IMPFUNG: Profit beim Behandeln von Krebs

Die Pharmaindustrie wirbt mit einem neuen Impfmittel gegen Erreger des Gebärmutterhalskrebses – teils mit fragwürdigen Mitteln.

Seit kurzem ist ein neuer, aber teurer Impfstoff auf dem Markt. Er soll gegen so genannte Papillomaviren (HPV) schützen, die Gebärmutterhalskrebs verursachen können. „Das Mittel sollte jeder zugänglich sein – unabhängig vom Einkommen“, meint Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo bei der Vorstellung des neuen Stoffes, dessen Kosten integral vom Staat sowie den Krankenkassen getragen werden. So sei er wenig erfreut gewesen über die aggressive Art, mit der das Mittel vom Hersteller angepriesen wurde – überdies zu einem stolzen Preis. Der Wirkstoff, dessen Schutzfunktion sich erst nach drei Spritzen vollständig aufgebaut hat, kostet in der Apotheke rund 385 Euro pro Person. Falls sich alle jungen Frauen zwischen 12 und 18 Jahren impfen ließen, die ab ersten März ein Anrecht auf die Schutzimpfung haben, beliefen sich die Kosten für das Gesundheitsministerium auf rund 6 Millionen Euro – rund zwei Mal soviel wie das gesamte Budget für alle zwölf sonstigen Kinderimpfprogramme.

Fatal jedoch ist dieser Preis insbesondere für ärmere Länder: In den Industrieländern hat der Gebärmutterkrebs wegen verbesserter Hygiene und Früherkennungsmaßnahmen in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Laut Danielle Hansen-Koenig vom Gesundheitsministerium erkranken in Luxemburg jährlich zwischen 13 und 26 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Dagegen kommt diese Krebsart in den Schwellen- und Entwicklungsländern viel häufiger vor. Rund 80 Prozent der weltweit jährlich neuen Fälle von Gebärmutterhalskrebs sind in solchen Ländern zu verzeichnen. Gerade dort wäre eine HPV-Impfung bitter nötig – ist jedoch aufgrund der hohen Kosten kaum durchführbar. „Die Pharmapreise resultieren auch aus dem Unvermögen der EU-Länder mittels einer gemeinsamen Haltung im Vorfeld mit den Produzenten günstigere Übereinkünfte zu finden“, so Di Bartolomeo. Er wolle sich persönlich dafür einsetzen, dass die Pharmaindustrie, die in den EU-Ländern ein gutes Geschäft mache, mehr dafür unternimmt, damit der Impfstoff auch ärmeren Ländern zugänglich wird.

Doch nicht nur wegen der hohen Kosten des Stoffes steht die Pharmaindustrie in der Kritik. Bemängelt wird auch, dass er erst seit fünf Jahren getestet werde. Die Wirkungsdauer ist noch gar nicht abschätzbar. Auch ob die „Nebenwirkungen“ des Wirkstoffs ausreichend erforscht wurden, wurde jüngst wieder in Frage gestellt, nachdem zwei Mädchen aus Deutschland und Österreich, die zum Kreis der Geimpften gehört hatten, aus noch ungeklärten Ursachen verstorben waren. „Jedes neu eingeführte Impfprogramm unterliegt einer Kosten-Risiko-Rechnung. Bei der HPV-Impfung ist diese bisher ganz positiv“, beschwichtigt Hansen-Koenig und verweist, darauf, dass man in Luxemburg die Impfung erst eingeführt habe, nachdem das „European Center for Disease Prevention and Control“ am 22. Januar 2007 eine offizielle Empfehlung herausgegeben hatte.

Kritisiert wird allgemein die teils irreführende Art, mit der die Pharmaindustrie für das Mittel wirbt: So wird es vollmundig als erster Impfstoff gegen den Krebs angepriesen. Weniger laut gesagt wird, dass der Wirkstoff nicht vor Krebs an sich, sondern bloß vor zwei so genannten Hochrisikoviren schützt, die für rund 70 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind.

Das Impfprogramm kann sich insofern kontraproduktiv auswirken, als eine falsche Sicherheit vermittelt wird. Im Klartext heißt das: Die Impfung macht Vorsorgeuntersuchungen und Kondome nicht obsolet. Denn letztlich garantiert der Impfstoff nur einen Teilschutz bei jungen Frauen, die sich noch nicht bei Sexualkontakten angesteckt haben.


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