KINO: Nachahmungstäter erwünscht

Im Utopia

„Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“: Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg.

Widerstand in Berliner Villen und auf der österreichischen Alm: Regisseur Hans Weingärtner zeigt im globalisierungskritischen „Die fetten Jahre sind vorbei“ politisches Kino mit einer Prise Ironie.

Sie sind jung, sie sehen gut aus, sie sind cool. Jan (Daniel Brühl), der Gerechtigkeitsfanatiker und Peter (Stipe Erceg), der Hobby-Anarchist, der nebenbei an seiner Karriere bastelt. Mitten in der sozialen Krisenstimmung leisten sie liebevoll-radikalen Widerstand gegen die Reichen. „Die fetten Jahre sind vorbei“, so lautet ihre Botschaft, die sie in den Villen hinterlassen, nachdem sie dort gehöriges Chaos gestiftet haben.

Der Österreicher Hans Weingärtner, der in der Revoluzzer-Stadt Berlin selbst Mitte der 90er Jahre Hausbesetzer war, lanciert mit seinem zweiten Spielfilm eine Kampfansage: All jene, die dabei sind den Glauben an ihre Ideale zu verlieren, sollen diese gerade jetzt verteidigen. Dem Regisseur und diplomierten Gehirnforscher Weingärtner geht es um „poetischen Widerstand“, nicht um Gewalt, nicht einmal um Diebstahl. Die Stereoanlage endet im Kühlschrank und die Meißner Porzellansoldaten im Pissoir. Einen treffen, hundert in Schrecken versetzen und erziehen.

Jan und Peters Rachefeldzug gegen den Kapitalismus wird unerwartet schwierig, als sich die beiden plötzlich mit realen sozialen Problemen konfrontiert sehen. Peters Freundin, die Kellnerin Jule (Julia Jentsch) muss 100.000 Euro an einen Berliner Bonzen abstottern, weil sie mit ihrem unversicherten Auto seiner S-Klasse hinten draufgefahren ist. „Wild und frei“ wollte sie leben, „auch wenn das eigentlich jeder sagt“. Ihr wird bewusst, dass sie diesen Traum wahrscheinlich für immer verloren hat. Intimes und Soziales vermischen sich, als sich zwischen Jan und Jule eine Beziehung anbahnt.

Und dann steht Jule eines Tages bei einer Tour durch die Villenviertel dem S-Klasse-Fahrer Hardenberg (Burghardt Klaußner) gegenüber. Die Ereignisse überschlagen sich: Mit dem Kapitalisten im Kofferraum fliehen Jule, Jan und Peter in eine Tiroler Berghütte. Die dramatisch beginnende Entführung wird schon bald zu einem äußerst skurrilen Alm-Szenario. Burghardt Klaußner spielt hier brillant eine unergründliche, mephistophelische Figur. Er, der heute zum Establishment zählt, kifft, outet sich als Alt-68er und übernimmt dabei mehr und mehr das Kommando auf der Alm. Nüchtern und desillusioniert erzählt er vom Verlust seiner Ideale. „Und plötzlich ertappst du dich in der Wahlkabine, wie du das Kreuzchen bei der CDU machst.“

Schon bald wächst den Dreien die Situation über den Kopf. Beziehungen aber auch politische Überzeugungen werden hart auf die Probe gestellt. „Wir haben es nicht getan, um die Welt zu retten, sondern nur für unseren eigenen Arsch“, sagt Jan.

Weingärtners Handkamera bleibt dicht an den Schauspielern und lässt die Bilder für sich sprechen. So verpackt er das diffuse Anti-Globalisierungsgefühl der jungen Generation mit großem Charme in kleine Aktionen und zeigt auch ihre Orientierungslosigkeit angesichts der neuen Weltordnung. Das, „was früher subversiv war, kannst du heute im Laden kaufen“. Der Regisseur drehte zwei mögliche Schlusssequenzen und hielt schließlich an der idealistischeren Variante fest: Der Widerstand geht weiter. „Manche Menschen ändern sich nie“, aber „die besten Ideen überleben“.


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