AIDS-KONGRESS: Das ABC von Toronto

Weltweit steigen die Ausgaben zur HIV-Bekämpfung, aber auch die Zahl der unbehandelten Opfer nimmt zu.

„Abstinence, Be faithfull and use Condoms“ – so lautet in den englischsprachigen Ländern Afrikas eine der Parolen, die knapp, aber bestimmt erläutern, worauf es bei der Aidsbekämpfung ankommt. Dieses Aids-ABC war an sich bereits ein Zugeständnis an konservative Kreise, die vor allem in sexueller Enthaltsamkeit die Lösung für eine Epidemie sehen, die seit ihrer Entdeckung den Tod von mehr als 25 Millionen Menschen gefordert hat. So hat es Jahre gedauert, bis in den am stärksten betroffenen Ländern des afrikanischen Kontinents der Gebrauch des Kondoms erst enttabuisiert, und dann propagiert werden konnte.

Anlässlich der in dieser Woche stattfindenden Weltaidskonferenz in Toronto wurde vielfach bemängelt, dass das „C“ wieder mancherorts aus den Kampagnen verschwunden sei. In Uganda geschah dies auf Geheiß der hauptsächlich US-amerikanischen Geberorganisationen, die sich ihrerseits auf die Bush-Regierung berufen. Ein Drittel der von den USA für die Aids-Bekämpfung eingesetzten Gelder müssen in Projekte fließen, die Abstinenz propagieren. Entsprechend sind die Kondome von T-Shirts, Plakaten und aus den Werbesendungen verschwunden.

Dies blieb nicht ohne Folgen: Viele Betroffene interpretieren dieses Ausblenden des Präservativs aus den offiziellen Kampagnen als Infragestellung seiner Wirksamkeit an sich. Der Kondom-Verbrauch ging zurück, ob dafür die Enthaltsamkeit aber zugenommen hat, konnte bislang statistisch nicht erfasst werden.

Trotz aller Kritik bemühte sich Ex-Präsident Bill Clinton in Toronto, die Politik seines Nachfolgers zu verteidigen. Mit den Verbleibenden zwei Dritteln der Gelder des 2003 aufgelegten Anti-Aids-Programms sei immer noch eine Menge Positives zu leisten. Er gab aber auch den KritikerInnen Recht: Abstinenz-Programme sind in Gesellschaften, in denen Frauen und Mädchen zum Heiraten und Sex gezwungen werden, unwirksam.

Aber nicht nur der amerikanische Präsident zog die Kritik der Anti-Aids-AktivistInnen auf sich. Es wurde auch bemängelt, dass im 25. Jahr nach der Aids-Entdeckung kaum politische Akteure den Weg nach Toronto gefunden hatten.

Dabei ist der weltweite Kampf gegen die Immunschwäche-Krankheit an einem Wendepunkt angelangt: Nachdem jahrelang darum gestritten wurde, Aids-Medikamente herzustellen und weltweit anzubieten, geht es jetzt darum, möglichst viele Menschen von den neuen Erkenntnissen profitieren zu lassen. Von den weltweit 35 bis 40 Millionen Infizierten – neun von zehn davon in so genannten Entwicklungsländern – haben die wenigsten eine Perspektive jemals mit Medikamenten versorgt zu werden. Wie WHO-Direktor Kevin De Cock zugeben musste, wird bislang nur ein Viertel der knapp sieben Millionen Bedürftigen, bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen ist, in den armen Regionen der Welt mit Medikamenten versorgt. Besonders schlimm: Bei Kindern unter 15 Jahren fällt der Therapie-Anteil unter zehn Prozent.

Auch wenn es noch keine Impfung gegen Aids gibt, so könnten doch Millionen Menschen ein einigermaßen normales Leben führen. Doch es fehlt an Mitteln und vor allem an geschultem Personal, das zur Vermeidung sowie Früherkennung von Aids beitragen, sowie eine Behandlung vor Ort leisten kann. Jetzt rächt sich eine Politik, die in den 80er Jahren ihren Ursprung hat: Die Gesundheitsdienste sind hoffnungslos überfordert, das fachlich geschulte Personal wandert aus ökonomischen Gründen in die reichen Länder ab.

„Pillen statt Profit“ – die in Toronto ebenfalls präsenten Anti-Aids-Organisationen weisen daraufhin, dass die Pharmaindustrie ihre Medikamente in bedürftigen Regionen billiger abgeben soll. Um Aids zu bekämpfen sind wirksame Medikamente zwar unabdingbar, doch müsste auch mehr Geld für ausgebildetes Personal und angepasste Infrastrukturen zur Verfügung stehen. So lange dieses nicht der Fall ist, wird das Motto von Toronto „Time to deliver“ – also das Versprechen jedem Menschen, eine Behandlung zu ermöglichen – unerfüllt bleiben.


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