PISA-DEBATTE: Liberale Maskerade

Die Elite stützen, den Status quo schützen: Ex-Bildungsministerin Anne Brasseur attackiert die Arbeit ihrer Nachfolgerin und zeigt, was Bildungsoffensive für die DP wirklich heißt.

Ginge es nach der ehemaligen Bildungsministerin dürfte „lamentabel“ wohl das Wort sein, das die gegenwärtige Bildungspolitik der Regierung am besten beschreibt. In ihrer Rede zur Pisa-Debatte in der Chamber am vergangenen Dienstag ließ Anne Brasseur (DP) an ihrer sozialistischen Nachfolgerin Mady Delvaux-Stehres kein gutes Haar. Das ist an sich nicht erstaunlich, schließlich treten DP und LSAP für unterschiedliche Werte ein. Wo die einen die Leistungen des Einzelnen und den Markt sehen, betonen die anderen Chancengleichheit und eine Schule für alle. In dem Sinne war es nur konsequent, dass die DP-Politikerin als Bildungsministerin zunächst die Finanzierung der Privatschulen absicherte.

Spätestens nach dem miserablen Abschneiden von Luxemburgs SchülerInnen bei Pisa 2000 war aber klar: Die öffentlichen Schulen stecken in einer tiefen Krise, an Reformen führt kein Weg mehr vorbei. Es folgte die Neuorganisation der Lyzeen, Reformvorschläge für das 1912er-Primärschulgesetz sowie für die Lehrerausbildung, eine Neuauflage der Kommunikation mit den verschiedenen Schulakteuren. Ebenfalls unter Brasseur wurden die Lehrpläne im unteren Zyklus probeweise entschlackt, das Sprachenproblem wurde neu andiskutiert und auch eine Reform des lange vernachlässigten Régime préparatoire auf den Weg gebracht. Anders als zuvor die CSV hatte, so schien es, die DP den Ernst der Lage erkannt und schickte sich an, Lösungen zu suchen. Dies ungeachtet liberaler Orthodoxien.

Dass der Schein trügen kann, hat jetzt die Pisa-Debatte gezeigt. Die Schule sei kein Club Med, polemisierte die Ex-Ministerin böse wie zu Beginn ihrer Amtszeit.

Vehement pocht sie auf Nachexamen, Noten und Begriffe wie Leistungsbereitschaft und Disziplin. Wer nur fleißig lernt, aus dem wird auch etwas. So lautet die Bildungsmär der DP – und das trotz Pisa-Resultate und hauseigener Daten über Schulabbrecher und Sitzenbleiber. Offenbar hatte Brasseur mit ihrem Back-to-Basics-Slogan nie die Lernschwachen, die Mehrheit in Luxemburgs Schulen im Sinn gehabt, sondern allein die Elite. Dass das luxemburgische Schulwesen ausländischen und sozial benachteiligten Jugendlichen systematisch schlechtere Bildungschancen zuweist, wird plötzlich wieder ausgeblendet. Ebenso die Tatsache, dass Hausaufgaben soziale Nachteile eher verschärfen als sie zu beheben. Wenn nämlich Kinder, deren Eltern kaum lesen oder schreiben können, allein über die Aufgaben büffeln müssen und für dürftige Ergebnisse später einen Rüffel vom Lehrer riskieren.

Dass nicht alle Jugendliche über dieselben intellektuellen Fähigkeiten verfügen und zur Uni gehen können, wie die DP betont, ist eine Binsenweisheit. Die Zahlen zeigen aber: Luxemburgs Schulsystem bildet (zu) viele Kinder mäßig bis schlecht aus – und gehört zugleich zu den teuersten der Welt. Eine kritische Evaluation der Schulwirklichkeit, wie sie Brasseur begonnen und wie sie Delvaux-Stehres jetzt auch für den Primärunterricht angekündigt hat, ist da nur folgerichtig. Selbst die CSV hat das erkannt und will, glaubt man den Worten ihres bildungspolitischen Sprechers François Maroldt, statt „Zickzackkurs“ und „Flickarbeit“ nun grundlegende Reformen.

So lässt der Brasseur’sche Frontalangriff auf die aktuelle Bildungspolitik eigentlich nur zweierlei Schlussfolgerungen zu: Entweder die Politikerin hat ihre Wahlniederlage noch immer nicht verwunden und attackiert deshalb blindlings und politisch stillos Reformvorschläge, von denen sie etliche vor wenigen Monaten noch selbst gemacht hat. Oder die unter ihrer Ägide begonnenen, behutsamen Erneuerungen basieren letztlich auf elitärem, ultra-liberalem Gedankengut, das die von Pisa I und II festgestellten, ungleich verteilten Bildungschancen in Wirklichkeit gutheißt. Beides ist lamentabel.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.