NATIONALE EMBLEME: Flagge zeigen

Neue Wimpel braucht das Land. Wirklich?

Zumindest eines hat der Fraktionsvorsitzende der CSV geschafft: In einer Woche voll von hochkarätigen Presseterminen ist es ihm gelungen, mit seinem nach eigener Einschätzung „nicht wichtigsten Thema unserer Zeit“ die Hoheit über die Stammtische zurück zu erlangen. So manche PressekollegInnen hegten den Verdacht, mit dem Trikolore-Nein-Danke-Thema wolle Michel Wolter (CSV) von der Schmach des Herrscherhauses und dessen ursprünglich zum Verkauf freigegebenen Kluncker ablenken. Ob dem wirklich so ist, das weiss mit letzter Gewissheit wohl nur der Autor der „proposition de loi portant modification de la loi du 23 juin 1972 sur les emblèmes nationaux, telle qu’elle a été modifiée“. Tatsache ist jedenfalls, dass Fahnen, Wimpel, großherzogliche Juwelen und dergleichen eine Klientel interessieren, derer die CSV in den letzten Jahrzehnten verlustig ging.

Nun ist es das Recht eines jeden Abgeordneten, Gesetzesvorschläge einzubringen. Er darf dies sogar, anders als die CSV es anscheinend von ihren Abgeordneten verlangt, ohne das Plazet seiner FraktionskollegInnen einholen zu müssen. Wie heißt es so schön: Der Abgeordnete ist nur dem Großherzog und seinem Gewissen verpflichtet. Aber Michel Wolter ist ja nicht irgendein Abgeordneter. Er ist Chef der größten Regierungsfraktion. Eine „proposition de loi“ aus seiner Feder hat somit einen anderen Stellenwert. Das werden wir spätestens dann feststellen, wenn der Gesetzesvorschlag seinen geregelten Weg durch die Instanzen nehmen wird. Denn das wird er, dafür wird Michel Wolter selber Sorge tragen.

Anders als die vielen „propositions de loi“, die in den Schubläden der Chamber oder des Staatsrates so lange vergilben, bis man ihre AutorInnen zu Grabe getragen hat, wird Wolters sechszeiliges Gesetz Spruchreife erlangen – außer der Autor zieht es zurück. Sei es, weil er einsieht, dass seine 300 Bekannten, die ihm mehrheitlich in seinem Ansinnen Recht gegeben haben, nicht ganz so repräsentativ sind, wie angenommen; sei es, weil der Anlass, den angekratzten Luxemburger Nationalstolz wieder etwas aufzumöbeln, nicht mehr so dringlich scheint.

Der Zeitpunkt seiner Initiative sei unabhängig von aktuellen Beweggründen, behauptet der CSV-Politiker. Er sei mit dem 1993 gefundenen Kompromiss, die Luxemburger Trikolore mit einem hellen Blau auszustatten, um sie von der niederländischen zu unterscheiden, nie zufrieden gewesen. Er sieht sich wohl demnach als Pragmatiker: Wenn es die verschiedenen Protokollchefs in der Welt nicht hinkriegen, bei offiziellen Anlässen mit Luxemburger Beteiligung die holländische von der luxemburgischen zu unterscheiden, dann kramen wir eben den „Roude Léiw“ hervor, denn der ist ja unverwechselbar.

Michel Wolter, ansonsten kein großer Fan von Plebisziten, ist sich sicher, dem Wunsch der Mehrheit zu entsprechen: Schon jetzt seien bei der Mehrheit von wichtigen Anlässen, bei denen patriotische Zeichen zum Vorschein kommen, der rote Löwe gegenüber der Trikolore in der Überzahl.

Nun mag man von Nationalfahnen halten, was man will, je weniger Insignien sich darauf befinden, desto unverfänglicher sind sie. Das Rot-Weiss-Blau hat ja nicht von ungefähr Ende des revolutionären 18. Jahrhunderts in die holländische Fahne gefunden. Auch wenn wir uns unsere Monarchie immer noch leisten wollen oder können, so lasst uns doch wenigstens die Farben der Revolution. Symbole, besonders wenn sie akribisch bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden, sind ja nicht nur wegen der Ästhetik wichtig: Sie wollen uns auch etwas sagen. Der „Roude Léiw“, in seinen diversen Formen war das ausgeklügelte Symbol der selbsternannten Herrscher der Region. Gibt es im 21. Jahrhundert nicht andere Werte, die uns so wichtig erscheinen, dass wir sie uns unbedingt auf die Fahnen schreiben müssten?


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