ARBEITSPLATZABBAU: Porzellan kitten

von | 21.11.2003

Villeroy & Boch legt Wert auf Tradition – auch in puncto Personalpolitik. Die geplanten massiven KĂĽndigungen reihen sich ein in die lange Kette eines gezielten Personalabbaus.

„195 Arbeiter sollen entlassen werden – aber wo bleibt der Widerstand?“ fragt der Leitartikler der „Zeitung vum LĂ«tzebuerger Vollek“ empört. Wenn auch im ĂĽblichen altlinken Slang, das kommunistische Blatt war die einzige Tageszeitung, die sich angesichts des von Villeroy & Boch angekĂĽndigten radikalen Stellenabbaus wirklich erboste. Und sogar „eine gewisse GewerkschaftsbĂĽrokratie“ nicht verschonte, welche mithelfe, die „Seuche“ Sozialpartnerschaft zu verbreiten.

WĂĽrde der Stellenabbau bei einer Bank oder in der Stahlindustrie vonstatten gehen, wäre die Reaktion der Ă–ffentlichkeit auf diesen Kahlschlag – immerhin sollen 28,5 Prozent der Belegschaft entlassen werden – tatsächlich wohl eine andere. Sollte das wohl daran liegen, dass in diesem Betrieb vier FĂĽnftel der Beschäftigten von jenseits der Grenze kommen, und dass 59 Prozent der von den KĂĽndigungen betroffenen Arbeiterschaft Frauen sind? Es ist ĂĽbrigens nicht das erste Mal, dass bei Villeroy die Effektive des Standorts Luxemburg reduziert werden: Im Jahr 2000 waren bereits 85 Arbeitsplätze abgebaut worden, und insgesamt hat die Firma – nicht allein in Luxemburg – seit 1997 eine Politik des systematischen Stellenabbaus betrieben.

Die anstehenden KĂĽndigungen motiviert Villeroy mit Absatzschwierigkeiten, der Konkurrenz von Billigländern und der Automatisierung der Produktion. Wer sich allerdings eingehender mit der Politik des Porzellanproduzenten befasst, muss gegenĂĽber dieser Argumentation stutzig werden. Sicher, das aktuelle europäische Konjunkturtief geht gerade an einem Produktbereich nicht vorbei, der einerseits bei der Kundschaft auf gehobenere AnsprĂĽche setzt und der andererseits die Schwankungen der Währungskurse zu spĂĽren bekommt. Villeroy gibt aber selbst an, dass die Produktionskapazitäten in Luxemburg durch den Einsatz von Robotern stark erhöht werden sollen. Und die Firma setzt seit Jahren gezielt auf eine Politik der Diversifizierung und des Outsourcing. So wurden massiv Joint Ventures bzw. Ăśbernahmen von Betrieben aus Skandinavien, Tschechien, der Slowakei oder Italien angeleiert. In einer Mitteilung von Ende Oktober heiĂźt es gar, dass der in Luxemburg gegrĂĽndete, aber von Mettlach aus geleitete Keramikspezialist fĂĽr 2004 wieder mit „einer RĂĽckkehr in die Gewinnzone“ rechne. Aus all diesen Faktoren ergibt sich eher der Eindruck einer gezielten Firmenstrategie denn einer unerwarteten Krise. Dass der Ableger Luxemburg dabei arg in Mitleidenschaft gezogen wird, interessiert den zum „global player“ mutierten einstigen Familienbetrieb da wenig. Es dĂĽrfte wohl vor allem der Prestige-Faktor „Traditions-Standort“ sein, der letzteren bislang vor noch radikaleren Konsequenzen geschĂĽtzt hat. Automatisierung ist Trumpf: Da werden nicht nur Arbeitsplätze ĂĽberflĂĽssig, es lohnt auch nicht mehr, ältere Akkordarbeiterinnen fĂĽr die technischen Entwicklungen fit zu machen. Von der an sich positiven Modernisierung profitiert wieder mal die Firma, nicht die Belegschaft.

Nun dĂĽrfen die Gewerkschaften der völlig ĂĽberrumpelten Belegschaft helfen, den Schock zu verdauen, und den Arbeitsplatzabbau so erträglich wie möglich zu „gestalten“. Zwar wurde von dieser Seite angedeutet, das Thema ArbeitszeitverkĂĽrzung dĂĽrfe bei den anstehenden Verhandlungen kein Tabu sein. Prioritär aber werden die gesetzlich vorgesehenen MaĂźnahmen anvisiert: DrĂĽcken der KĂĽndigungszahl, Suche nach internen oder externen Ersatzarbeitplätzen und das Aushandeln der „Enveloppe“, sprich einer Abgangsentschädigung. Widerstand steht bislang nicht auf dem Programm.

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