DENKMALSCHUTZ: Planlos abreißen?

Während die einen noch diskutieren, schaffen andere bei den Escher Hochöfen Fakten. Denkmalschützer schlagen Alarm.

Nichts als Schrott?

Nationales Kulturgut in Gefahr! – Zu einer solch drastischen Formel sehen sich Luxemburgs Denkmalschützer mittlerweile gezwungen, um auf die Sanierungsarbeiten der Hochofenanlage in Esch-Belval aufmerksam zu machen. Dort wird „ohne Konzept und ohne Transparenz gearbeitet“, so die Bilanz von Francis Hengen vom Mouvement écologique. Eine vom Kulturministerium versprochene und viel zitierte Kooperation mit Interessengruppen oder Vereinigungen wie der „Amicale des Hauts Fourneaux“ habe kaum stattgefunden. Wer nicht selbst nachgehakt habe, sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden – auch die Denkmalschutzbehörde, resümiert Hengen.

Deshalb also die Pressekonferenz unter dem Titel „Nationales Kulturgut noch immer in Gefahr! Was ist der Wert der Versprechen des Premiers und des Kulturministers?“, zu der Amicale und Méco in der vergangenen Woche geladen hatten. Verlangt wurde ein sofortiges Moratorium, um sämtliche Abrissarbeiten am Hochofen A und den peripheren Elementen zu verhindern. Denn: Wenn der Fonds Belval mit seinen so genannten „travaux de stabilisation du site“ fertig sei, verblieben am Ende nur noch das Skelett des Hochofens A mit einem Maschinenraum und der Rumpf des Hochofens B mit einem gueulard sans cloches – und sonst nichts mehr, befürchtet die Amicale. Vom integralen Erhalt der Hochofenanlage A, deren einstige Funktion noch erkennbar ist, könne dann nicht mehr die Rede sein.

Aus der Sicht der Denkmalschützer vor allem problematisch: Der so genannte „Kompromissentwurf“, den die Regierung im Februar 2005 gestimmt hat, sehe zwar den integralen Erhalt des Hochofens A und sowie den der Silhouette des Hochofens B vor. Doch sei das eben lediglich ein Konzept gewesen. „Und ein Konzept ist wie ein Gummiparagraph, den ich jeden Tag neu auslegen kann“, beschreibt Marcel Bouschet von der Amicale das Problem. „Niemand kann verantwortlich gemacht werden, weil keine klaren Vorgaben existieren.“

Wohl lägen Abrisspläne aus dem Jahre 2005 vor. Jedoch hätten Regierungsmitglieder in den Jahren 2006 und 2007 gegenüber dem Mouvement und der Amicale Versprechungen gemacht, die über diese Pläne hinausgehen. Kulturminister Biltgen, Staatssekretärin Modert und selbst Premierminister Juncker haben laut Hengen einen umfassenderen Erhalt der Anlage zugesagt, als auf den in Esch ausliegenden Plänen notiert. Jedoch gewinne man mittlerweile den Eindruck, dass die Aussagen der Regierungsvertreter nicht verbindlich genug waren, um auch beim Fonds Belval gehört zu werden – bei der Stelle also, die für die Abrissarbeiten verantwortlich ist.

„Die vom Kulturministerium viel zitierte Kooperation mit Interessengruppen hat kaum stattgefunden.“

Noch im Januar 2007 hatten Kulturminister Biltgen und Staatssekretärin Modert nach einer Unterredung mit dem Mouvement in einem Pressecommuniqué festgehalten, „dass sich der Denkmalschutz nicht nur an der Erhaltungswürdigkeit punktueller Objekte, sondern an fachlich und gesellschaftlich begründeten Zielsetzungen, einem entsprechenden Gesamtkonzept orientieren“ solle. Konkret bedeute das: Ausschließlich „Instandsetzungsarbeiten an der Hochofenanlage A“. Die Abrissarbeiten seien auf Teile der Hochofenanlage B zu begrenzen.

Letzte Woche dann hat der Minister in einem Brief die Amicale vor vollendete Tatsachen gestellt. Von zwölf konkreten Vorschlägen der Denkmalschützer zum Erhalt des Hochofens ist lediglich einer berücksichtigt worden – der Maschinenraum.

