert, beinahe den möglichen Traummann verprellt und schließlich dem widerlichen Psychiater Paroli bietet, ist durchaus unterhalt-sam. Leonor Watling spielt das überkandidelte bourgeoise Töchterchen, das immer kurz vorm Nervenzusammenbruch ist, auf charmante und erfrischende Art und Weise. Ihre Gegenspielerin, Eliska, hingegen spielt wunderbar Klavier, spricht ein liebenswert falsches Spanisch – und sieht dazu entzückend aus. Schöne Kost für Augen und Ohren also.

Bloß echten Tiefgang darf man von „A mi madre le gustan las mujeres“ nicht erwarten. Dafür geht am Ende dann alles doch viel zu schnell – und vor allem zu gut aus. Denn für ein Happy End à la Hollywood und ein paar Lacher nehmen die Regisseurinnen einige Unglaubwürdigkeiten in Kauf. So erfährt das Publikum nicht, warum die verstoßene Eliska so schnell klein beigibt, Sofia verlässt und in ihre Heimat zurückkehrt. Und wie es der reumütigen Intrigantin Elvira dann doch gelingt, ihre Mutter und deren Liebste beim arrangierten Wiedersehen in Prag noch miteinander zu versöhnen. Sie sehen sich, Eliska spielt ein dramatisches Klaviersolo, und alles wird wieder gut, ganz ohne Worte. Das glaubt nicht nur kein Mensch, sondern schadet dem Film, weil mit der fehlenden Plausibilität der eigene Anspruch baden geht.

Fejerman hatte in einem Interview einmal gesagt, der Film beschäftige sich in erster Linie mit „neuen Familien und dem Wandel traditioneller, sozialer und sexueller Lebensstile“. Das stimmt nur zum Teil. Einfach nur zu zeigen, dass die Mutter lesbisch lebt, verunsicherte Töchter auf allerlei absurde und hinterhältige Ideen kommen können – um schließlich die heile Familie inklusive Hochzeit doch wieder zu finden, dürfte an der Realität vieler Lesben im konservativen Spanien leider vorbeigehen.

Sicherlich überzeichnet eine Komödie immer, setzt ganz bewusst auf Ulk – aber so? Ein bisschen mehr Realitätssinn und wohl dosierter Witz hätte dem ernsthaften Thema besser gestanden. Immerhin: Dass Eliska keine Aufenthaltsgenehmigung hat und von Abschiebung bedroht ist, weil gleichgeschlechtliche Paare anders als heterosexuelle in Spanien nicht heiraten dürfen, thematisiert das 2002 gedrehte Erstlingswerk der Spanierinnen glaubwürdig. Um dann eine pragmatische Lösung anzubieten: eine Scheinehe im
engeren Freundeskreis.

Im Utopia 1 im Rahmen des Festivals des spanischen Films


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