FOTOGRAFIE: China by night

Die Ausstellung „Marche forcée“ des Fotografen Samuel Bollendorff fokussiert die dunkle Seite Chinas – und zwar ausschließlich.

In der chinesischen Provinz Sichuan gibt es ein Tal, das nach dem Bau des Stausees Pubuguo vollkommen überflutet worden ist. Hunderttausend Landwirte, die vorher in den fruchtbaren Niederungen ihre Felder bebaut haben, mussten ihre Häuser verlassen und wurden zwangsumgesiedelt – teils hunderte von Kilometern entfernt. Den Betroffenen wurden Entschädigungen versprochen, die jedoch nie umgesetzt wurden. Doch die Perspektivlosigkeit in der Fremde und die starke Nachfrage an Arbeitern für den Bau der Staudämme führte einige der früheren Landwirte in ihre ehemaligen Heimatregionen zurück. Dorthin, wo sie sich nun als illegale Arbeiter am Aufbau der Staudämme beteiligen, jener Dämme, die sie letztlich ihre Existenz gekostet haben.

Dies ist eine der sozialen Realitäten, die der junge französisch-luxemburgische Dokumentarfotograf Samuel Bollendorff (siehe woxx 963) mit seiner Kamera zwischen 2006 und 2008 eingefangen und mit knappen Erläuterungen versehen hat. „Marche forcée“ nennt er seine Bilderserie, die als Auftragsarbeit für das „Ministère de la Culture et de la Communication française“ entstanden ist. Der Fotograf hat in seiner Bilderserie fast ausschließlich das dunkle China eingefangen, jenes, das die Zentralregierung in Peking am liebsten verbergen würde: Seine Bilder sind Schnappschüsse der dort lebenden Menschen, ihrer harten sozialen Realitäten und Arbeitsverhältnisse sowie der durch Umweltverschmutzung zerstörten Lebensräume. Dabei wirken die Aufnahmen mit ihrem leichten Gelbstich wie alte Erinnerungen aus dem Fotoalbum.

Bollendorff fotografierte Minoritäten in China, die Repressionen ausgesetzt sind. Er dokumentiert die Situation der verarmten Landarbeiter, die ihre Heimatdörfer verlassen haben und in andere Regionen Chinas emigriert sind, wo sie als „mingongs“, als Arbeiter ohne Arbeitserlaubnis, in den Kohleminen und Fabriken ausgebeutet werden. Er hat die Elendsviertel der Minenstadt Gujiao fotografiert, wo die Arbeitsimmigranten ohne fließendes Wasser und ohne Sozialabsicherung in provisorisch zusammengebauten Hütten leben und viele sich aufgrund der starken Luftverschmutzung Atemwegserkrankungen holen. Dabei unterstützt er seine Bilder durch erläuternde Zitate. Etwa das eines jungen Arbeiters, der nach einem Minenunfall, bei dem zwölf Menschen starben und die Minenbesitzer geflohen sind, gesteht: „Ich habe Angst. Ich will nicht mehr in die Minen hinabsteigen. Hier herrscht Korruption. Das menschliche Leben hat keinen Wert mehr. Einzig der Profit zählt.“ Oder das eines alten Mannes, der erzählt, dass man früher sehr gute Krabben aus dem Fluss fischen und essen konnte und dort auch baden ging. Heute jedoch lägen die Bleiwerte im Wasser fünfzehn Mal höher als es die festgelegten Grenzwerte erlauben.

Bollendorff thematisiert mittels seiner Bilder die dunkle – ja fast apokalyptische – Seite Chinas. Er tut dies so ausschließlich und konsequent, dass es einem fast den Atem nimmt. Seine Art der Fotografie kommentiert unvermittelt – ja sie klagt arge Missstände an. Das Einzige, was man Bollendorff vorhalten möchte, ist dass man manchmal konkretere Erläuterungen zu den Bildern vermisst, weil bloße Gesprächsauszüge nicht genügend Informationen liefern.

Noch bis zum 31. August in der Abbaye de Neumünster.


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