Auch sonst sind die AktivistInnen besorgt darüber, was vor Ort passiert. Beispiel: der Highway der Hochofenterrasse. Diese einigermaßen spektakuläre Haupt-Transportader, die in einer Höhe von sieben Metern einst die zentrale Verbindung zwischen den drei Hochöfen war, erlaubte es, Personal und Maschinen schnell und bequem von einem Ofen zum anderen zu bringen. „Jeder Fachmann, der auf der Anlage war, ob Architekt oder Urbanist, hat sich für den Erhalt des Highway ausgesprochen, als Verbindung zwischen dem geplanten Bahnhof auf der einen Seite und der Uni auf der anderen“, meint Hengen. So habe auch der Gewinner des Architekturwettbewerbes, das Architekturbüro „Baumschlager und Eberle“, den Highway in die Planung zur „maison du savoir“ der Uni integriert.

Aber wiederum hat der Fonds Belval Anfang Februar laut der Amicale Fakten geschaffen und den Highway auf einer Strecke von mehreren Metern einfach demontiert. Angeblich, um die Gießhalle im Hochofen B abbauen zu können. Auf diese Weise werden stückweise und mutwillig Tatsachen geschaffen, moniert die Amicale: „Nach einer Weile heißt es dann, der Highway sei baufällig gewesen, weshalb man ihn habe abreißen müssen,“ meint Guy Bock, Sekretär der Amicale. Schon habe Kulturminister Biltgen in einem rezenten Brief an den Mouvement erklärt: „Pour ce qui est du highway, le Fonds Belval a demandé à plusieurs bureaux d’architectes de proposer une réinterprétation de cette structure. Cette réinterprétation est nécessaire notamment au vu des problèmes de luminosité que la structure pose pour les étages inférieurs de la pépinière d’entreprises.“ Der Méco hat bei Fachleuten nachgefragt. Die sind sich einig, dass es kein Problem sei, den Highway architektonisch so in Stand zu setzen, dass er über ausreichend Licht verfügt. “ ?Réinterpetation‘ bedeutet nichts anderes, als dass der Fonds Belval den Highway gerne abreißen würde“, ist sich Hengen sicher. Warum jedoch können diese Elemente nicht bestehen bleiben – zumindest so lange, bis eine konkrete Verwendungsidee vorliegt, wie vom Ministerium versprochen?

„Der von der Regierung votierte Kompromiss ist auslegbar wie ein Gummiparagraph.“

Das Kulturministerium habe im besagten Pressecommuniqué von 2007 zugesagt, dass über den Erhalt des Highways und der anderen Elemente der Hochofenanlage erst mittels der von den Architektenbüros eingereichten Vorschlägen entschieden werde. Einmal mehr sieht die Praxis anders aus. So wurde etwa Anfang Februar das Pumpenhaus abgerissen, das tagtäglich für den Kühlkreislauf eine Wasserzirkulation umsetzte, die der Menge des Gesamtkonsums der Stadt Esch entspricht. Für die Amicale ist es unverständlich, warum jene Anlagen abgerissen und nicht in das Konzept eines „Centre national de culture industriel“ (CNCI), das dort vorgesehen ist, integriert wurden. Die Liste der ?verschwundenen‘ und gefährdeten Bauteile ist verlängerbar.

Das Fazit der Denkmalschützer: Wird mit dieser ?Salamitaktik‘ der Abrissarbeiten fortgefahren, kann bald nicht mehr von einem Erhalt der Anlage gesprochen werden, wenn diese auf eine pseudo-historische „Carcasse“ reduziert wird, glaubt der Méco.

Während von Kulturminister Biltgen zu den Vorwürfen keine Stellungnahme zu erhalten war, wehrt sich Alex Fixmer, Vorsitzender vom Fonds Belval, dagegen, den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen: „Alle Abrissarbeiten beruhen auf einer Regierungsentscheidung. Ich akzeptiere nicht, dass uns vorgeworfen wird, wir würden in der Illegalität arbeiten“, betont Fixmer.

Der Mouvement und die Amicale wünschen sich mehr Transparenz. „Wir würden gerne konkrete Architekturpläne sehen und verstehen, warum etwas abgerissen wird“, meint Francis Hengen. Deshalb will man nun erneut einen Appell an das Kulturministerium richten und eine Informationsversammlung organisieren. Wichtigste Forderung: endlich die Begleitgruppe aus Vertretern der Denkmalschutzbehörde einzusetzen.


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